"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Durch die Nacht fällt etwas Schnee...

Über die Boxhamsters habe ich ja schon geschrieben, eine Band für deren Oeuvre man 90 % des sonstigen Deutschpunks ohne Nachzudenken hergeben würde. Auf ihrer ersten LP hatten sie das definitive Silvesterlied, für mich unverständlich, dass es irgendwo Jahreswechsel geben könnte, bei denen nicht irgendjemand "Prost Neujahr Jr." summt (auch wenn es eher düster ist)...

Kommt gut rüber. Und möge das nächste Jahr eines sein, das es mit uns gnädig meint.

Montag, 29. Dezember 2014

Fuck Rock, Let's Art

(Manchmal gibt es Themen, die sowohl hierher  als auch in Ackerbau in Pankow passen. Dieses ist eines davon, auch wenn es zunächst nicht so scheint.)
Art Brut sind eine britische Post-Punk-Band, die mir, der ich ja den kontemporären Musikbetrieb nicht mehr sonderlich gut überblicke, vor ein paar Jahren positiv aufgefallen sind. Neben dem unvermeidlichen: "ja, das klingt wie ... und ..." fand ich die Band dann wirklich bemerkenswert und im besten Sinne aufregend (wie z.B. hier verewigt). Mehr oder weniger durch Zufall habe ich mitbekommen, dass der Sänger, Eddie Argos, ein Buch mit verschiedenen seiner Bilder und Texten herausgebracht hat, das ich mir dann über das Internet bestellt habe. Das Bändchen trägt den Namen Fuck Rock, Let's Art und enthält in mehreren Kapiteln Erläuterungen zu Eddie Argos Bildern, die zumeist auch mit Musikstücken verbunden sind. Eine sehr britische und kurzweilige Lektüre. Ich habe dann auch mitbekommen, dass Eddie Argos im Prenzlauer Berg eine Ausstellung seiner Bilder hatte, die kurz vor Weihnachten mit einem Solo-Konzert enden sollte. Nun habe ich nur sehr reduzierte Erfahrungen mit Verni- und Finissagen, ging dann aber schon aus Neugierde hin.

Die Galerie bestand aus zwei kleinen Räumen, die mit einer Treppe verbunden waren, Argos sang auf der Treppe zu der Begleitung einer Gitarrenspur auf seinem iPhone. Soundmäßig ging alles schief, was schief gehen konnte, trotzdem war es großartig. Argos ist ein geborener Entertainer. Gespielt wurden u.a. My little brother, Modern Art, Pump up the volume und Formed a Band. Fantastisch. Bei Modern Art erzählte Argos seine Erlebnisse im Van Gogh-Museum Amsterdam, u.a. seinen Versuch, ein Gemälde abzulecken und die Reaktion der Security darauf. Natürlich alles erfunden, aber Modern Art makes me want to rock out! Fantastisch (sagte ich das schon?). Bei der weiteren Beschäftigung mit der Band habe ich festgestellt, dass die alles Schlaue des Postpunks schön aufgegriffen und weiterentwickelt haben. Art Brut treten mit ihren schrillen Gitarren, dem bollernden Bass und den schön gesetzten Chören sogar teilweise das Erbe der ebenfalls heißverehrten B52s an (zu hören auf Good Weekend). Und sosehr ich Fußballpunklieder nicht ausstehen kann (mit Ausnahme von 60 von den Marionetz), St.Pauli ist ein Lied des Jahrzehnts.

Also, ich bin hier endlich mal wieder unreflektierter Fan, wenn auch wohl ein paar Jahre zu spät.

Und was hat das mit Pankow zu tun? Eddie Argos wohnt seit kurzem nur ein paar Minuten von mir entfernt. Wie er mir sagte, ist er der Auffassung, dass Pankow der beste Platz in Berlin ist, an dem er bislang wohnte. Wer bin ich, dass ich einem Rockstar widersprechen würde?


Samstag, 27. Dezember 2014

Der Bankrott des Bildungsbürgertums

Hab gerade aus dem Wohnzimmerregal die Bände der Weltbühne 1918-1932 ausgeräumt und dafür die diversen Floyd Gottfredson-Ausgaben 1930-1957 eingeräumt.

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Merkwürdige Weihnachtslieder (3)

Zum Abschluss der kleinen Reihe ein Blick nach Schweden, zu einer meiner Lieblingsbands. Ebba Grön, die man die schwedischen Clash nennen könnte, haben Anfang der 80er auch eine Single mit einer Version eines schwedischen Weihnachtsliedes aufgenommen. Während das Original wohl übersetzt "Nun lasst uns tausend Weihnachtskerzen anzünden" heißt, wird in der Ebba Grön-Version "Nun lasst uns tausend Menschenleben auslöschen" daraus. Der Text kontrastiert allerdings deutlich mit der schönen glatten Melodie.  Ich habe keine Ahnung, ob das Lied ein politisches Statement, reine Provokation oder einfach Quatsch war. Mein schwedischer Freund C. berichtete, dass dieses Lied in fast allen Musik-Boxen vorhanden war. Ich habe ihn dann mal gefragt, um was es in dem Lied denn ginge, er meinte nur, er habe nie auf den Text geachtet. Tja, also werden wir's nicht erfahren, auf meiner LP ist zwar der Text abgedruckt, aber da müsste man ja schwedisch können....* Das Lied ist auf jeden Fall ist sehr schön und man hat am Schluss einen wunderbaren "Lalala"-Chor. Meine Platte hängt an dieser Stelle, so dass man sehr lange Lalala hören kann.


*Manchmal vergesse ich ganz, dass es ja jetzt Interwebz gibt. Der Google Translator hilft zwar nur bedingt, aber ich habe jetzt soviel verstanden, dass in dem Lied die Weihnachtsstimmung mit dem kontrastiert wird, was draußen auf der Welt passiert. "Die Sterne Stockholms verströmen ihr kaltes Licht über die, die keinen Platz zum Wohnen haben." Die letzte Zeile enthält zwar eine Anspielung auf Kalle, Piff och Puff, Google Translator weiß, dass Piff und Puff Chip'n'Dale sind, wir kennen die als A-Hörnchen und B-Hörnchen. Das deutet darauf hin, dass "Kalle" davor auch nicht der Totenschädel ist, den Google Translator mir anbietet, sondern eher Kalle Anka, den wir wieder als Donald Duck kennen.** Also: Weihnachten, die Zeit, in der wir uns Disney-Filme im warmen Wohnzimmer ansehen, während es anderen auf der Welt schlecht geht. Hat sich also nicht viel geändert in den letzten 32 Jahren. Punkrock-Sozialkritik, mit dem Holzhammer serviert, aber ich bin ja Holzhämmern nicht immer abgeneigt. Möge jeder das seine tun, damit das Licht der Sterne nicht ganz so kalt bleibt. 

**Und wieder wirkt das Interwebz Wunder: Es gibt offenbar in Schweden eine Tradition an Weihnachten den Kurzfilm von Donald und A- und B-Hörnchen anzusehen, in dem Donald versucht, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Bevor das Lied aber aller Rätsel beraubt wird, gebe ich die Recherche lieber auf. 



Sonntag, 21. Dezember 2014

Merkwürdige Weihnachtslieder (2)

The Damned, die das Verdienst haben, mit "Damned Damned Damned" 1976 die erste Punk-LP herausgebracht zu haben, waren 1980 eher auf psychedelischen Wegen unterwegs und hatten damit im UK guten Erfolg. Wahrscheinlich kamen sie deshalb auf die Idee, auch einmal eine Weihnachtssingle aufzunehmen. Im UK lässt sich nämlich mit etwas wilderen Weihnachtssingles tatsächlich gutes Geld verdienen. Im November 1980 veröffentlichten The Damned die Single "There ain't no sanity clause", weder Musik noch Text sind aber sonderlich weihnachtlich. Ein nettes Punk-Lied, in dem jedes Bandmitglied in einer Strophe beleidigt wird und in dem es heißt: Dachtest du, ich glaube dieses Märchen von einem runden, fetten Typen, der lautlos Geschenke verteilt?

Ich weiß nicht, ob The Damned sich gewundert haben, warum das Lied nicht in den Charts auftauchte, richtig überraschend war's aber eher nicht. Rätselhaft erscheint aber zunächst der Titel des Liedes: Müsste es nicht "There ain't no Santa Claus" heißen? Der Titel spielt auf eine Szene aus dem Marx-Brothers-Film "A night at the opera" an: Groucho versucht mit Chico einen Vertrag zu schließen, Chico lässt sich jede Klausel vorlesen, findet sie nicht gut. Groucho reißt die entsprechende Passage jeweils aus dem Vertragstext. Am Schluss bleibt nur noch ein kleiner Schnipsel, eine Klausel, die besagt, dass bei fehlender geistiger Gesundheit (Sanity) einer der Vertragsparteien der Vertrag nichtig sei. Chico fragt, was das für eine Klausel sei, Groucho erwidert, das sei die Sanity Clause. Chico lässt sich nicht reinlegen, er weiß Bescheid: "There ain't no sanity clause!" (Die gesamten, sehr amüsanten Vertragsverhandlungen sieht man hier).

Samstag, 20. Dezember 2014

Merkwürdige Weihnachtslieder (1)

Irgendwann ist jemand auf den Gedanken gekommen, dass man doch populäre Sänger Weihnachtslieder aufnehmen lassen und damit einfach Geld verdienen kann. Dieser Erkenntnis verdanken wir LPs wie "Weihnachten mit Nicki" (die Älteren erinnern sich). Dann kam jemand auf die Idee, dass man doch nicht nur die bekannten Weihnachtslieder aufnehmen kann, sondern selber ein paar neue schreiben. Dieser Erkenntnis verdanken wir Lieder wie "Last Christmas".
Ich weiß nicht, ob irgendjemand protestieren würde, wenn man behauptete, dass diese Weihnachtsmusik meistens relativ medioker, wenn nicht gar gräßlich ist. Ich habe noch niemanden getroffen, der als Lieblingsalbum von seinem Star ein Weihnachtsalbum genannt hätte. Aber man braucht eben ein bisschen stimmungsvolles Hintergrundgedudel, und, hey, wenn nicht der Crazy Frog ein Weihnachtsalbum veröffentlicht,* macht's eben ein anderer.

Ab und zu gibt es unter diesen Weihnachtsliedern dann aber immer wieder welche, die zumindest etwas merkwürdiger sind als die anderen. Nicht unbedingt gut, aber zumindest interessant. Ein paar davon will ich in den nächsten Tagen vorstellen. 

Die Reihe beginnt mit Big Star, der Beat-Supergruppe, die leider um einige Jahre zu spät kam und deswegen zu Lebzeiten ziemlich unterging. Hier kann man etwas mehr dazu lesen. 1974 sitzt nun Sänger und Gitarrist Alex Chilton im Studio in Memphis Tennessee, um das dritte Album der Band aufzunehmen, während der Rest der Band nach und nach verloren geht, und alles, was als kommerziell verwertbar erscheint, im Alkohol versinkt. Die Zusammenstellung der Aufnahmen auf der "Third/Sister Lovers" gehört zu meinen liebsten Platten, auch wenn oder gerade weil man sich bei vielen Liedern nie ganz schlüssig sein kann, ob man gerade minimalistisches Genie, künstlerisches Unvermögen oder offene Sabotage hört. Und gerade dieses Album hat auch ein Weihnachtslied, das dazu noch "Jesus Christ" heißt (das wird der Produzent auch nach dem ersten Anhören gerufen haben). 


Schön orchestriert, der Text erzählt die Geschichte von den Hirten, gesungen von Chilton mit brüchiger, an manchen Stellen kindlich orientierungsloser Stimme. Wenn's vorbei ist, hat man das Gefühl, ein eher schmalziges Weihnachtsrocklied gehört zu haben, aber irgendetwas war seltsam und leicht beunruhigend. Diese kognitive Dissonanz passt doch schön zum modernen Weihnachten. 

