"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Donnerstag, 14. November 2019

Starkes einfaches Schweigen

Vor über dreißig Jahren kam im Schweizer Radio häufiger ein Lied, das wie ein wunderbarer Outtake der besseren John-Lennon-Soloalben klang. Irgendwo hatte ich es auf Cassette, aber schon lange nicht mehr gefunden. Ich hatte noch den Moderator Francis Mürner im Ohr und wusste deswegen, dass es Strong simple silence hieß und der Sänger T-Bone Burnett war (der übrigens auch später für die Coen-Brüder Filmmusik zusammengestellt hat).

Ab und zu habe ich bei T-Bone Burnett-Alben nach dem Lied gesucht, war aber nirgends zu finden.  Immerhin schon nach einigen Jahrzehnten kam ich dann auf die Idee, einfach das Lied zu g*geln und musste feststellen, dass zwar Burnett singt, das Lied aber von den Golden Palominos ist. Kein Wunder, dass ich es nicht finden konnte.

Jetzt konnte ich es nach 30 Jahren endlich wieder hören und es gefällt mir genauso gut wie damals und es hat immer noch diesen Lennon-Vibe. (Die Version von Peter Blegvad, dessen Lied es eigentlich ist, die ich jetzt auch erstmals gehört habe, ist fast noch besser, aber hier fehlt der Lennon-Soloalbum-Einschlag.)



Sonntag, 27. Oktober 2019

Vor 30 Jahren

Vor dreißig Jahren war ich im Zivildienst, als Hausmeister in einem Kurkrankenhaus. Ich war einer der Glücklichen, die zwanzig Monate Zivildienst machen durften. Glücklich deswegen, weil 1990 die Zeit auf zwei Jahre hochgesetzt werden sollte. Im Grundgesetz stand zwar, dass der Ersatzdienst nicht länger als der Wehrdienst sein durfte, trotzdem dauerte mein Dienst fünf Monate länger als der meiner Schulkollegen, die beim Bund waren (ich war übrigens der einzige aus dem Gymnasialjahrgang, der verweigert hatte; im Allgäu gingen auch 1989 noch die Uhren anders). Jeder unseres Jahrgangs wurde unmittelbar nach dem Abitur gezogen; wir waren immerhin noch im Kalten Krieg.

Während meine früheren Freunde bereits mit dem Studieren beginnen konnten, war ich also noch mit Grasrechen beschäftigt. Mir graute vor dem Winter und den Holzfällarbeiten, die dann auf mich zukamen. Beim Grasrechen kam mir irgendwann der Gedanke, dass man ein Konzert der ganzen lokalen Bands organisieren könnte. Mit meinem Bruder hatte ich ein kleines Cassettenlabel, auf dem wir unseren eigenen Kram veröffentlichten, von unserem 1988er Tape hatten wir immerhin knapp 200 verkauft. Das Label hieß "Die Henne Records", nach dem damals bei uns gebräuchlichen Ausruf der Überraschung, "ach, fick doch die Henne". Wir waren halt vom Land (im hohen Norden gab es ein ungleich einflussreicheres Tapelabel, das Pissende Kuh hieß).

Meine Idee war, dass man beim Konzert mit dem Eintritt ein Mixtape mit den auftretenden Bands verteilen könnte, um die Musik der einzelnen Combos etwas bekannter zu machen. Mein Bruder und ich kümmerten uns um die Tapes (es gab einen Punk in Ludwigshafen, der connections zu BASF hatte und Tapes in jeder Länge besorgen konnte). Ich weiß nicht mehr, ob wir die Cassetten alle selber überspielten oder nur ein Mastertape an den Cassettenhändler schickten; irgendwie habe ich aber noch die Erinnerung an das Doppelcassettendeck bei uns im Wohnzimmer, das im Dauerbetrieb war. Unsere Cassetten hatten immer Klappcover, damit man die Texte unterbringen konnte; das war damals ohne Copyshops in der Nähe gar nicht so einfach. Aber man hat halt alles mit Prit-Klebestift gemacht. Ich habe für die einzelnen Bands Linernotes geschrieben, die auf geteiltes Echo stießen.

