"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Donnerstag, 17. Januar 2019

Auf Wiedersehen, Europa!

Auf dieses Lied bin ich tatsächlich in einem Podcast zum Brexit gestoßen, tatsächlich passt es aber wohl besser zu uns als zu den Briten. Das eher träge, gelangweilte "Ach tschüss, Europa, hat ja nie so richtig geklappt zwischen uns..." spiegelt kaum das britische Sentiment wieder, hier bräuchte man eher etwas, das vor Wut überschäumt, ob der vermeintlichen Kränkungen und Demütigungen, die die Briten meinen durch Europa erlitten zu haben. Mir ist allerdings nicht bekannt, ob es ein entsprechendes brachiales Brexitlied gibt (die Dinge, die ich zu Ohren bekommen habe, sind ja eher ein bisschen gruselig, aus anderen Gründen).

Amber Arcades, die, wenn ich mich richtig erinnere, Niederländerin ist, singt von der schleichenden Entfremdung der progressiven Jugend von Europa. Das schlurfige Lied fasst es ganz gut zusammen, man findet die Entwicklung nicht gut, aber was soll man schon machen, es ist halt so. Für Errungenschaften zu kämpfen ist auch ein bisschen anstrengend und außerdem sind ja auch alle politischen Kräfte irgendwie unsympathisch.  

Ich mag das Lied, aber ich erkenne den Vibe, den es transportiert, nur zu gut und das macht mir Angst. Dazu passt, dass die politischen Entwicklungen inzwischen von vielen nur noch als Spektakel mit Unterhaltungswert angesehen werden; sehr deutlich bei den verschiedenen deutschen Kommentaren zum Brexit zu merken. Das ist etwa so, als würde man fasziniert zusehen, wie dem Nachbarn direkt neben einem das Haus niederbrennt und nicht darauf achten, wohin der Wind weht. Ich fürchte, wir werden bald genug feststellen, dass der Wind in unsere Richtung weht.





Dienstag, 15. Januar 2019

Die Filme der Sechziger Jahre sind überbewertet

Ich bin ja (schon aus Altersgründen) erst mit der zweiten Welle des Punks sozialisiert worden. Anfang der Achtziger hatten sich die ursprünglichen Bands entweder schon aufgelöst oder waren musikalisch in ganz anderen Bereichen gelandet. Die breite verwirrende Welt des Postpunks mündete dann in verschiedene Achtziger-Scheußlichkeiten, in Deutschland in die neue deutsche Welle. Die zweite Punk-Welle reduzierte die ganze Geschichte auf eine bestimmte Art von Musik, Gitarren, laut, hart, sofort wieder erkennbar. Die wunderbare Vielfalt des Anfangs verschwand und machte vielen recht austauschbaren Bands Platz.

Trotzdem gab es auch damals ein paar ganz interessante Sachen. Ich habe mir in letzter Zeit wieder ein paar Bands angehört, die ich mit 13, 14 gut fand und dann komplett vergessen habe. Dazu gehören auch die Londoner Action Pact, die Anfang der Achtziger zwei LPs hatten. M., ein Freund, hatte eine davon, und wir haben sie oft gehört. Die LP hatte auch ein Textblatt, so dass man zumindest theoretisch herausfinden konnte, um was es in den Liedern gehen sollte. Allerdings stieß man damals schnell an die Grenzen: Einziges Hilfsmittel war damals das Langenscheidt-Wörterbuch, das einem bei vielen Dingen im Stich ließ. Ich musste jetzt sehr lachen, als ich (mit Jahrzehnten Verspätung) zum ersten Mal kapiert habe, worum es in dem Lied "Sixties flix" ging. Wenn es keine Möglichkeit gab, festzustellen, dass Flix einfach "Filme" bedeutet, half auch die größte Anstrengung nicht, irgendeinen Sinn in den Text zu kriegen.Was haben wir gegrübelt!

Auch wenn Action Pact also die Filme der Sechziger für überbewertet hielt, haben sie für ihre (schöne) Single "People" dann doch ein Bild aus einem solchen Film als Cover gewählt (bin ich der einzige, der es sofort zuordnen kann?).