*Die Kenntnis dieses Kleinods verdanke ich dem verehrten Jens Balzer, der heute in der Berliner Zeitung darüber schrob. 

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Vor 383 Jahren

1631 erschien anonym ("von einem ungenannten römischen Theologen") eine lateinische Schrift "Cautio Criminalis" - Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse.* Die Widmung war Seneca entnommen: "Ich will dir zeigen, was den großen Herren mangelt, und was denen fehlt, die alles besitzen: Einer, der die Wahrheit spricht."

Der Verfasser beschreibt die Realität der Hexenprozesse und vor allem die Rolle, die die Folter in ihnen spielt. Im der Vorrede schreibt er: "Den Obrigkeiten Deutschlands habe ich dieses Buch gewidmet; vor allem denen, die es nicht lesen werden, weniger denen, die es lesen werden."
In der Mitte des Buches kommt zum ersten Mal die Forderung,  "dass daher die Tortur völlig abzuschaffen und nicht mehr anzuwenden ist." Im Anhang stellt der Verfasser die Frage, was Folter und Denunziationen vermögen. Er beantwortet sie: "Sie vermögen nahezu alles. Aus diesem Grunde hat letzthin jemand recht geistreich die Folter allmächtig genannt. Es werden auch wahrlich nicht wenige Beispiele erzählt von Leuten, die, von der Tortur überwältigt, ganz falsche Geständnisse abgelegt haben und hingerichtet worden sind wegen Mordes an Menschen, die man hernach am Leben fand, und dergleichen mehr."

Dieser Mensch hatte, in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, umringt von religiösem Hass und Aberglauben, lange vor der Aufklärung genügend Verstand und Mitgefühl, um zu erkennen, dass durch die Folter furchtbares Unrecht geschieht. 400 Jahre später kann man das leider nicht von jedem sagen.**

Der anonyme Verfasser war Friedrich Spee, ein Jesuitenpater. Er starb 1635 mit nur 44 Jahren an einer pestartigen Seuche in Trier, als er Verwundete in den Hospitälern pflegte.*** Friedrich Spees weiteres Hauptwerk war die "Trutz-Nachtigall", eine Sammlung geistlicher Lieder. Einige davon finden sich heute noch im Gotteslob. Wenn Ihr in der Weihnachtsmesse "Zu Bethlehem geboren" singt, denkt an den tapferen Verfasser.


*Die folgenden Zitate sind aus der deutschen Übersetzung von 1939. 
** Und man glaube nicht, das sei nur ein amerikanisches Problem.
*** Spee war allerdings auch ein streitbarer Gegenreformator; sicher auch kein ganz einfacher Mensch. Ich frage mich immer, wie er und  der etwas jüngere Paul Gerhardt sich wohl verstanden hätten, wären sie sich begegnet (wahrscheinlich nicht sonderlich gut, fürchte ich). Die Zeiten waren sicher noch nicht reif für diese ökumenische Supergroup der Kirchenlieddichter. 

Montag, 8. Dezember 2014

Vor 50 Jahren: A Love Supreme

Am 9.12.1964 hatte John Coltrane Zeit in Rudy Van Gelders Studio reserviert. Das Studio lag in Englewood Cliffs, New Jersey; Van Gelder hatte hier schon seit einigen Jahren mit Jazz-Musikern aufgenommen. John Coltrane und die Mitglieder seiner Band, der Schlagzeuger Elvin Jones, der Pianist McCoy Tyner und der Bassist Jimmy Garrison kamen etwa um 19 Uhr an. Nach vier Stunden hatten sie  die vier Stücke aufgenommen, die später auf der LP "A Love Supreme" erscheinen würden.

"A Love Supreme" ist eines der bekanntesten Jazz-Alben. Es besteht nicht aus einer einfachen Abfolge von Liedern, sondern ist als Suite konzipiert. Musikalisch ist das Ganze weit entfernt von einfachen Rhythmen oder Melodien, wenn auch nicht so radikal wie Coltranes spätere reinen Free Jazz-Werke. Das Wunderbare an Coltrane ist allerdings, dass man die Musik genießen und verstehen kann, auch wenn man nicht das Geringste davon versteht, was der (reichlich komplexe) harmonische und rhythmische Hintergrund ist. Einfach macht es einem die Musik nicht; sie öffnet allerdings eine Tür in eine andere musikalische Welt. Nach dem Gongschlag ein tastendes Saxophon, der Bass nimmt die Phrase auf, e-g-e-a, und das Ganze versinkt in einem harmonischen Strudel...

Auf Youtube gibt's leider nicht die Studioaufnahmen, sondern nur die einzige Liveaufführung.
(Ausnahmsweise bin ich hier mal in der Perspektive des reinen Fans, da mir jegliche Kenntnisse fehlen, um etwas Sinnvolles zu der Musik, die ich sehr liebe, zu sagen).

Sonntag, 7. Dezember 2014

Seufz

Heute die FAS aufgeschlagen, dort beginnt das Feuilleton mit einem Artikel "Karl Kraus und die Folgen"; die Feuilletons arbeiten sich gerade an dem Thema ab, weil ein Amerikaner, Jonathan Franzen, einige Kraus-Essays ins Englische übersetzt und mit Fußnoten versehen hat. Im Internet heißt der Artikel "Die Schule der Vernichtung" und enthält Sätze, in denen gefragt wird, was man denn von Kraus lernen könne, wenn man nicht an die wohltuende Wirkung von Xenophobie, Frauenverachtung, Nationalismus und diffusen Männlichkeitsritualen auf die deutsche Sprache glaubt.

Seufz. Nun ist Kraus wirklich ein problematischer Schriftsteller und für mich ist der Reiz der "Vor 100 Jahren"-Artikel auch, den ganzen Kram nach zweieinhalb Jahrzehnten wiederzulesen und an einigen Stellen dann doch auch eher kritischer einzuschätzen. Der FAS-Artikel enthält (zumindest unter dem Print-Titel "Karl Kraus und die Folgen", der einen schönen Bogen zu dem Essay "Heine und die Folgen" schlagen hätte können,) einige bedenkenswerte Ansätze der Kraus-Kritik. Kraus Xenophobie und Nationalismus (auch in sprachlicher Hinsicht) vorzuhalten, ist allerdings inhaltlich Quark und für eine Auseinandersetzung nicht wirklich hilfreich. Selbst aus einer Perspektive, die Schriftsteller des letzen Jahrhunderts an den heutigen Maßstäben messen will, wäre es Quark (und auch der als Gegenbeispiel genannte Tucholsky käme bei diesem Maßstab nicht allzu gut weg). Und: Man kann nicht Kraus verehren und Bushido ablehnen, heißt es in der FAS (auwei).

An der Kraus-Rezeption scheint jedoch das Feuilleton zu versagen, da es hier entweder Fanboytum oder relativ krude Ablehnung gibt, aber wenig dazwischen. Das mag aber das Schicksal der Rezeption erklärter Journalistenhasser sein.

Schule der Vernichtung. Meine Güte. (Ich ahne schon, dass ich nach diesem Artikel mir wieder den ganzen Kram vornehmen muss und nochmal durchlesen, um die Auffassungen zu überprüfen. Das kostet wieder Zeit!)

Samstag, 6. Dezember 2014

Vor 100 Jahren

Am 5. Dezember 1914 erschien die erste Kriegs-Ausgabe der Wiener Zeitschrift "Die Fackel", die Karl Kraus seit 1899 herausgab und zwischenzeitlich praktisch allein schrieb.

Die letzte Vorkriegs-Fackel war am 10. Juli 1914, schon nach der Ermordung Franz Ferdinands erschienen. Neben den üblichen galligen Glossen fand sich dort der Aufsatz "Franz Ferdinand und die Talente", in dem Kraus die Ermordung Franz Ferdinands kulturell in folgendem Sinne deutet: "Keine kleineren Mächte als Fortschritt und Bildung stehen hinter dieser Tat, losgebunden von Gott und sprungbereit gegen die Persönlichkeit, die mit ihrer Fülle den Irrweg der Entwicklung sperrt." Kraus sieht in Franz Ferdinand einen Außenseiter des österreichischen Establishments; in den Glossen der Fackel druckt er auch die Berichte der Trauerfeier, in denen alles andere als eine Staatstrauer, sondern ein Gelage mit Würstel und Bier beschrieben wird, sowie die erste Seite einer Zeitung vom 4. Juli 1914 ab, auf der neben der Behauptung: Die Trauer, die über die Monarchie gebreitet ist, hat mit dem heutigen Tag ihren Höhepunkt erreicht, eine Vielzahl von Varieté und Theater-Annoncen stehen. Schlusspunkt der Entwicklung der Vorkriegs-Fackel, in der sich Kraus in seiner abgrundtiefen Abneigung gegen den liberalen österreichischen Zeitgeist und vor allem die Presse, teilweise reaktionär geriert. Er selbst greift dies in der Satire "Sehnsucht nach aristokratischem Umgang", die als Kontrapunkt zu "Franz Ferdinand und die Talente" am Ende der der Ausgabe vom 10. Juli 1914 steht, selbst auf. Er berichtet über anonyme Zuschriften, die ihm vorwerfen, mit großem Ehrgeiz auf aristokratischen Umgang zu aspirieren. In dem Text findet sich die Erledigung: "Meine radikalen literarischen Freunde, die noch ahnungsloser waren als die feudalen Privatgesellschaften, sind endlich aufmerksam geworden, denn sie können zwar schreiben, aber nicht lesen und haben darum seit fünfzehn Jahren nicht gemerkt, dass ich die Pest weniger hasse als meine radikale literarischen Freunde... (...) Sie haben geglaubt, ich sei ein Revolutionär, und haben nicht gewußt, dass ich politisch noch nicht einmal bei der französischen Revolution angelangt bin, geschweige denn im Zeitalter zwischen 1848 und 1914, und dass ich die Menschheit mit Entziehung der Menschenrechte, das Bürgertum mit Entziehung des Wahlrechts, die Juden mit Entziehung des Telephons, die Journalisten mit Aufhebung der Preßfreiheit und die Psychoanalytiker mit Einführung der Leibeigenschaft regalieren will."

Was hatte Kraus also am 5. Dezember 1914, nach vier Monaten Krieg zu sagen? Das Fackel-Heft ist schmal und enthält nur einen Aufsatz "In dieser großen Zeit". Anders als man vermuten könnte, findet sich unter diesem Titel keine pathosgeschwängerte Kriegsbilanz. Kraus, der Phrasen hasste, machte gleich im ersten Satz die Kriegsphrase "in dieser großen Zeit" zuschanden: "In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu die Zeit bleibt;..." Das war's mit Pathos. Es ist nicht unwichtig festzustellen, dass der erste Satz grammatikalisch falsch ist; Komparativ mit "wie" anstatt "als". Das ist natürlich Absicht, das Pathos der "großen Zeit" wird kontrastiert mit der Jargonwendung "kannte ich noch, wie sie so klein war" und damit demaskiert. Der erste Satz enthält auch die düstere Vorahnung kommenden Grauens: "in dieser Zeit, in der eben das geschieht, was man sich nicht vorstellen konnte, und in der geschehen muss, was man sich nicht mehr vorstellen kann, und könnte man es, es geschähe nicht.." Er konstatiert die Marktgläubigkeit als Ursache für das Geschehen: "Zivilisation ist die Unterwerfung des Lebenszwecks unter das Lebensmittel. Diesem Ideal dient der Fortschritt und diesem Ideal liefert er seine Waffen. Der Fortschritt lebt, um zu essen, und beweist zu Zeiten, dass er sogar sterben kann, um zu essen." All das Worte, die in der im Winter 1914 herrschenden Kriegsbegeisterung wohl auf wenig Verständnis trafen. Kraus schrieb auch: "Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!"

Das tat er erst einmal auch; die nächste Fackel erschien erst im Oktober 1915; da hatte sich einiges geändert und die diffus reaktionäre Haltung der Vorkriegsjahre hatte sich in eine klarsichtige Ablehnung des Krieges und der Kriegslügen verwandelt.