Ein Mitstreiter von damals hat nun die Cassette auf Youtube hochgeladen und man kann sich anhören, was 1989 im Unterallgäu so angesagt war (ich mag die meisten Lieder immer noch ganz gerne).  Ich selbst habe die Cassette, glaube ich, gar nicht mehr, meine Erinnerungen an das Konzert, das genau am 28.10.1989 stattfand, sind auch durchaus durchwachsen. Wir haben danach hauptsächlich in der Freisinger Gegend gespielt, 1994 noch einmal im Unterallgäu, dann aber schon alle weit entfernt und kicked out of the scene. (Über meine eigene Rolle möchte ich hier nicht sprechen, nichts worauf ich sonderlich stolz sein könnte).



Was mich komplett fertig macht: Das Konzert fand statt, als der Mauerfall kurz bevor stand. Egon Krenz hatte schon Erich Honecker abgelöst, immer mehr Leute kamen vom Osten in den Westen. Ich habe mich im Nachhinein oft gefragt, wie ich das eigentlich wahrgenommen habe. Seit ich wieder weiß, dass dieses Konzert am 28.10.1989 stattgefunden hat, weiß ich: gar nicht. Natürlich habe ich die Nachrichten gehört, natürlich wusste ich, was passiert, aber das war für mich so weit entfernt wie jetzt die Nachrichten von den Protesten in Chile oder im Libanon. Ich hatte sicher keine Sympathien für die DDR, man kannte ein paar der frühen Übersiedler, wusste auch, wie dort mit Punks umgegangen wurde. Aber diejenigen, die vor 1989 von Wiedervereinigung redeten, waren Leute wie Strauß oder Dregger oder Reagan. Mit denen hatte man nichts gemeinsam.

Mich quält im Nachhinein diese komplette Blindheit und Ignoranz, die ich damals hatte. Zum Teil lag es sicher daran, dass ich alles andere als weltgewandt war. Ich hatte wenig Ahnung vom Osten, aber ich war zu dem Zeitpunkt auch noch fast nie in Baden-Württemberg oder Hessen gewesen (geschweige denn von irgendwelchen Besuchen in Norddeutschland). Was immer in der DDR passierte, ich hatte andere Probleme. Wir saßen damals im Voralpenland und dachten, das habe mit uns alles nichts zu tun.

Inzwischen bin ich älter und in dieser Hinsicht schlauer. Ich werde aber nie begreifen, wie ich damals (und leider auch noch ein paar Jahre länger) das alles vollkommen ignorieren konnte. Ein Problem ist sicherlich, dass auch dreißig Jahre später hüben wie drüben Desinteresse herrscht, was auf der jeweils anderen Seite passiert ist. Ich wünschte mir, dass unsere Kinder irgendwann über der Ost-West-Einteilung stehen, aber dafür werden wohl noch ein paar Jahrzehnte ins Land gehen müssen.

(Dieser Eintrag ist teilweise angeregt durch diesen Blogpost. Dort gibt es keinen Punk, aber Ost-West-Problematik.)

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Töte den alten grauen Esel

Andere kriegen von Youtube nur Verschwörungstheorie-Müll vorgeschlagen, mir werden immer wieder musikalische Perlen empfohlen, die ich sonst nie gefunden hätte.

Von Belton Sutherland habe ich vorher noch nie gehört, dieser stoische Blues gehört aber zu den besten, die ich kenne. Alleine den Fingern zuzusehen ist ein Vergnügen. Und wie es Sutherland schafft, über vier Minuten mit der Kippe im Mund zu singen, ist auch fantastisch. Die Gitarre ist anscheinend tiefer gestimmt, auch das gibt dem Lied einen besonderen Klang.

Über sein Leben findet man nicht viel, zum Zeitpunkt der Aufnahmen war er 67 Jahre alt. Er war wohl bekannt und erfolgreich, es gibt aber nur wenige Lieder von ihm, die aufgenommen wurden. Er ist 1983 gestorben und hat noch nicht einmal einen Grabstein.

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Das Lied für die glückliche Ehe

Das Superhelden-Video darf nicht täuschen, Eddie Argos wird häuslich.  Man kommt von einem unangenehmen Arbeitstag nach Hause und spricht bei einem Glas Wein über seinen Tag. Eddie Argos will gar nicht wissen, wer recht und wer unrecht hat, weil schon feststeht: Deine Feinde sind auch meine Feinde. Ein Hoch auf die Loyalität, was für fragwürdige Folgen sie auch haben mag (das Video gibt ein schönes Beispiel). Trotzdem, gut zu wissen, dass es jemand gibt, für den meine Feinde auch seine Feinde sind.