Die musikalische Einengung ging allerdings auch mit einer klareren politischen Positionierung einher; Action Pact haben eines der netteren Lieder gegen Nazis gemacht, das mir in all den Jahren im Kopf geblieben ist:


Samstag, 12. Januar 2019

The Ballad of Geeshie and Elvie

Geeshie Wiley und Elvie Thomas waren mir bis vor ein paar Jahren kein Begriff. Dabei haben die zwei einige der Bluesplatten aufgenommen, die zu den seltensten überhaupt gehören (wahrscheinlich gibt es nur eine einstellige Anzahl der Originale). Bis vor kurzem wusste man auch nicht, wer die beiden waren oder woher sie kamen. In der (failing) New York Times gab es vor ein paar Jahren dazu einen langen Artikel (eigentlich schon ein längeres Buchkapitel) über die Suche nach den Spuren von Geeshie und Elvie. Wenn man ein bisschen Zeit hat, ist das eine sehr schöne Lektüre, bei der man nicht nur viel über die beiden Frauen lernt, sondern auch, wie in den zwanziger und dreißiger Jahren in den USA Platten aufgenommen wurden. Anscheinend wurden die Plattenfirmenmanager zunächst vollkommen überrascht, dass man mit schnellen Aufnahmen regionaler Größen vernünftig Geld machen konnte. Vor allem stellte man fest, dass es ein (begrenztes) Publikum für schwarze Künstler gab, das aber auch lukrative Aufnahmen ermöglichten. Die Talentscouts der Plattenfirmen hatten allerdings von Musik eher weniger Ahnung, sondern nahmen erst einmal alles mit. Das erklärt auch, warum die (Nischen-)Musik der zwanziger und dreißiger Jahre teilweise so merkwürdig ungehobelt und unsortiert klingt, ganz anders als die weitgehend langweiligen Jahre danach.








Dienstag, 8. Januar 2019

Codeine

Vollkommen zufällig bin ich letzthin auf Buffy Sainte Marie gestoßen. Dabei ist die Sängerin und Songwriterin indianischer Herkunft schon seit Anfang der 60er Jahre bekannt (u.a. stammt auch das Lied Universal Soldier, das Donovan bekannt gemacht hat, von ihr). Auf ihrer Website kann man lesen, dass sie auch jetzt noch Musik macht und dass sie in verschiedenster Art musikalisch und politisch aktiv war. Das folgende Stück, Cod'ine, ist wohl relativ bekannt, Janice Joplin und Hole haben es schon gecovert. Ich muss gestehen, dass ich es nicht kannte, obwohl es in verschiedener Hinsicht sehr gut zu meinen sonstigen musikalischen Vorlieben passt.

Aber das ist ja das schöne am Internet, das man inzwischen sehr nah an interessanten Neuentdeckungen ist, wenn man denn das Interesse hat, etwas Neues kennenzulernen.



Donnerstag, 3. Januar 2019

Wir sind die Auserwählten

Bei Avengers denkt man inzwischen wahrscheinlich an die ganzen Marvel-Filme, ältere Leuten fällt ein, dass "Mit Schirm, Charme und Melone" so im Original hieß. Es gab aber auch eine frühe und sehr gute amerikanische Punkband mit diesem Namen. Sängerin war Penelope Houston. Die Avengers eröffneten für die Sex Pistols auf deren US-Tour und schlugen sich mehr als gut.



(Die ganze erste LP ist sehr angenehm anzuhören. Die Avengers sind inzwischen auch immer wieder mal unterwegs; vor ein paar Jahren habe ich sie live gesehen, das war gut.)

Penelope Houston hat danach solo weitergemacht und einige LPs zwischen Folk und 60s-Rock aufgenommen. Die Musik ist nicht mehr ein direkter Schlag ins Gesicht wie es die Avengers waren, aber sehr subtil mit vielen Widerhaken.


Montag, 31. Dezember 2018

L.O.V.E.

Wie kann man besser das Jahr beginnen als mit einem positiven Song? Sonic Boom Six haben 2016 die sehr schöne und kluge CD "The F Bomb" herausgebracht, die L.O.V.E. enthält, ein Lied gegen den Hass, verpackt in eine Art herben Disco-Soul.



Das Lied ist ein tanzbares Kampflied für die kommenden Zeiten. Wen das Bild der verschleierten Sängerin Laila Khan auf dem Cover misstrauisch macht, der möge sich das ebenfalls fantastische "No man no right", das alle Fragen zu dem Selbstverständnis der Band beantwortet, anhören. Und wenn man schon dabei ist, dann auch noch "From the fire in the frying pan", immer noch eines der klügsten Lieder über Online-Radikalisierung.



(In den Youtube-Kommentaren kann man es nachlesen: Die Nazis fanden das Lied nicht gut.)
Warum die Band und die CD nicht erfolgreicher waren, ich weiß es wirklich nicht. Für mich aber immer eine gute Ressource, um Kraft und gute Laune zu sammeln.