(Fortsetzung folgt; ich habe mir mal vorgenommen, die Kriegs-Fackeln jeweils mit 100 Jahren Abstand kurz darzustellen. Ich wollte mich ja eigentlich schon 1999 mit 100 Jahren Abstand durch die ganze Fackel lesen, habe dann aber irgendwann den Anschluss verpasst)


Montag, 1. Dezember 2014

Beschwingt in die Arbeitswoche (7)

Zum Abschluss unserer kleinen Reihe The Clash von ihrer ersten LP. Sie singen über die Career Opportunities und nach denen suchen wir doch alle? Wenn's nicht auf einer der ersten Punk-LPs gewesen wäre, hätte man erkannt, dass das Liedchen eigentlich eine sanfte Ballade ist (naja, für die Live-Fassung, die auf Youtube verfügbar ist, gilt das nur bedingt).

The Clash haben das Lied auf der Sandinista dann noch einmal von einem Kinderchor zu erratischer Klavierbegleitung singen lassen, aber heute sind wir mal nicht so, die dürfen das. Wenn wir noch eine Seite einer Dreifach-LP zu füllen gehabt hätten, wäre uns vielleicht auch so etwas eingefallen.

Und darin, dass wir für niemanden Briefbomben öffnen wollen, da sind wir uns doch einig?

Dienstag, 25. November 2014

52 Bücher: Rote Ernte

1. Neue Woche, neues Motto: Das Fellmonsterchen fragt dieses Mal nach Ich-Erzählern.

2. Nachdem ich die letzten Wochen etwas durchgehangen bin beim Projekt, ist das ein Motto, bei dem ich sofort weiß, welches Buch hier jetzt vorgestellt werden muss (wenn ich ehrlich bin, ist das ein Buch, das ich schon seit Beginn der Aktion vorstellen wollte).

3. Rote Ernte ist der erste Roman des amerikanischen Autors Dashiell Hammett, der zuerst 1927 erschien, als Hammett gerade 33 Jahre alt war. Hammett verließ die Schule mit 14, schlug sich mit Jobs herum und arbeitete schließlich als Detektiv bei der Detektei Pinkerton. Er kämpfte im ersten Weltkrieg, kam mit ruinierter Gesundheit zurück, arbeitete noch einmal als Detektiv, begann dann aber zu schreiben, zunächst für die Pulp fiction-Hefte. Mit der Roten Ernte kam der Erfolg, sein bekanntester Roman ist der "Malteser Falke". Er schrieb auch die Drehbücher zu den "Dünne Mann"-Geschichten. Früher, als im Fernsehen auch noch Schwarzweißfilme kamen, hat man die immer gerne gesehen.

4. Hammett war einer der ersten Autoren der Hardboiled-Krimis. Chandler sagte über ihn, er habe den Mord denjenigen zurückgegeben, die Grund zum Morden hätten. Von seiner Vita her war er sicher dafür geeignet. Die klare Schärfe seiner Prosa ist für mich immer wieder atemberaubend.

5. Das erste Wort in Rote Ernte ist "Ich". Der Ich-Erzähler, ein Detektiv der Continental-Detektei, hört zum ersten Mal, dass jemand die Stadt Personville "Poisonville" ausgesprochen wird. Zunächst denkt er sich nichts dabei und hält es für ein dämliches Wortspiel. Sein späterer Aufenthalt sollte ihn dann aber lehren, dass die Stadt nicht umsonst "Giftstadt" genannt wurde.

6. Der Erzähler wird nach Personville gerufen, weil ihn Donald Willson, der Herausgeber der örtlichen Zeitung engagieren will. Willson ist nicht da zur verabredeten Zeit, der Detektiv muss später feststellen, dass er ermordet wurde. Der Detektiv geht zu Willsons Vater, der als Fabrikant die Stadt beherrscht und lässt sich von ihm engagieren, den Mord an seinem Sohn aufzuklären. Schon bald stellt der Detektiv fest, dass Donald Willson in seiner Zeitung eine Kampagne gegen Verbrechen und Korruption in der Stadt begonnen hat, ohne zu wissen, dass sein Vater gehörige Mitschuld an den Zuständen in "Poisonville" trug: Willson sen. löste Ärger, den er mit organisierten Arbeitern in seinen  Fabriken hatte, dadurch, dass er sich Gangster von außerhalb zur Hilfe holte. Diese Gangster hatten jedoch nicht die Absicht, die Stadt danach zu verlassen.

7. Der Ich-Erzähler macht sich mit der Stadt vertraut und lernt die verschiedenen Akteure kennen. Er beginnt so nach und nach, die verschiedenen Gangster, korrupten Polizisten und sonstigen Glücksritter gegeneinander auszuspielen. Am Schluss bleiben nur noch wenige lebend übrig. Im letzten Absatz des Buches beschreibt er, wie er versucht, seine Berichte über seinen Auftrag so zu frisieren, dass seine Rolle nicht ganz so offen zu Tage tritt. Seinen Chef konnte er aber nicht täuschen. Der letzte Satz in der englischen Ausgabe lautet: He gave me merry hell.

8. Hammett schreibt sehr lakonisch, er ist ein wunderbarer Stilist, was bei derlei Literatur besonders wichtig ist. Er beschreibt eine Welt, in der es keine Guten und Bösen mehr gibt, in der der Detektiv mit zweifelhaftesten Methoden versucht, Ordnung zu schaffen, ohne selbst an Ordnung zu glauben. Die Szenen sind inzwischen durch tausende von Filmen und Büchern zu einem gängigen Klischee geworden, aber wenn Hammett sie beschreibt, sind sie atemberaubend; als würde etwas beschrieben, was noch nie vorher so gesagt wurde.

9. Viele der Krimis, die ich früher gerne gelesen habe, kann ich inzwischen nicht mehr anfassen, die Faszination der Hammett'schen Romane, Rote Ernte, Gläserner Schlüssel, Malteser Falke, Fluch des Hauses Dain und die Faszination der Kurzgeschichten hat nicht nachgelassen.

Riot

Anfang der Achtziger hörte ich zum ersten Mal die Dead Kennedys, ich glaube, das war meine erste Berührung mit amerikanischem Punk jenseits der Ramones. Eine meiner ersten Singles war "California uber alles". Die Musik war brachialer als alles, was man vorher gehört hatte, dabei aber auch innovativer und jenseits der normalen Punkklischees. Die Texte, gesungen von einem manischen Sänger, waren auch politisch hintergründiger als man das gewohnt war (soweit man das mit drei Jahren Schulenglisch beurteilen konnte).

Die zweite Dead Kennedys-LP "Plastic Surgery Disasters" (in der 17 km entfernten kreisfreien Stadt im einzigen Plattenladen als spanische Pressung gekauft) ist für mich immer noch eine der besten Punk-LPs. Die Dead Kennedys pflegten immer eine Art der politischen Satire, die zwar einigermaßen grobschlächtig, aber trotzdem intelligent war. Die LP stellt für mich eine Art Panoptikum der amerikanischen Gesellschaft Anfang der Achtziger dar. In "Terminal Preppie" wird ein College-Student beschrieben, der studiert, weil es eben cool ist und weil er später einen gutbezahlten Job haben will. "My ambition in life/is to look good on paper". "Trust your mechanic" nimmt das Bild eines Handwerkers, der ein Teil reparieren und gleichzeitig ein anderes lockert, damit man bald wieder zur Werkstatt muss, um das Gesundheitswesen zu beschreiben. Beide Lieder zeigen die Verachtung der Band für Leute, die eine Beschäftigung nur für Geld ausüben; wie manches andere bei den Dead Kennedys eigentlich ein konservativer Standpunkt. Der "Well paid scientist" beschreibt den gut bezahlten Wissenschaftler, der für ein großes Unternehmen arbeitet, aber gar nicht so richtig weiß oder vielleicht auch nicht wissen will, für was seine Erkenntnisse eingesetzt werden. Der Refrain "Something is wrong here/ you won't find it out, no way" begleitet mich über die letzten Jahrzehnte. In "Forest fire" verursacht ein Villenbesitzer einen Waldbrand und stellt fest, dass sein wie eine Festung ausgebautes Haus jetzt zu einem Gefängnis in den Flammen wird. Etwas leichtere Satire in "Buzzbomb" und "Winnebago Warrior", über einen Autonarr und einen Campingfreund mit Wohnmobil (Winnebago). ("feed doritos to the bears"). "Halloween" , auch ein Klassiker, beschreibt einen Typen, der immer nur an Halloween aus seinem langweiligen Leben ausbrechen kann und ansonsten schön konform lebt. Denn "what will your boss say to you? and what will your girlfriend say to you?".

Die zweite Seite beginnt mit "Riot", dem Stück, dem dieser Eintrag eigentlich gewidmet ist. "Riot" ist eine lange Beschreibung von Randale in den Städten; ich habe in den letzten Tagen, als ich über Ferguson gelesen habe*, oft an das Stück denken müssen. Es beginnt ruhig, aber: "Everyone knows this town is gonna blow". Und schon geht es los mit der Randale, Adrenalin, zerschlagene Scheiben, noch spielt man mit der Polizei Katz und Maus. Weil die besseren Viertel zu gut bewacht sind, setzt man die eigene Nachbarschaft in Brand. So langsam ändert sich das Kräfteverhältnisse, Barrikaden tauchen auf, besser ausgerüstete Polizei, Rückzug, noch die letzte Gelegenheit, Schaden anzurichten, das Adrenalin verfliegt, die Musik wird wieder ruhiger und das Fazit, das schon von Anfang an im Refrain gezogen wurde, wird wiederholt: Tomorrow you're homeless, but tonight it's a blast. War's das wert? In dem Lied hielten die Dead Kennedys ähnlich nüchtern dem jugendlichen Randalierer den Spiegel vor's Gesicht, wie sie's in den anderen Songs mit anderen Beispielamerikanern getan hatten. Die Botschaft war nicht unbedingt eine friedliche, sondern eher: Erreicht man auf diese Weise etwas oder schadet man sich nicht eher selber?


Musik, die anstrengend und beunruhigend ist, aber für mich auch immer ein Beispiel dafür, was Punk sein konnte.

*Wie in meinem Wohnzimmer bleiben hier im Blog auch manchmal Sachen etwas liegen... Aber wenn man die Sachen lange genug liegen lässt, sind sie auf einmal wieder aktuell...

Sonntag, 16. November 2014

Stiff little fingers im SO36

Dieses Jahr war ich ja bislang auf noch nicht allzu vielen Konzerten; war wenig dabei, was mich interessiert hätte. In den letzten Tagen kam's dann aber gehäuft, aber ich habe das meiste verpasst: Für Bob Mould gab's keine Karten mehr, die Undertones habe ich erst an dem Tag, an dem sie spielten, mitbekommen und anstelle mir die Damned anzusehen, bin ich im Bayernland (die spielen außerdem mit Mötörhead und bei aller Sympathie weiß ich nicht, ob ich mir das antun wollte. NACHTRAG: Der Kiezneurotiker war bei Motörhead und hat einen schönen Konzertbericht geschrieben, auch wenn er musikalisch das Ganze etwas anders sieht).

Aber Stiff little fingers waren schon lange vorgemerkt, nach Anlaufschwierigkeiten habe ich's dann dahin geschafft. SLF waren eine der frühen Punkbands aus Nordirland, 1979 und 1980 waren ihre Alben im UK sehr erfolgreich. Am 30.11.1980 spielten sie im Rockpalast, dieses Konzert hat mein Bruder mit dem Kassettenrekorder vom Fernseher aufgenommen. Das war, neben den Sex Pistols, meine erste Berührung mit Punkmusik, damals hörte ich eher noch Beatles und Status Quo, spätestens als ich 13 wurde, musste da schon andere Musik her. Das Rockpalast-Konzert und die Alben habe ich mir wirklich hunderte Male angehört, das Bandlogo war auf meiner Lederjacke, die Lieder immer gerne auf der Gitarre nachgespielt. Gesehen habe ich die Band damals nie, als ich dann so langsam auf Konzerte konnte, hatten sie sich schon längst aufgelöst. Letztes Jahr habe ich sie dann in Berlin das erste Mal gesehen und es hat mir so gut gefallen, dass ich sie auch dieses Jahr nicht verpassen wollte.

