"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Mittwoch, 29. April 2015

52 Bücher: Druckstaueffekt

1. Ich bin hoffnungslos hinten dran mit den Büchern, vor vielen Wochen war bei Katrins Projekt ein Buch mit Ich-Erzähler gefragt. Nun habe ich eines, das ich gerne vorstellen will.

2. Das Buch "Druckstaueffekt" von Sabine Wirsching ist durch ein Crowdfunding entstanden. Ich habe mich in den letzten Jahren an mehreren solchen Projekten beteiligt und dabei die Entstehung von Platten, Comics und Büchern unterstützt. Irgendwann bin ich mal auf Sabine Wirschings Blog gelandet, wegen eines Berichts über ein Konzert, das ich auch gesehen habe. Als dort das Buchprojekt vorgestellt wurde, dachte ich mir, das Buch würde ich gerne einmal lesen.



3. Das Buch ist in der Ich-Form geschrieben, eine junge Frau, Mitte Zwanzig, in Berlin, berichtet ihrem Freund. Sie beginnt nach einer Depression, die durch den Wechsel ihrer Pille verursacht wurde, an ihrem eigentlich geregeltem Leben mit ihm zu zweifeln, obwohl der Freund äußerlich keinen Anlass dazu bietet. Sie beginnt, alleine auszugehen, arrangiert ihr Leben mehr und mehr ohne ihn und zieht nach einiger Zeit aus, wenn auch beide noch nicht sicher sind, ob es endgültig sein soll. Die Ich-Erzählerin beginnt dann  eine Serie von Affären mit verschiedenen jungen Männern, die zumeist auch schnell wieder beendet sind. Der Impuls dazu entspringt dabei dem Augenblick, ohne größere Planung oder weitere Zielsetzung. Eine Zufallsbekanntschaft tut ihr eines Abends Gewalt an; nur das Eingreifen eines Dritten rettet sie hier. Nach dieser Katastrophe folgen dann mit etwas Abstand zwei parallele längere Beziehungen mit einem Künstler und einem Geschäftsmann, die beide schließlich eine festere Bindung wünschen. Das stellt die Protagonistin vor die Frage, was sie eigentlich will. Der ursprüngliche Freund, mit dem sie sich zwischendurch auch noch gelegentlich traf und der die Hoffnung auf sie noch nicht aufgegeben hat, hält das Arrangement inzwischen nicht mehr aus. Was tun?

4. Die Geschichte wird in einer sehr klaren und nüchternen, aber doch intensiven Prosa erzählt, weit weg von allen jugendlichen oder kitschigen Klischees. Das lässt das Buch auch sehr angenehm lesen; das Thema ist, schwer genug, jenseits jeder Peinlichkeit behandelt. Man merkt am Klappentext und an der dem Buch vorgestellten Definition des Druckstaueffekts ("unverbindliche Verhalten geschlechtsreifer Berliner zur Paarungszeit"), dass dem Verlag vielleicht etwas trendigeres, verrucht erotischeres vorgeschwebt hat. Von diesen Klippen der Trivialität halten sich die Autorin und der Roman dann aber weitgehend fern - Gott sei Dank. Er liest sich trotzdem oder gerade deswegen sehr spannend. Dabei fand ich sehr angenehm, dass die Figuren mit ihrem Handeln beschrieben, aber so gut wie nicht erklärt werden. Die Protagonistin zeichnet ja gerade aus, dass sie das Denken und Planen hinter sich lässt und sich vom Empfinden bestimmen lässt. Das relativ erratische Handeln der Hauptfigur wirkt dabei aber nie konstruiert oder unglaubwürdig, sondern sehr authentisch, die Figur lebt mit ihren Widersprüchen in den Seiten.

5. Angereichert ist das Buch mit schönem Berlin Lokalkolorit, jedoch nicht der Art, die man aus trendigen Berlin-Reiseführern ziehen könnte. Die schönen Kork-Street-Yogis finden Erwähnung, alle möglichen Konzertorte, alle möglichen Straßen und Orte, es findet sich auch der schöne Satz: "Solange man auf der Rolltreppe rechts steht und links geht, schert sich der Berliner an sich um nichts." Wenn man will, kann man ein bisschen über verschiedene Orte und Szenen hier lernen.

6. Neben der beschriebenen sehr geradlinigen und intensiven Erzählung hat das Buch noch eine zweite Ebene. Es beginnt kursiv geschrieben, mit einer Darstellung der ursprünglich heilen Welt: "Sie erfreute sich an Schönheit und Ordnung, saß und schaute durch ihre Fenster in die Welt". Die weitere Erzählung, die zumindest der Ordnung bald ein Ende macht, ist immer wieder von diesen kursiven Passagen unterbrochen, die während der Depression die Kälte und Schatten beschreiben, dann jedoch langsam das Eintreten in eine obskure Schattenwelt, die von einem Pragmatiker genannten Wesen und einem Fischkind, einem Krieger und einem Tänzer bewohnt wird. Es geschehen, parallel zu der Handlung in der wirklichen Welt, rätselhafte Dinge, die sich letztlich nicht vollständig deuten lassen. Nach meinem Verständnis findet sich in diesen Passagen eine Darstellung des Innenlebens der Hauptperson. In ihrem bisherigen Leben hatte der Pragmatiker, von Büchern umgeben, auf Sicherheit bedacht, die Vorherrschaft, nun fordern auch der Krieger (die Amazone) und der Tänzer ihr Recht. Diese parallele Geschichte wird im Roman von dem Künstler-Freund als "Twilight-Story" bezeichnet, das trifft das grausame und surreale Geschehen nun gar nicht, ist aber ein netter selbstreferentieller Spaß in dem Buch. Die Frage am Schluß bleibt, welche der Persönlichkeitsfacetten, die in den archaischen Charakteren beschlossen sind, behält die Oberhand? Ich habe mir die kursiven Stellen nach der ersten Lektüre noch einmal am Stück durchgelesen und mir damit einige Dinge erst richtig erschließen können. Es gibt sicher sorgfältigere Leser als mich.

7. Das Buch funktioniert auf ganz verschiedenen Ebenen, als eine moderne Beziehungsgeschichte, als ein Roman über das Berlin der Jetztzeit (alte Säcke wie ich lernen dabei, was Studenten heutzutage so essen), aber auch als eine bildhafte Darstellung des Innenlebens einer aus der Bahn geworfenen jungen Frau. Anders als man erwarten könnte, spielen Drogen keine größere Rolle in dem Buch, manchem mag da beim Berlin-Bild etwas fehlen. Die Grundstruktur, die Ich-Erzählung, die an den Freund adressiert ist, gibt dem Ganzen einen etwas konventionellen Rahmen, gibt der Geschichte und wohl auch der Hauptfigur noch einmal so eine Art Sicherheitsnetz. Aber vielleicht wurde der Hauptfigur auch so schon genug zugemutet, dass man ihr dieses Netz gönnen kann. Aber auch für den, der gerne über Literatur grübelt, findet sich genügend Stoff. Ich hab's sehr gerne gelesen, auch wenn ich sicher nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehöre.

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