"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Dienstag, 30. September 2014

Nightime

Die meisten werden Alex Chilton schon häufig gehört haben, ohne dass es ihnen bewusst war. Als Bobby Boxtop hatte er mit der Spätsechziger Castingband "The Box Tops" mit "The Letter" einen Hit. Die Tantiemen haben ihn dann wohl in den Siebzigern geholfen.

Interessanter ist aber, was er danach angestellt hat. In Memphis gründete er eine bescheiden "Big Star" genannte Band, die erste Platte hieß: na klar, "No. 1 Record". Eine wunderbare Platte, späte Beatles treffen die Kinks und Byrds, unglaublich schöne Lieder, wollte aber 1972 keiner hören (glaubt Ihr nicht? Dann hört mal rein). Chris Bell, der zweite Sänger, verließ die Band, damit ging auch die etwas sanftere Seite. Die restlichen großen Sterne machten weiter, 1973 mit der zweiten LP "Radio City", immer noch eine wunderbare Beatplatte, aber schon etwas rumpliger und erratischer. Auf der LP findet sich "Septenber Gurls", das Lied, das eigentlich jeder kennen sollte und das andauernd im Klassikrock-Radio laufen müsste. Tut's aber eher nicht, fürchte ich (und auf Youtube finde ich die Originalversion leider nicht). Wieder kein Erfolg, die Band bestand danach im Wesentlichen aus Alex Chilton und dem Schlagzeuger Jody Hummel. Chilton, der auch schon vorher nicht der einfachste Umgang war, bastelte betrunken im Studio herum, teilweise mit einer kindischen Freunde daran, alles, was gefällig klingen könnte, kaputt zu machen. Die Sessions zogen sich hin, das Ergebnis wollte keiner veröffentlichen. Die damals aufgenommenen Tracks zirkulieren in verschiedener Zusammenstellung und Abmischung als Big Star's "Third" oder "Sister Lovers" (ich selbst habe drei verschiedene Versionen). Die LP ist dermaßen whiskygetränkt, dass man sie auswringen könnte. Ein paar Lieder sind schlichtweg unhörbar, wie sich Alex Chilton in Interviews erinnerte, waren das diejenigen, die der Manager als hitverdächtig angesehen hatte und die die Band dann vollkommen und mit Genuß versaute. Anfangs hatten alle wohl noch die Hoffnung, hier endlich das Erfolgsalbum zu produzieren, nach und nach gab es dann nur noch merkwürdige Experimente. In den Bandbiographien wird das dritte Album deswegen auch gerne abgehakt, nicht ohne anzumerken, dass es bei einigen Möchtegern-Fans einen Kult um dieses Ding gäbe. (Jetzt habe ich gerade die Radio City-LP herausgekramt, in den Liner Notes heißt es dort zu "Third": Chilton's grasp of structure seemed to be slipping away. Gaps, pauses and an eerie silence punctuated some of the songs, others floundered to a clumsy conclusion, resulting in a collection which was both strange and compulsive.)

Tja. Aus meiner Sicht sind wunderbare Stücke drauf, gerade weil dieses ganze Album so verwirrt und fehlgeleitet ist. Die kleine Ballade Nightime ist eines der wenigen Lieder, bei dem mir wirklich fast immer beim Anhören die Tränen kommen.



Wenn in einem der letzten Refrains Chilton auf einmal singt: Get me out of here, get me out of here, I hate it here, get me out of here, weiß ich nie, ob das wirklich Teil des Textes war oder ob Chilton in dem Lied beim Singen einfach einen kurzen Hilferuf aus dem Studio abgesetzt hat. Und kann es etwas zarteres geben als die wunderschön instrumentierte Liedchen Blue Moon oder das Stück Take care, dessen "Take care not to hurt yourself" man dem Sänger selbst zurufen wollte.

Alex Chilton ist 2010 gestorben, hat bis dahin immer wieder Platten gemacht, mit viel merkwürdigen, aber auch ein paar wundervollen Liedern. Allein "Dalai Lama" ist unglaublich (und wieder lässt einen Youtube im Stich). Der herzlose Verfasser der Liner Notes zu Radio City nannte es zwar eine "stammering, shambolic solo career", aber wollen wir so einem glauben?

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