Ausnahmsweise hebe ich nicht den Altersschnitt im Publikum, der Großteil sieht so aus, als habe er den Rockpalast-Auftritt 1980 nicht im Fernsehen, sondern im Konzert gesehen. Graue Haare, faltige Gesichter, Bierbäuche... das Publikum sieht teilweise so aus wie damals die Leute am Stammtisch meines Großvaters. Ich passe da prima rein. Die Zeit hat uns alle angefasst und sie hat's nicht sonderlich gut mit uns gemeint. Ich bin dann fast noch froh um die ein, zwei Hipster im Publikum.

Die Vorband, Fightball, kommt aus Berlin. Sie beginnen mit einem eher glatten melodischen Milleniumspunksong, beeindruckt mich zunächst nicht, für mich etwas zu sehr die "wir sind die lustigen Punks"-Masche. Musikalisch aber sehr kompetent, als ich nach zwei Liedern ein Bier hole, stelle ich auch fest, dass der Sound weiter hinten exzellent ist. Die weiteren Stücke bringen einige Abwechslung, mit Trompete, Keyboard, einiges hört sich jetzt etwas Beatsteaks-mäßig an, die Leute beginnen zu hopsen und ich hopse gerne mit. Kann man sich gerne noch einmal ansehen, die können auf jeden Fall etwas, die Jungs.

Dann erst einmal Umbaupause, zwei Roadies probieren alle Instrumente und Mikros, es wird langsam eng vorne. Als Zwischenmusik kommt Northern Soul und Reggae. Dann wird's dunkel und vom Band kommt das Instrumental "Go for it" von der dritten LP. Es mag eine Eigenheit des Berliner Publikums sein, aber genau wie letztes Jahr wird auch dieses Instrumentalstück mitgesungen. Die Band kommt auf die Bühne, die zwei Originalmitglieder Jake Burns und Ali McMordie teilen das Schicksal des Publikums: die sahen auch schon mal besser aus. Erstes Lied: "Wasted Life". Bevor es losgeht, stehen noch ein paar Leute mit vollen Biergläsern neben mir, nach den ersten Akkorden ist das Bier auf dem Boden bzw. auf meinen Klamotten. Rentner-Schunkel-Pogo und offenbar haben alle die Texte auch zum Mitgrölen parat. Die Band ist erstaunlich gut, Jake Burns hatte ja immer schon eine relativ hohe Stimme für einen Punksänger, aber er hat nichts verlernt. Das Alter hat ihm vielleicht ein paar Zusatz-Kinne verschafft, aber er ist immer noch so präsent und kraftvoll wie vor 35 Jahren. SLF spielen eine Mischung von Liedern der ersten drei LPs und verschiedene neue Songs, die vierte LP kommt leider - wie schon letztes Jahr - gar nicht vor. Was mich freut: Auf der Setlist steht auch das weniger bekannte "Silver Lining", das ich immer sehr gern mochte.

Irgendwann kommt ein armer Narr in SO36-Tradition nach vorne und schüttet Jake Burns ein Bier über das Hemd. Kurze Ansage, dass das ein schneller Weg ist, das Konzert zu beenden, und dann geht es weiter. Nach umfassendem Gehopse und Gegröle zunächst Pause, dann die erste Zugabe mit "Johnny was", einem Bob Marley-Cover. Und es beginnt und Jake Burns sieht aus wie vor 34 Jahren im Rockpalast, gleiche Mimik, gleiche Bewegungen. Und ich stehe im Publikum und frage mich, was mit den letzten Jahrzehnten passiert ist.

Letztes Lied: Alternative Ulster, die erste Single der Band. Alle schlittern noch einmal über den Boden, danach ist aber klar, dass der Abend vorbei ist. Ich gehe raus, vom Pfeifen in den Ohren begleitet....

Donnerstag, 13. November 2014

52 Bücher: Hate

1. Neue Woche, neues Projektmotto: Fellmonsterchen schlägt vor: Niveau war gestern. Was soll man denn damit anfangen?

2. Ich lese ja, wie bereits gelegentlich ausgeführt, ganz gerne die Buddy Bradley-Comics von Peter Bagge.


3. Wie war noch mal das Motto?

Sonntag, 9. November 2014

Beschwingt in die Arbeitswoche (6)

Heute zur Einstimmung einmal keine Musik, sondern ein kleiner Monolog über einen Arbeitskollegen, den Robert. Gehalten von Josef Hader, der auf diesen Seiten ja schon gewürdigt wurde. Die Passage ist aus dem Programm "Im Keller", in dem Hader einem Handwerker, der seinen Keller renoviert, seine Gedanken über die Welt mitteilt.

Das Programm war Anfang der 90er meine erste Bekanntschaft mit Hader, ein paar Sätze (vor allem aus der hier ausgesuchten Sequenz) begleiten mich seitdem. Die Sequenz schließt mit Betrachtungen zu Schnösel-Partys, die - mit etwas anderem Dialekt - auch zwanzig Jahre später in Berlin Mitte stattfinden könnten. Wer wissen will, was man von einem Sessel so alles lernen kann oder warum im Sommer so viele Mücken und so wenige Schmetterlinge erschlagen werden, muss es sich bis zum Ende ansehen.


Samstag, 8. November 2014

Zu Füßen des Tenno sterben

EA 80 - auch eine Band, die mich schon lange begleitet. Irgendwann Anfang der 80er die "Vorsicht Schreie"-LP, auf der Stücke sind, die mich auch noch Jahrzehnte danach gedanklich beschäftigen ("Die Jahre vergehen und die Farben auf der Landkarte ändern sich"). Ein Lieblingslied, das früher gern das letzte Lied auf jeder Feier war (na gut, das vorletzte, am Schluss kam ja immer noch Markos).*
Kenner bemerken natürlich wieder den Topos des Sterbens auf dem Schiff, mit dem man mich immer einfangen kann.....

*(Ich habe festgestellt, dass ich schon von drei Liedern behaupte, sie seien immer das letzte bei jeder Feier gewesen...)

Montag, 3. November 2014

Beschwingt in die Arbeitswoche (5)

(Aus technischen Gründen erst am Dienstag)

Heute mal ein Klassiker der Wochentagssongs, die australischen Easybeats mit "Friday on my mind". Die Aufnahme ist aus der Stadthalle Offenburg. Nach Wut, Verachtung, Resignation und stoischer Gelassenheit gibt es also gespannte Erwartung, wenn auch nicht auf die Arbeitswoche, sondern auf das Wochenende.


Der Bass-Spieler ist der ältere Bruder von Angus Young. Kam also doch auch gute Musik aus dieser Familie.

Sonntag, 2. November 2014

52 Bücher: Dreierpack

1. Irgendwie bin ich bei dem 52 Bücher-Projekt nicht mehr auf der Höhe. Es stehen drei Themen aus und alle drei fallen mir wirklich schwer. Aber ich will zumindest versuchen, ein bisschen abzuarbeiten.

2. Das Unglück begann damit, dass in der Woche 12 ein Buch mit einer Protagonistin, die gerade schwanger ist, angefragt wurde. Eines, das mir hier in den Sinn kam, wurde schon anderswo besprochen. Ein anderes hebe ich mir besser für eine passendere Gelegenheit auf. Was bleibt also? Die Bibel? (Da gibt es eine reiche Auswahl schwangerer Frauen, meine Favoritin wäre Rebekka, die Mutter des Tricksers Jakob, der sich bei der Geburt an der Ferse seines Zwillingsbruders Esau festgehalten hat).

3. Woche 13, auch nicht besser: Das meistgelesene Buch. Da muss ich schon grübeln und bin mir gar nicht sicher, was das sein könnte (Wahrigs deutsches Wörterbuch? Das bayerische Kochbuch? Die Jungen von Burg Schreckenstein?). Wenn ich's rausgefunden habe, schreibe ich etwas drüber.

4. Woche 14, noch größere Qual: Ein Buch, bei dem du dachtest, der Autor hätte sich dein Leben als Vorbild genommen. Hrrmpf.  Ich mag mir gar nicht vorstellen, was für einen Titel das Buch hätte, aber es wäre definitiv eher langweilig. Aber sagen wir's mal so: Wenn das Buch im Allgäu und nicht in Bremen spielen würde und der Protagonist nicht beim Militär, sondern beim Zivildienst gelandet wäre, könnte das Buch Neue Vahr Süd von Sven Regener sein. Wer das Buch kennt, weiß allerdings, dass ohne Bremen und Militär eigentlich nichts übrig bleibt als eklige WG-Geschichten. Aber in denen habe ich mich durchaus wiedergefunden. Ich weiß von anderen, dass Neue Vahr Süd von vielen als quälend und langweilig empfunden wurde, ich fand es aber sehr amüsant und treffend.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Beschwingt in die Arbeitswoche (4)

Ausnahmsweise etwas Kontemporäres, auf das mich J.J. aufmerksam gemacht hat. Mit Arbeit hat es nicht so viel zu tun, allerdings hat der Sänger die richtige ZEN-Einstellung, die man vor allem in Großorganisationen auch braucht ( das stimmt nicht ganz, Herr Akboga ist wohl eher Stoiker, aber so genau wollen wir's heute nicht nehmen).

Wer selbst Kinder hat, weiß: Nicht alles, was einem auf Youtube vorgeführt wird, ist tatsächlich lustig oder erträglich. Diesen Herrn finde ich aber wunderbar. Wer in einem Lied die Zeile "Roboter mit Senf" unterbringt, kann schon gar nix falsch machen. Und offenbar haben wir beide den gleichen Tanzstil.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Beschwingt in die Arbeitswoche (3)

Wer kann einem mehr Schwung geben als der gute alte Gerhard Polt? Ich muss zugeben, so viel Dynamik wie er in diesem Stück habe ich nicht, aber alles, was einen durch die Woche schiebt, ist doch in Ordnung...
"Wann i nimmer meng dad, gangad i hoam" - Das denke ich mir auch manchmal....

(Netterweise hochdeutsch untertitelt. Besser nicht anhören, sonst hat man für den Rest der Woche einen Ohrwurm.)

Freitag, 17. Oktober 2014

Alte Bekannte

Heute habe ich in der Zeitung einen Artikel von dem formidablen Jens Balzer über eine Zusammenarbeit der seltsamen Band Sunn0))) und Scott Walker gelesen. Jens Balzer ist wahrscheinlich für mich so ähnlich wie dieser Blog für manche Leser: Ich lese Jens Balzer sehr gerne, insbesondere, wenn er über Musik schreibt, könnte mir aber das meiste, worüber er schreibt, nicht anhören, weil's zu extrem oder merkwürdig ist. Aber das ist auch egal, wenn ein Artikel mit folgendem Satz beginnt:

Lassen Sie sich ebenso gerne wie ich gelegentlich einmal von bestialisch brummenden Basstönen vom Beat einer Bullenpeitsche bestriegeln?

(Welch Kraft der Alliteration!) In diesem Artikel war auch von einem Musiker die Rede, dessen Name mir seltsam bekannt vorkam: Tos Nieuwenhuizen. Plötzlich bin ich um 25 Jahre zurückversetzt. Es ist 1989, ich bin im Zivildienst und habe mich am Abend auf den Weg nach Augsburg gemacht, weil dort Scream, eine Hardcore-Band aus Washington D.C. spielen. Ich habe sie vorher schon einmal gesehen, die zweite LP ist eine von meinen Lieblingsplatten, auswendig gelernt, und alles umarrangiert zu Lagerfeuer-Gitarrenstücken. Dieses Jahr sind Scream mit einem neuen Schlagzeuger unterwegs, einem schmalen Jüngling mit langen Haaren, der David Grohl heißt. Die alten Fans trauern Kent Stax, dem alten Schlagzeuger nach, müssen aber zugeben, dass dieser Grohl schon ziemlich gut ist. 