Samstag, 29. Dezember 2018

Die Platten des Jahres

2018 war für mich musikalisch überraschendes Jahr. Ich habe wahrscheinlich schon über dreißig Jahre lang kaum Alben gekauft, die neu herausgekommen sind. 2018 hat mir allerdings sogar fünf Neuerscheinungen beschert, die meisten davon sogar von Leuten, die jünger sind als ich. Wie kommt es, dass ich inzwischen wieder kontemporäre Musik höre? Im Wesentlichen dadurch, dass ich viel auf Konzerten war und einige Bands gesehen habe (ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich ansonsten interessante Musik kennenlernen könnte).

Also meine persönliche Top 5 des Jahres 2018 (in no particular order):

Frank Turner - Be more kind

Ich sehe Frank Turner ja immer gerne live, mag aber seine frühen Platten lieber als die späten. Er bewegt sich ja musikalisch immer weiter in den Mainstream, channelt seinen inneren Springsteen und probiert auf Be more kind auch ein paar Ausflüge in den 80er Pop. Trotzdem mag ich die neue Platte sehr gerne. Be more kind ist ein schönes Motto für diese schlimmen Zeiten und Frank Turner hat ein paar schöne politischen Lieder untergebracht. Ein schönes Album.



Robert Rotifer - Unter uns

Robert Rotifer, der seit langer Zeit im UK lebt, hat ein deutschsprachiges Album mit fragiler Gitarrenmusik aufgenommen, das den Brexit behandelt. Die Lieder haben sich bei mir im Kopf festgehakt, sie sind auch außerhalb des UKs ein Soundtrack für eine Zeit, in der alles, was man für selbstverständlich und gegeben angesehen hat, zerbricht und zerbröckelt. "Ohne Not" ist ein Lied über das ich lang und viel nachgedacht habe.




Art Brut - Wham! Bang! Pow! Let's Rock out!

Art Brut, die 2005 mit Bang! Bang! Rock & Roll großen Erfolg im UK hatten, haben 2018 ihr erstes Album seit 2011 herausgebracht. Der Sänger Eddie Argos wohnt ja seit einiger Zeit in Pankow, die Band war mir aber schon aufgefallen, bevor ich das wusste. Ein Art Brut-Song war in gewisser Weise mein Ansporn, 2010 meine damalige Arbeit zu kündigen, allein dafür bin ich der Band dankbar.
Art Brut haben es mit der neuen LP geschafft, eine intelligente Britpop-Platte zu machen, die offenbar diejenigen anspricht, die nunmehr Mitte oder Ende Dreißig sind und sich noch einmal mitreißen lassen wollen. Und Art Brut schaffen das auch gut, ohne große Anwanzerei, ohne zu sehr in Nostalgie zu verfallen und ohne Altherrenmusik zu machen. Das ist schön.  Musikalisch hören sich Art Brut  abwechslungsreich wie nie an, es finden sich Punk, Britpop und Northern Soul. Und wo findet sich schon ein Lied mit dem Refrain "Kannst du bitte die Luft aus dem Glas lassen?"



 Nightingales - Perish the thought

Die Nightingales sind in dieser Auflistung die Ausnahme, weil zumindest der Sänger Robert Lloyd älter ist als ich. Vor Jahrzehnten hatte ich mal die erste LP gekauft, tatsächlich habe ich dann erst vor einiger Zeit festgestellt, dass es die Band noch gibt. Und ich muss sagen, dass ich sehr begeistert war. Die Nightingales verarbeiten für ihre Musik alle möglichen Einflüsse und Stile, trotzdem bleibt die Band immer klar erkennbar. Sie tun das mit großer Könnerschaft. Darüber ist Robert Lloyds Stimme, die von tiefsten Tiefen bis zu hohem spröden Vibrieren alles kann. Bei den neueren Aufnahmen oft im Duett mit der Schlagzeugerin Fliss Kitson. Das Ganze erinnert mich (weniger von der Musik, als vom grundsätzlichen Ansatz) an den Gun Club. Eine LP, die man wahrscheinlich ein paar Mal anhören muss, aber die einem dann nachhaltig im Gedächtnis bleibt.




Sean MacGowan - Son of the Smith


Der Jüngste der hier vertretenen Runde mit seinem Debutalbum. Viel jugendliche Energie, schöne Melodien, gute Texte.  Gerne gehört im letzten Jahr.