Aber es ist schon 23 Uhr und noch nichts passiert. Da ich weiß, dass ich am nächsten Tag um 6 Uhr aufstehen muss und dann einen Tag im Garten arbeiten, ist meine Laune nicht allzu gut. Als Vorband sollen God aus Amsterdam spielen. Der Gitarrist und der Schlagzeuger sind schon da, der Bassist ist aber mit Scream im Tourbus und die sind anscheinend nicht in der Lage, Augsburg zu finden. Irgendwann um 23.30 Uhr beginnen God trotzdem, nur mit Gitarre und Schlagzeug. Der Gitarrist hat ein Hütchen auf wie Chico von den Marx Brothers und er heißt Tos Nieuwenhuizen. God sind extrem gut, auch wenn sie für meinen Geschmack etwas zu metallisch sind. Die Band spielt zu zweit fantastisch, irgendwann taucht auch der Bassist auf; merkwürdigerweise schadet das eher dem Sound. Scream spielen dann erst nach 24 Uhr, ich bin schon fast zu müde, um das Konzert noch richtig genießen zu können. Irgendwann gegen zwei bin ich dann wieder zuhause. 

Danach kaufe ich mir die God LP "Sweet Life", später noch "The Shame Tree" und höre dann nie wieder was von der Band. Ab und zu denke ich noch an den Gitarristen mit dem Chico Marx-Hütchen und frage mich, was aus ihm geworden ist....

...bis ich dann heute die Berliner Zeitung lese....

Donnerstag, 16. Oktober 2014

52 Bücher - Der dritte Polizist

1. Wieder ein neues Motto vom Fellmonsterchen; diesmal eines, das ich wirklich schwierig finde: Dieses Buch hätte ich gerne geschrieben. Ich kenne viele Lieder, die ich gerne geschrieben hätte, aber bei Büchern ist es aus meiner Sicht dann doch noch ein bisschen komplizierter. In einem Buch steckt ja soviel Persönlichkeit des Autors, dass man nicht so einfach die Autorschaft übertragen könnte. Außer man möchte genau so sein wie der Autor (da fiele mir aber keiner ein).

2. Ich war schon fast soweit, diese Woche einfach zu schwänzen, da kam mir doch noch ein Einfall:  "Der dritte Polizist" von Flann O'Brien. Das ist bei weitem das absurdeste Buch, das man sich vorstellen kann, diese rigide und doch ausufernde Vorstellungskraft hätte ich auch gerne. Und die Unerschütterlichkeit, aus Alltäglichstem die wahnwitzigsten Dinge entstehen zu lassen, hätte ich gerne noch dazu.

3. Flann O'Brien hieß eigentlich Brian O'Nolan und wurde 1911 in Irland geboren. Seinen ersten Roman schrieb er 1939, der "Dritte Polizist" entstand auch nicht viel später, erschien aber erst ein Jahr nach O'Briens Tod, 1967. Gerade lese ich, dass "Der dritte Polizist" als frühes Beispiel eines postmodernen Romans gilt. Brr. Sollte man trotzdem lesen.

4. Ich habe eine Suhrkamp-Ausgabe, die mich schon allein dadurch aufregt, dass im Klappentext steht, in dem Buch käme alles mögliche vor, aber kein dritter Polizist, was für jeden, der das Buch bis zum Ende gelesen hat, klarer Unsinn ist.

5. Das Buch wird von einem namenlosen Ich-Erzähler erzählt, der zusammen mit einem anderen Mann einen Raubmord begeht. Der Ich-Erzähler braucht das Geld, um eine Ausgabe der Werke des Wissenschaftlers De Selby herauszugeben, die er andauernd studiert. Sein Komplize hat allerdings die erbeutete Geldschatulle versteckt und so weicht der Ich-Erzähler ihm nicht mehr von der Seite.

6. Plötzlich ändert sich die Umgebung und der Ich-Erzähler und sein Komplize kommen in eine Welt, in der offenbar die bahnbrechenden Erkenntnisse von De Selby wirksam sind. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind in den strengen Fußnoten zu dem Text ausführlich erläutert. Bahnbrechend ist vor allem die Molekültheorie, die besagt, dass sich bei nahen Begegnungen zweier Gegenstände sich einzelne Moleküle austauschen. Dies führt dazu, dass Leute, die mit Fahrrädern über holprige Straßen fahren, langsam mehr und mehr selbst zu Fahrrädern werden, während die Fahrräder vermenschlichen. Um dies zu verhindern, versteckt Sergeant Pluck (der erste Polizist) Fahrräder oder entfernt Sättel. In seiner Eigenschaft als Polizist nimmt er dann die Anzeigen auf und macht sich auf die Suche. Die bestimmende Frage des Romans ist deswegen: "Handelt es sich um ein Fahrrad?" So werden auch der Ich-Erzähler und sein Komplize begrüßt, als sie in die Polizeiwache gehen, um das Verschwinden der Geldschatulle zu melden. Merkwürdige Dinge geschehen. Der dritte Polizist, Fox, taucht irgendwann einmal auf und besucht einen Keller, in der die Substanz Omnium aufbewahrt wird, die in alles verwandelt werden kann (Anhänger De Selbys wissen natürlich, um was es sich handelt).

7. Gerade als man denkt, dass das Ganze komplett zerfasert, kommt ein Einschub, der tatsächlich eine Art Auflösung des Geschehens bietet. Voller Grauen versteht man plötzlich, was passiert ist, während der Ich-Erzähler und sein glückloser Komplize zum zweiten Mal in der Polizeistation von Sergeant Pluck stehen und gefragt werden, ob es sich denn um ein Fahrrad handle.

8. Ein sehr schönes und sehr lustiges Buch, auch wenn es in weiten Teilen etwas unverständlich bleibt. Aber man muss nicht alles verstehen, das tut man im richtigen Leben auch nicht, warum sollte es in der Lektüre anders sein.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Beschwingt in die Arbeitswoche (2)

Warum nicht eine Reihe daraus machen, schlecht gelaunte Musik für die Arbeit gibt es ja genügend.
Die fantastischen Schweden von Ebba Grön, die man ohne Übertreibung als die skandinavischen Clash bezeichnen kann, haben 1981 ein schönes Lied aufgenommen, das aus jedem Management-Leitfaden stammen könnte: Slicka uppat, sparka nerat. Nach oben buckeln, nach unten treten. Hier nur in einer Live-Fassung, das Original ist auf der Kärlek och Uppror-LP.


Zu den Jungs muss ich auch noch einmal ausführlicher schreiben, die haben wirklich fantastische Musik gemacht und der Bandleader Joakim Thaström ist immer noch unterwegs mit etwas, das meine Freunde aus Göteborg als "swedisch melancholia" bezeichnen. Immer her damit.


Sonntag, 5. Oktober 2014

Beschwingt in die Arbeitswoche

Paranoia passt gerade ganz gut. Deswegen die alten Männer von Flag, mit dem nicht alternden Dukowski-Klassiker "My war" von 1983, nur dreißig Jahre später.

"Du bist einer von denen. Du sagst, du seist mein Freund, aber du bist einer von denen. Weiß nicht, was ein Freund ist, aber ich weiß, du bist es nicht. Du bist einer von denen." (etwa 100 mal wiederholen; am Schreibtisch zu trällern).

Wenn ich mal eine Glatze am Hinterkopf bekomme, mache ich mir auch Rastazöpfe wie Keith Morris.

52 Dingens: Topfpflanzen

1. Die gestrenge Katrin wieder: Das Motto für diese Woche "Die metaphorische Bedeutung der Zimmerpflanze".

2. Aarghhhhh.

3. Mir fällt zunächst ein, dass ich vor einigen Jahrzehnten mal ein Gedicht gemacht habe, in dem meine damalige Beziehung in Zimmerpflanzenmetaphorik abgehandelt wurde (ich kann nicht glauben, dass ich das gerade schreibe. Aber mit dieser Aktion kommen ja so einige traumatische Erlebnisse wieder hoch). Nein, es war nicht gut, und, nein, ich habe es nicht mehr.

4. Ich habe jetzt mal gedanklich vorsortiert: "Bekenntnisse einer Zimmerlinde", "Der Mann ohne Ficus Benjaminus", "Er hat einen knallgrünen Gummibaum", "Aloe vera und ihre Brüder" - alles Bücher, die ich leider nicht habe. Wahrscheinlich auch nicht metaphorisch genug. Allerdings habe ich tatsächlich gelesen: "Die Spinne in der Yucca-Palme". In dieser Sammlung von urbanen Mythen (in den frühen 90ern war's de rigueur dieses Buch gelesen zu haben) steht die Yucca-Palme natürlich für alle alltäglichen Dinge, die sich gegen einen selbst wenden können und den Alltag bedrohen.

5. Hm. Jetzt war ich brav und habe tatsächlich ein Buch beschrieben, obwohl ich, seit ich dieses Motto kenne, ganz andere Dinge vorhabe. Bei der metaphorischen Bedeutung von Zimmerpflanzen muss ich natürlich und sofort an einen Menschen denken, den ich sehr schätze und verehre, nach dem man u.U. auch Söhne benennen könnte, von dem ich allerdings kein Buch kenne. Der Österreicher Josef Hader, der inzwischen vor allem als Schauspieler in den Brenner-Krimis bekannt ist, hat mit "Privat" Anfang der Neunziger das Kabarettprogramm abgeliefert, nach dem es eigentlich keine Kabarettprogramme mehr geben kann. Ich weiß nicht, wie oft ich es schon gesehen habe (J.H. kommt regelmäßig nach Berlin), aber die sprachliche und gedankliche Brillanz lässt einen nicht mehr los. Hilfreich ist es natürlich, wenn man etwas Österreichisch versteht.

6. In diesem Programm gibt es ein sozialkritisches Stück "Topfpflanzen". Mit diesem Stück wird das Kabarett der 80er abgefertigt. In dem Stück stehen die Topfpflanzen für die Menschen, die sich einschränken lassen und begnügen, das Ganze wird in dem richtigen Oberstudienrat-Kabarett-Sound abgeliefert. In der Mitte des Stücks werden furchtbare Metaphern aufgefahren (das wird dann zurecht damit zusammengefasst, dass Topfpflanzen "schlechte Metaphern" seien). Am Schluss wird noch die herzzerreißende Geschichte vom Rhododendron erzählt, von dem alle meinen, dass er spinnt, der dann aber seinen Topf unter den Arm nimmt (grbllllgr...) und sich dann... (aber nein, das muss man schon selber hören). Hader hat mit Privat das alte Kabarett überwunden, leider haben wir inzwischen nur noch Comedy.

7. Kein Buch, aber könnte es irgendetwas geben, das besser geeignet wäre, das dieswöchige Motto auszufüllen? (Wenn Ihr brav seid, können wir irgendwann noch gemeinsam "So ist das Leben" anhören, mit der feinsten Antithese, die es jemals in einem Chanson gab...)


Freitag, 3. Oktober 2014

52 Bücher: Eristische Dialektik

1. Projektmuddi Katrin hat für diese Woche folgendes Motto ausgegeben: Das Buch mit dem längsten Titel im Regal. Ich mag ja die Vorgaben nicht, die einem bei der Auswahl keinen wertenden Spielraum mehr lasssen, sondern objektive und nachprüfbare Kriterien aufstellen. Der einfache Ausweg, einfach zu schummeln, ist nichts für mich, ich bin da Zwangscharakter. Noch ärgerlicher finde ich allerdings, dass ich meine Bücherregale durchforsten musste (und ich habe dann doch ein, zwei Bücher).

2. Lange Titel finden sich vor allem auch bei alten Büchern, die schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Hatte schon ein paar Befürchtungen, was ich jetzt präsentieren müsste. Aber ein paar der merkwürdigeren haben Gott sei Dank kurze Titel. Das mag an den Neuausgaben liegen, aber so pflichtbesessen bin ich nicht, dass ich noch einmal den Originaltitel überprüfen.

3. Das Buch mit dem längsten Titel in meinem Regal ist Arthur Schopenhauers "Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten in 38 Kunstgriffen dargestellt". Das hört sich wahrscheinlich für die meisten eher abschreckend an, ist aber ein nettes kleines Buch, das man mit Vergnügen lesen kann.

4. Schopenhauers philosophische Werke verstehe ich schon im Ansatz nicht, er war aber ein sehr guter Stilist und klarer Denker. Wenn er also über leichtere Themen schreibt, hat man eine schöne Lektüre.

5. Der Ausgangspunkt des Büchleins ist, dass es für die öffentliche Diskussion oftmals nicht wichtig ist, wessen Argument wahr ist, sondern welches für wahr gehalten wird. Deswegen geht es in dem Buch auch nicht über die Kunst, Recht zu haben, sondern um die Kunst, Recht zu behalten. Schopenhauer, der alte Pessimist, liefert auch gleich auf der ersten Seite den Grund, warum es überhaupt diesen Zwiespalt zwischen objektiver Wahrheit und Erfolg bei Zuhörern gibt: "Woher kommt das? - Von der natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Geschlechts. Wäre diese nicht, wären wir von Grund auf ehrlich, so würden wir bei jeder Debatte bloß darauf ausgehn die Wahrheit zu Tage zu fördern, ganz unbekümmert ob solche unsrer zuerst aufgestellten Meinung oder der des Andern gemäß ausfiele..." Die weitere Folgerung ist: "Jeder also wird in der Regel wollen seine Behauptung durchsetzen selbst wann sie ihm für den Augenblick falsch oder zweifelhaft scheint. Die Hülfsmittel hiezu giebt einem Jeden seine eigne Schlauheit und Schlechtigkeit einigermaaßen an die Hand.."

6. Schopenhauer versucht dann im Folgenden eine Systematisierung der Kunstgriffe, die quasi die falsche Behauptung in der Diskussion retten könnten. Das ist teilweise recht drollig, andererseits (wie bei einem so systematischen Geist auch nicht anders zu erwarten) sehr präzise und erschöpfend. Viele  moderne Rhetorikratgeber bedienen sich bei der Schopenhauer'schen Quelle. Das Buch ist vor allem auch ganz nützlich, wenn man selbst erkennen will, wann man sich einer unsauberen oder unredlichen Argumentation gegenüber sieht.

7. Ich lese es aber einfach auch deswegen immer wieder gerne, weil Schopenhauer, dieser schlecht gelaunte alte Mann, dort immer wieder herrlich herumpöbelt: "Bald darauf kam die Rede auf Hegel, und ich behauptete der habe großentheils Unsinn geschrieben oder wenigstens wären viele Stellen seiner Schriften solche, wo der Autor die Worte setzt, und der Leser den Sinn setzen soll." Zu Lebzeiten wurde es auch nie veröffentlicht, jetzt über 180 Jahre nach der Entstehung kann man es aber mit einigem Vergnügen lesen.

Dienstag, 30. September 2014

Nightime

Die meisten werden Alex Chilton schon häufig gehört haben, ohne dass es ihnen bewusst war. Als Bobby Boxtop hatte er mit der Spätsechziger Castingband "The Box Tops" mit "The Letter" einen Hit. Die Tantiemen haben ihn dann wohl in den Siebzigern geholfen.

Interessanter ist aber, was er danach angestellt hat. In Memphis gründete er eine bescheiden "Big Star" genannte Band, die erste Platte hieß: na klar, "No. 1 Record". Eine wunderbare Platte, späte Beatles treffen die Kinks und Byrds, unglaublich schöne Lieder, wollte aber 1972 keiner hören (glaubt Ihr nicht? Dann hört mal rein). Chris Bell, der zweite Sänger, verließ die Band, damit ging auch die etwas sanftere Seite. Die restlichen großen Sterne machten weiter, 1973 mit der zweiten LP "Radio City", immer noch eine wunderbare Beatplatte, aber schon etwas rumpliger und erratischer. Auf der LP findet sich "Septenber Gurls", das Lied, das eigentlich jeder kennen sollte und das andauernd im Klassikrock-Radio laufen müsste. Tut's aber eher nicht, fürchte ich (und auf Youtube finde ich die Originalversion leider nicht). Wieder kein Erfolg, die Band bestand danach im Wesentlichen aus Alex Chilton und dem Schlagzeuger Jody Hummel. Chilton, der auch schon vorher nicht der einfachste Umgang war, bastelte betrunken im Studio herum, teilweise mit einer kindischen Freunde daran, alles, was gefällig klingen könnte, kaputt zu machen. Die Sessions zogen sich hin, das Ergebnis wollte keiner veröffentlichen. Die damals aufgenommenen Tracks zirkulieren in verschiedener Zusammenstellung und Abmischung als Big Star's "Third" oder "Sister Lovers" (ich selbst habe drei verschiedene Versionen). Die LP ist dermaßen whiskygetränkt, dass man sie auswringen könnte. Ein paar Lieder sind schlichtweg unhörbar, wie sich Alex Chilton in Interviews erinnerte, waren das diejenigen, die der Manager als hitverdächtig angesehen hatte und die die Band dann vollkommen und mit Genuß versaute. Anfangs hatten alle wohl noch die Hoffnung, hier endlich das Erfolgsalbum zu produzieren, nach und nach gab es dann nur noch merkwürdige Experimente. In den Bandbiographien wird das dritte Album deswegen auch gerne abgehakt, nicht ohne anzumerken, dass es bei einigen Möchtegern-Fans einen Kult um dieses Ding gäbe. (Jetzt habe ich gerade die Radio City-LP herausgekramt, in den Liner Notes heißt es dort zu "Third": Chilton's grasp of structure seemed to be slipping away. Gaps, pauses and an eerie silence punctuated some of the songs, others floundered to a clumsy conclusion, resulting in a collection which was both strange and compulsive.)

Tja. Aus meiner Sicht sind wunderbare Stücke drauf, gerade weil dieses ganze Album so verwirrt und fehlgeleitet ist. Die kleine Ballade Nightime ist eines der wenigen Lieder, bei dem mir wirklich fast immer beim Anhören die Tränen kommen.



Wenn in einem der letzten Refrains Chilton auf einmal singt: Get me out of here, get me out of here, I hate it here, get me out of here, weiß ich nie, ob das wirklich Teil des Textes war oder ob Chilton in dem Lied beim Singen einfach einen kurzen Hilferuf aus dem Studio abgesetzt hat. Und kann es etwas zarteres geben als die wunderschön instrumentierte Liedchen Blue Moon oder das Stück Take care, dessen "Take care not to hurt yourself" man dem Sänger selbst zurufen wollte.

Alex Chilton ist 2010 gestorben, hat bis dahin immer wieder Platten gemacht, mit viel merkwürdigen, aber auch ein paar wundervollen Liedern. Allein "Dalai Lama" ist unglaublich (und wieder lässt einen Youtube im Stich). Der herzlose Verfasser der Liner Notes zu Radio City nannte es zwar eine "stammering, shambolic solo career", aber wollen wir so einem glauben?

Dienstag, 23. September 2014

For what it's worth

Straßenschlachten scheinen ein beliebtes Musikthema zu sein. Die Stones hatten den großmäuligen "Street fighting man", Schwoißfuaß sangen "Spreng, Karle, spreng"*, die Dead Kennedys sangen über den "Riot" (dazu demnächst noch einen Post). Beim Rumkruschteln fiel mir zu dem Thema noch eine geliebte Band ein, die ich allerdings in letzter Zeit etwas vernachlässigt habe: Buffalo Springfield, mit ihrem Proto-Protestsong "For what it's worth" von 1967. Kann man immer wieder hören, wirklich schönes Lied, mit Aufnahmen von Demos der Sechziger Jahren. Und beim Ansehen musste ich wirklich lachen, als ich zum Schluss einen Blick auf den jungen Neil Young werfen konnte. Koteletten konnte der. Unbezahlbar.




*"Lauf, Karlchen, lauf"

Sonntag, 21. September 2014

52 Bücher: Der Erzieher der Maus*

1. Es ist wieder Projekt-Zeit. Projekt-Muddi Katrin gibt als Motto vor "Sturheit, Dickköpfigkeit oder einfach Willensstärke".  Ein klarer Fall: Es soll diese Woche hier über Floyd Gottfredson gehen, einen leider viel zu wenig bekannten Comicpionier. Die Sturheit geht an mich, weil ich mir schon ohne das Motto zu kennen vorgenommen habe, diese Woche Gottfredson zu würdigen, die Dickköpfigkeit geht an Gottfredsons wichtigste Figur Micky Maus (wir werden gleich ein paar Beispiele sehen) und die Willensstärke charakterisiert Gottfredson selbst, der 45 Jahre für den Micky Maus-Zeitungscomics zuständig war.

2. Micky Maus war zunächst nur ein Filmstar. Nachdem Ende der Zwanziger Jahre die Zeichentrickfilme in den USA ein großer Erfolg waren, fragte das King-Feature-Syndikat bei Disney nach, ob er sich einen Micky-Maus-Zeitungscomic vorstellen könnte. In den USA war und ist es üblich, dass es in den Tageszeitungen Comic-Seiten mit verschiedenen Comic-Serien gibt. King-Feature und andere Syndikate sorgten dafür, dass die zahlreichen Tageszeitungen im ganzen Land mit Comics versorgt werden. Einen Micky-Maus-Comic wollten damals natürlich viele Zeitungen haben. Disney willigte ein und im Januar 1930 gab es den ersten Micky-Maus-Zeitungsstrip, für dessen Manuskript Disney selbst verantwortlich war und dessen Zeichner Ub Iwerks war, der auch für die Zeichentrickfilme verantwortlich war (einen wunderbaren Iwerks Zeichentrickfilm aus den späten Zwanzigern kann man hier sehen). Beide hattten schon bald keine Lust mehr auf den Comic und übergaben am 10.2.1930 an einen weiteren Studiozeichner, Win Smith. Disney und Iwerks hatten den Strip für lose verbundene Gags genutzt, die sich an Kurzfilmen orientierten, Smith begann dagegen im April eine längere Abenteuergeschichte "Micky Maus im Tal des Todes", die sich über ein halbes Jahr hinziehen sollte. Am 5.5.1930 übergab Smith an Gottfredson, der eigentlich nur für wenige Wochen einspringen sollte. Schon am ersten Tag hatte Micky bei Gottfredson einiges zu tun:
(Gottfredsons erster Tagesstrip am 5.5.1930, aus: Race to Death Valley, Fantagraphics 2011)


3. Man darf die Zeitungscomics nicht mit den Comicgeschichten aus den Heften vergleichen. Ein Zeitungsstrip muss jeden Tag so gestaltet sein, dass er auch für jemand interessant ist, der nicht weiß, was vorher passiert ist. Deswegen sind viele der bekannten Zeitungsstrips auch reine Gag-Comics, wie z.B. Peanuts oder Garfield. Wenn eine längere Geschichte erzählt wird, wird es schon ein bisschen schwieriger. Der Comic sollte dann immer auch mit einer Art Cliffhanger enden, damit die Leute gespannt sind, wie's weitergeht. Die Erzählstruktur wird dadurch etwas ruhelos, längere ruhige Passagen verbieten sich, um das Interesse der Leute am Leben zu halten (geniale Ausnahme sind die frühen Popeye-Strips, die wirklich ein absurdes und surreales Universum aufspannen). Zeitungsstrips waren auch nie Kindercomics wie die späteren Hefte, sondern richteten sich an ein (auch) erwachsenes Publikum.

4. Gottfredsons erste Geschichten waren noch nicht in einer Stadt wie Entenhausen angesiedelt, sondern in einer chaotischen ländlichen Umgebung, Horst Schröder nennt es "ländliche Anarchie". Micky selbst ist noch ein kleiner Clown, Heißsporn und Witzbold, dessen Aktionen alles andere als vorbildlich anzusehen sind. Sein vernünftiger Gegenpart ist Horaz Pferdehalfter. Irgendwann tauchen dann Goofy (und zeitweise auch Donald) in den Comics auf und gegenüber diesen Charakteren wirkt Micky zunehmend erwachsen.

Die chaotischen Einfälle sind dann Goofys Resort; Micky muss erwachsen werden. Gottfredson reagiert darauf, in dem er die Geschichten mehr und mehr an den Krimi- und Abenteuerfilmen der Dreißiger orientiert und nicht mehr unbedingt an den Zeichentrickfilmen. Man darf nie vergessen: Das Publikum der Zeitungsstrips bestand im Wesentlichen aus Erwachsenen.

(Micky scheint in Schwierigkeiten, "Die Jagd auf das Phantom" in "Ich, Goofy" Melzer Verlag, 1975)

Wenn man einige der damaligen Geschichten liest, stellt man allerdings auch fest, dass sie auch bei den Stereotypen fest in der Zeit verwurzelt sind; die Abenteuerepisoden in Afrika z.B. sind inzwischen teilweise nur schwer erträglich.

5. Ende der Dreißiger gab es die spannendsten Micky-Abenteuer, exemplarisch hier gezeigt bei Mickys "Kampf mit dem Phantom", weit entfernt von der Micky-Maus-Kost, die man später in den deutschen Heftchen zu lesen bekam. Gottfredson hatte eine enorme zeichnerische Eleganz entwickelt. Die längeren Geschichten wurden dann aber in den Vierzigern aufgegeben. Offenbar gab es vom Syndikat Anweisungen, dass die langen Abenteuergeschichten vermieden werden sollten, so dass es dann nur noch kurze, sich nur über wenige Wochen erstreckende Episoden gab. Nach dem Krieg sollte es noch einmal für ein paar Jahre lange Geschichten geben, dort traf Micky dann Gamma, den Mann aus der Zukunft. 1955 war dann Schluss mit den langen Geschichten, es gab nur noch unverbundene Gagstrips. Die betreute Gottfredson noch bis 1975. In den 90ern gab es dann noch einmal Versuche, die langen Geschichten in den Zeitungen wieder zu verankern; 1995 wurde dann aber der Micky Maus-Zeitungsstrip ganz eingestellt.
  
6. Vor allem bei den Geschichten nach 1942 fällt die Zeitbezogenheit immer mehr auf. Micky und Goofy erfüllen ihre patriotischen Pflichten, zunächst als Erntehelfer, später wird Micky von Kater Karlo als deutschem Spion sogar nach Nazideutschland entführt. Er kann entkommen, nicht ohne auf der Flucht noch das Dach von Hitlers Haus in Berchtesgaden einzureißen. Nach dem Krieg entführt Kater Karlo, inzwischen in sowjetischen Diensten Gamma und Micky nach Moskau, Gamma und Micky kämpfen um Pläne für Geheimwaffen. Die Geschichten sind immer noch graphisch elegant, aber kein reines Lesevergnügen mehr und eher historisch interessant. Die klassische Periode liegt sicher in den Geschichten zwischen 1936 und 1942.
(Kater Karlo als Sowjetagent mit Micky und Gamma in Moskau, aus "L'age d'or de Mickey Mouse par Floyd Gottfredson", Tome 9, Génat, 2014)


7. Wo kann man die schönen Geschichten lesen? Es gibt einen "offiziellen" Gottfredson Band, "Die schönsten Geschichten von Floyd Gottfredson", den man sich aber besser spart. Die Comicstrips sind teilweise aus ihrer täglichen Gliederung herausgerissen und in ein untaugliches Format montiert; die Auswahl ist auch nicht vollständig glücklich. Schön dokumentiert waren die Geschichten in den Bänden "Ich, Micky Maus" (1 und 2) und "Ich, Goofy" (1 und 2), die in den 70ern erschienen und die ich Mitte der Siebziger wieder und wieder gelesen habe. Die gibt es auch noch antiquarisch; ich kann nur als Einstieg "Ich, Micky Maus 2" und "Ich, Goofy 1" empfehlen, wenn es die für einen vernünftigen Preis angeboten gibt. Die Reihe ist  wohl als "Die großen Klassiker: Ich, Micky" und "Die großen Klassiker: Ich, Goofy" nachgedruckt worden, die man antiquarisch noch für akzeptables Geld bekommt. In der "Die großen Klassiker"-Reihe gibt es auch ein paar ganz günstige Carl Barks-Ausgaben (leider nicht Erika Fuchs-Übersetzungen), aber auch viel mediokres Comicheft-Geschmiere der Sechziger Jahre. Mitte der Achtziger begann im Ehapa-Verlag eine chronologische Ausgabe der Micky-Maus-Zeitungsstrips als "Mickys Klassiker", die dann leider eingestellt wurde, bevor die richtig interessanten Jahre kamen. Die Ausgabe krankt daran, dass die Vorlagen teilweise nicht wirklich gut waren. Auf englisch gibt es eine Gottfredson-Gesamtausgabe von Fantagraphics, die in jeder Hinsicht in sehr guter Qualität ist. Die Tagescomics sind hier, anders als in den vorher genannten Ausgaben, im Original-Schwarzweiß abgedruckt. Ich muss allerdings zugeben, dass der Slang, den Micky und seine Freunde sprechen, manchmal nur schwer zu verstehen ist. In Frankreich gibt es die "L'age d'or"-Reihe, die die klassischen Gottfredson-Strips in Farbe und in sehr hoher Qualität und in einem sehr großen Format bringt. Wäre schön, wenn es etwas entsprechendes in Deutsch gäbe. Die Qualität der einzelnen Ausgaben kann man aus den verschiedenen Bildbeispielen ersehen.







*"Der Erzieher der Maus" ist kein Buch, sondern ein Ehrentitel für Floyd Gottfredson, der Micky Maus zwar nicht erfunden, aber über Jahrzehnte wesentlich geprägt hat. Die Bezeichnung findet sich in dem schönen Essay von Horst Schröder in "Ich Goofy, Band I", dem ich auch viele der hier verwendeten Informationen verdanke.

Samstag, 20. September 2014

It's not funny anymore

(Leider thematisch derzeit mein Soundtrack zur Arbeit)

1983 erschien die Mini-LP "Metal Circus" von Hüsker Dü, einem Punk-Trio aus Minneapolis. Der Name bedeutet "Erinnerst du dich?" (wahrscheinlich der dänische Name für ein Gedächtnisspiel). Die Gruppe hatte vorher schon mit der "Land Speed Record"-LP von sich reden gemacht, die ihrem Namen alle Ehre machte: Hochgeschwindigkeitsgeknüppel, wie man es vorher selten gehört hatte. Die 1983er Veröffentlichung ging in eine andere Richtung und enthält ein paar klassische Lieder, die das Ami-Hardcore-Genre definierten (im Prinzip finden sich auf den ersten Hüsker Dü-Platten schon die Blaupausen für die nächsten zwei Jahrzehnte Alternative-Rock). Auch das Auftreten der Band war wegweisend: Jenseits aller einstudierten Posen oder Rock-Kostümierungen eine unglaubliche Intensität, die für viele Hörer allerdings zu tief unter ein paar Schichten Lärm begraben liegt. Ungewöhnlich war auch, dass zwei der Musiker homo-/bisexuell waren; in der doch eher macho-geprägten und intoleranten Hardcore-Szene der frühen 80ern auch die Ausnahme. Musik, Texte, Auftreten zeigten deutlich, dass es der Band vollkommen egal war, ob sie sich irgendwo einordnen lassen oder bestimmte Erwartungen des Publikums erfüllen (für mich immer die wesentliche Voraussetzung für interessante Musik. So entstehen Sachen, die einem neue Welten aufschließen, nicht durch kalkuliertes Epigonentum.)

Hüsker Dü könnten (vor allem auch auf ihrer "Zen Arcade"-DoLP) textlich als Vorläufer einiger Emo-Bands gesehen werden, auch die "Metal Circus" enthält einige Stücke in dieser Richtung. "It's not funny anymore" ist ein typisches Stück von Schlagzeuger Grant Hart (von dem hier schon häufiger die Rede war), eine kühle Standortbeschreibung:

Benimm dich, wie du dich gerne benehmen willst
Sei, wie du gerne wärst
Finde heraus, wer du wirklich bist
Und kümmere dich nicht um mich

It's not funny anymore

Bob Mould, der Gitarrist, und Grant Hart, der Schlagzeuger, sind immer noch musikalisch unterwegs (wenn auch schon lange nicht mehr gemeinsam). Greg Norton, der Bassist mit dem wunderbaren Schnauzbart, betreibt inzwischen mit seiner Frau ein Fischrestaurant in Minnesota, welches mehrfach für seine Weinauswahl ausgezeichnet wurde.*


*Was würde man ohne Wikipedia nur machen?



Sonntag, 14. September 2014

52 Bücher: Der Daumen des Ingenieurs

1. Wieder ein neues Motto, um Bücher vorzustellen: Physik. Hrrmpf. Danke, Katrin! Meine Physikbücher habe ich schon lange nicht mehr, in der Schule haben wir von Dürrenmatt "Die Physiker" gelesen, aber auch da keine rechte Erinnerung mehr. In Erinnerung geblieben ist mir allerdings der Satz aus Dürrenmatts Dramentheorie, dass eine Geschichte erst dann zu Ende erzählt ist, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Den bringe ich gelegentlich in Projektmeetings in der Arbeit an.

2. Bei Physik könnte man ja auch den "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil anbringen, der immerhin als zweiten Satz hat: "Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit." (gut, Meteorologie ist ja auch so eine Art Physik) und am Ende der ersten Seite die der Optik zuzuordnende Frage aufwirft: " Es wäre wichtig, zu wissen, warum man sich bei einer roten Nase ganz ungenau damit begnügt, sie sei rot, und die danach fragt,welches besondere Rot sie habe, obgleich sich das durch die Wellenlänge auf Mikromillimeter genau ausdrücken ließe; ..." Nun liebe ich das Buch, muss aber zugeben, dass ich herzlich wenig davon verstanden habe. Nicht die beste Ausgangslage für eine Buchvorstellung, will mir scheinen.

3. Aber da kam mir der rettende Gedanke: Der Daumen des Ingenieurs! Da ist der Ingenieur schon im Titel, es geht u.a. um eine hydraulische Presse, was will man denn noch mehr an Physik haben. Das Buch, in dem sich diese Geschichte, die jetzt etwa 120 Jahre alt ist, findet, heißt "Die Abenteuer des Sherlock Holmes" von Arthur Conan Doyle. Es war der erste Sammelband der Erzählungen, die Doyle im Strand Magazine monatlich veröffentlicht hatte. Doyle war in Edinburgh geboren, hatte dort auch Medizin studiert. Ich habe im Old College dort auch mal ein Jahr studiert, wenn auch nicht Medizin. Als ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe, hatte ich mir den Sammelband "Sherlock Holmes Geschichten" aus unserer Bibliothek ausgeliehen, ich weiß nicht, wie oft ich mir diesen Band durchgelesen habe. Die Geschichte war auch in einer Taschenbuchausgabe von Holmes Geschichten, die in einem Jugendbuchverlag erschienen ist. Ich habe damals mit 10-15 alle Kriminalkurzgeschichten durchgelesen, die ich in die Finger bekommen konnte, Sherlock Holmes, Pater Brown, Lord Peter Wimsey, Hercule Poirot, habe sie alle geliebt und erst mit etwas Abstand verstanden, wie unterschiedlich die Autoren und ihre Weltsicht waren.

4. Holmes ist auf jeden Fall ein Mann der Wissenschaft. Er atmet das ausgehende 18. Jahrhundert, in dem die Ingenieure übernahmen und alle überzeugt waren, die Probleme der Welt ließen sich durch Technik lösen. Und was für wunderbare Dinge wurden damals erfunden! Holmes ist durch und durch rational, im Glauben an die Logik und Deduktion. Wir Spätergeborene haben dann schon gesehen, wie dieser Fortschrittsglaube an die Wand gefahren ist.

5. Die Geschichte beginnt damit, dass ein Ingenieur zu Dr. Watson kommt, dessen Daumen bei seiner Flucht aus einem Haus abgerissen wurde. Er sollte dort eine hydraulische Presse reparieren. Der Ingenieur wußte weder, wo das Haus war, noch hatte er eine Ahnung, wie er seine traumatischen Erlebnisse dort einordnen sollte. Holmes hört sich das Ganze an und findet dann für alles eine Erklärung. Als Kind habe ich immer den Schlußdialog geliebt, in dem sich zunächst der Ingenieur (nicht ganz zu unrecht beklagt), dass er bei dem Abenteuer seinen Daumen eingebüßt habe und auch das versprochene Honorar nicht bekommen habe. Er fragt: "Und was habe ich gewonnen?" Und Holmes antwortet: "Erfahrung." In meiner Jugendausgabe war da tatsächlich Schluß, inzwischen habe ich eine bessere Übersetzung und musste zu meinem Leidwesen feststellen, dass der Schluß sich  originalgetreu so liest: " Erfahrung", sagte Holmes lachend. "Das könnte indirekt sehr wertvoll sein, wissen Sie; Sie brauchen das Erlebnis nur in Worte zu fassen, um bis an Ihr Lebensende den Ruf zu genießen, dass Sie ein ausgezeichneter Gesellschafter sind." Hrrmpf. Vielleicht hat Doyle ja Zeilenhonorar bekommen, der wortkarge Holmes hat mir besser gefallen.

6. Die Geschichten sind auf jeden Fall und immer noch lesenswert und haben trotz ihrer Zeitgebundenheit die letzten 100 Jahre besser überstanden als manches andere Werk. Als E-Books werden sie manchmal verschenkt, das sind dann aber zumeist Übersetzungen, bei denen es der Sau und dem Leser graut.

Freitag, 12. September 2014

52 Bücher: Geht in Ordnung -- sowieso -- genau --

1. Das Fellmonsterchen mal wieder. Gibt als Motto aus "Hopfen und Malz - ab in den Hals". Zunächst dachte ich, das sollte nicht schwer sein, ein Buch zu finden, das thematisch zu Bier passt. Ich erinnerte mich auch dunkel daran, dass ich mal einen schönen Krimi hatte von Jakob Arjouni, der "Mehr Bier" heißt. Allerdings musste ich feststellen, dass ich den entweder verliehen oder bei irgendeinem Umzug verloren habe. Also, nettes Buch, aber ich erinnere mich nicht mehr so richtig daran.

2. In meinen sonstigen Büchern wird zwar auch immer wieder getrunken, aber nicht unbedingt Bier. Die Brentford Trilogie, die ja im Wesentlichen in einem Pub spielt, hätte gepasst, aber den "Antipapst" habe ich ja schon vorgestellt. Dann endlich der rettende Gedanke: In dem Buch wird zwar vor allem Sechsämtertropfen getrunken, aber auch das ein oder andere Bier. Also soll es hier um "Geht in Ordnung -- sowieso -- genau --" gehen. Auch Teil einer Trilogie, der sog. Trilogie des laufenden Schwachsinns.

3. Das Buch wurde 1977 von Eckhard Henscheid geschrieben. Henscheid wurde 1941 in Amberg geboren und ist wahrscheinlich nicht unbedingt der best gelaunte Zeitgenosse. Henscheid hat das Verdienst, dass er Anlass zu einem Prozess des Bundesverfassungsgerichts war, in dem die Grenzen der Meinungsäußerung in Literaturkritik bestimmt wurden. Unverständlicherweise sah das Bundesverfassungsgericht in den Zeilen: "Es ist schon schlechterhin phantastisch, was für ein steindummer, kenntnisloser und talentfreier Autor schon der junge Böll war, vom alten fast zu schweigen - und mehr noch: Er war, gegen's allzeit und bis heute kurrente Klischee und mit Sicherheit gegen seine eigene Selbsteinschätzung, auch einer der verlogensten, ja korruptesten." unzulässige Schmähkritik. Die Sprachgewalt, die in den Zeilen steckt, konnte oder wollte das Gericht wohl nicht beurteilen.

4. Geht in Ordnung -- sowieso -- genau -- spielt in einer süddeutschen Kleinstadt, die wir uns wohl als Amberg vorstellen dürfen. Hauptschauplatz ist das ANO-Teppichlager, in dem die Hauptpersonen Alfred Leobold und Hans Duschke als Verkäufer tätig sind. Der Erzähler gerät in den Bann der beiden, die sich die Zeit vor allem mit dem Trinken von Kräuterlikör vertreiben; am Abend im Wirtshaus beim Kartenspielen gibt's dazu auch genügend Bier (endlich die Kurve zum Thema gekriegt). Der Erzähler versucht - nur kurzzeitig erfolgreich - mit zwei Schwestern anzubandeln, die Gesellschaft unternimmt eine Reise in die Berge, der Gymnasiast Binklmayr spielt eine unheilvolle Rolle. Wenn man's genau nimmt, passiert in dem ganzen Roman nicht viel mehr, als dass sich verschiedene Leute in einem Teppichladen betrinken. Die trivialsten Begebnisse werden aber mit einer Inbrunst beschrieben, die weltbewegenden Ereignissen angemessen wäre. Und alle Protagonisten reden furchtbar plattes Zeug, das in quälender Genauigkeit notiert wird. 

5. Ich habe das Buch vor einem Jahr im Urlaub mitgenommen und musste alle paar Seiten eine Pause machen, weil ich hysterisch zu kichern begann. Die Komik des Buches ist schwer zu fassen und zu beschreiben, vielleicht braucht man auch eine gewisse Kenntnis der miefigen 70er Jahre in der Provinz, um diese unglaublichen Schilderungen richtig würdigen zu können. Nachhaltig erschüttert hat mich am Ende des Buches, als das Alter der Hauptperson Albert Leobold offenbart wird. Ich hatte ihn als alten Säufert eingeschätzt, in Wirklichkeit war er im Buch einige Jahre jünger als ich. 

6. Während ich das schreibe, stelle ich fest, dass ich mir unbedingt auch die anderen Teile der Trilogie besorgen sollte. 

Mittwoch, 10. September 2014

Rasenmähen oder Relating Dudes to Jazz (2)

In meiner Jugend bin ich eigentlich nie mit Jazz in Berührung gekommen. Irgendetwas wurde einem dazu im Musikunterricht vorgespielt und im Fernsehen gab es Dixieland- oder Big Band-Jazz, also nichts, was einen Halbwüchsigen interessieren oder begeistern könnte. Gängig waren die Vorurteile, Jazz sei das, was nur schrecklich und schräg klänge oder wo die Musiker gar nicht spielen könnten.
Meine musikalische Sozialisation, die von den Beatles zu Punk führte, war da auch zunächst nicht hilfreich. Anfang der Achtziger war Punk eine (musikalisch) stockkonservative Angelegenheit. Man hatte erlebt, wie von den ersten Anfängen irgendwann nur noch kommerzieller New Wave oder Rock übrig blieb, deswegen wachte man jetzt argwöhnisch darüber, dass die Musik und die Themen gleichbleibend stupide und hart blieben, um jeden "Kommerz" zu vermeiden. Das Ganze führte dann später nur dazu, dass die Szene immer näher zum Heavy Metal, einer genauso stockkonservativen Musikrichtung, geführt wurde, der allerdings alles Spontane und Interessante, was man bei Punkmusik immer wieder mal finden konnte, komplett abgeht. Aber ich schweife ab, das kam erst später.

In der Mitte der Achtziger entwickelte sich allerdings in den USA im Umkreis der Band Black Flag eine Szene, die zumindest bei mir als weitere Vertreter der "lauter, schneller, härter"-Fraktion ankamen (das fand ich damals auch gut und richtig). Im Laufe der Zeit zeigte sich jedoch, dass die wesentlichen Bands, Black Flag, Minutemen, Hüsker Dü, Saccharine Trust und Meat Puppets alles andere als eine puristische Auffassung von Punk-Musik hatten. Es wurden alle Genres einverleibt, von Folk, Free Jazz zu Country und Funk. Die Meat Puppets schafften es sogar, vor ihren Konzerten dem Publikum als Einstimmung "Ascension" von John Coltrane vorzuspielen, Free Jazz, der nahezu jedes Auditorium zum Wahnsinn treiben würde. Das vom Black Flag-Gitarristen betriebene SST-Label war Motor dieser Bewegung, die Veröffentlichungen bestanden am Schluss zu einem großen Teil aus Platten von Nachwuchs-Folkbarden und obskuren Altjazzern. Das - und verschiedene andere unglückliche Umstände - führten dann schließlich zur Insolvenz und zum Zusammenbruch. Viel von dem, was damals vorbereitet wurde, gehört jetzt zum Mainstream. Die Ernte konnten dann andere Bands einfahren.

Auch ich habe - quasi heimtückisch und unbemerkt - mit der Musik nach und nach neue Einflüsse kennen gelernt. Bestürzt musste man feststellen, dass man geglaubt hatte, echten und reinen Punk zu bekommen, und dabei wurde man subversiv auf Grateful Dead oder schlimmeres vorbereitet. Auf diese Art bekam ich - undercover - auch die eine oder andere Dosis Jazz ab, so richtig geheuer war mir das alles aber trotzdem nicht. Eine der letzten Black Flag-Platten, "The Process of Weeding Out" bestand nur aus Instrumental-Improvisationen einer Gitarre, die einem immer zu spät oder zu früh oder einen Ton zu hoch oder zu niedrig schien. Ich hörte mir das ein, zwei Mal an und stellte die LP in den Plattenschrank zurück, ratlos.

Ich war damals gerade im Zivildienst, wo ich mich vor allem mit Gärtnern beschäftigen durfte (Näheres dazu gibt's hier). Im Sommer verbrachte ich ganze Tage allein auf den Wiesen um das Gras, das mit dem Rasentraktor gemäht worden war, zusammenzurechen und mit einem kleinen Wägelchen zum Kompost zu fahren. Das waren Tage, wo man kaum zwei Worte sprach, die Kollegen waren ohnehin nicht sonderlich redselig. Während der einfachen und eintönigen Tätigkeit purzelten die Gedanken durch den Kopf, die Tätigkeit war rein mechanisch und losgelöst von allem Denken. Oft hörte ich in Gedanken Musik, leider auch nur bedingt willentlich beeinflussbar, ich erinnere mich, wie an einem Tag in meinem Kopf immer und immer wieder "When I'm Sixty-Four" von den Beatles lief, Ton für Ton genau, immer wieder von vorne. An einem dieser Tage, schwül und sonnig, zog ich den Rechen durch das Gras und in meinem Kopf begann wieder ein Lied, zu meinem Erstaunen war es "Southern Rise", eines der sperrigsten Lieder der "Process of Weeding Out". Ich hatte das Lied bewusst vielleicht zwei Mal gehört und hatte diese herumirrende atonale Gitarre anscheinend doch vollkommen  Ton für Ton in meinem Kopf gespeichert. Das allein fand ich schon erstaunlich. Während dieses Lied so langsam durch meinen Kopf zog, merkte ich allerdings auch, dass all das, was mir bis dahin als atonal oder falsch gespielt vorgekommen war, in diesem Stück genau so sein musste, ja, gar nicht anders sein konnte. Zum ersten Mal hatte ich begriffen, was Jazz war.

Da mich meine bisherigen Musikvorlieben damit im Wesentlichen auf Free Jazz vorbereitet hatten, machte ich den umgekehrten Weg wie die meisten Musikliebhaber. Ich wühlte mich durch den gesamten John Coltrane, brauchte dann einige Zeit, um die Schönheit des Be Bop und die Heiterkeit eines Charlie Parkers schätzen zu können und konnte mich dann erst zum Schluss an New Orleans- und Dixieland-Jazz gewöhnen, die mir durch dumme Knoff hoff-Show-Erinnerungen vergiftet waren.