Mittwoch, 11. September 2019

Das Lob der Vorgruppe

Wieder einmal ging es Richtung Kreuzberg: Holy Moly & the Crackers waren in der Stadt und die wollte ich nicht verpassen. Während ich beim letzten Konzert phantastische Begleitung hatte, musste ich diesmal alleine los.

Holy Moly & the Crackers hatte ich Anfang des Jahres schon einmal gesehen, als Vorgruppe von Skinny Lister. Beim Konzert hatte es zunächst etwas gedauert, bis ich mit der Band warm wurde, aber ich hatte mir eine CD mitgenommen, die hier dann oft und gerne gespielt wurde.

Ich sehe mir immer gerne Vorgruppen an, man lernt meistens eine neue Band kennen, hört vielleicht auch etwas, was man sich ansonsten nicht ohne weiteres anhören würde. Viele meiner derzeitigen musikalischen Favoriten habe ich als Vorband kennengelernt - allen voran Sonic Boom Six, die als Vorband für die Levellers gespielt haben, und die ich mir ansonsten sicher nie angesehen oder angehört hätte (was ein großer Fehler gewesen wäre). Skinny Lister habe ich das erste Mal als Vorband von Frank Turner gehört, Holy Moly & the Crackers dann als Vorband von Skinny Lister.

Und Holy Moly & the Crackers hatten nun als Support Julii Sharp und Keiran Thorpe (beide wohl aus Frankreich). Julii Sharp kam mit einer Gitarre auf die Bühne, Keiran stellte sich daneben und dann sangen beide in das gleiche Mikro, zarteste Folklieder. Meine Fotos sind wie immer kacke, aber da musste einem das Herz aufgehen.


Hier kann man die beiden in einem Video sehen, vor einem Sonnenaufgang in Südfrankreich. Im Konzert war das allerdings noch einmal etwas intimer.

Ist das nicht allerliebst? Hier noch ein Video von Julii Sharp solo:



Die beiden haben noch nicht einmal eine CD, aber ich denke, man wird noch einiges von ihnen hören.

Danach Holy Moly & the Crackers. Der Bandname ist zwar etwas dämlich, die Band aber gut und sympathisch. Es ist schwer, den Sound zu beschreiben, man stelle sich die B52s mit Balkan beats vor, das kommt in etwa hin. Die Band hat ein Akkordeon, eine Geige und eine Trompete und eine Power-Rock Rhythmussection und eine glamouröse Sängerin mit viel Soul. Das gibt dann eine Mischung aus Power-Pop und Folk/Weltmusik. Das macht nicht nur im Konzert Spaß, sondern passt auch als CD.

Die Band hat großen Spaß, das Publikum auch. Der Schlagzeuger, der vor allem auf Standdrum und Toms spielt macht die wahnsinnigsten Grimassen, die Akkordeonistin schmeißt sich in die wildesten Posen, der hippelige Sänger hüpft über die Bühne. Die werden auch noch auf viel größeren Bühnen spielen. Im März wollen sie wiederkommen, ich werde versuchen, auch dabei zu sein.


Mittwoch, 28. August 2019

"Tanzen Sie, Mr. Stringer, tanzen Sie!"

(Der große Spätsommer-Konzertmarathon.)

B. ist auf Besuch, also machen wir uns auf den Weg zum Schokoladen, wo die Liga der gewöhnlichen Gentlemen spielen sollen. Frau Ackerbau lässt sich auch noch überreden mitzukommen. Die Liga habe ich schon mal live gesehen, auch schon wieder fünf Jahre her, 2014 als die Welt noch heil war.

Der Schokoladen ist ein exquisiter Konzertort in der Ackerstraße, es passen vielleicht 100 Leute herein, das Bier ist billig. Am heutigen Tag ist schon bevor es überhaupt losgeht in dem Laden eigentlich kein Sauerstoff mehr, so heiß und stickig ist es. Also lassen wir uns stempeln und stellen uns, ganz berlintypisch und eigentlich so wie bei den Konzerten vor 30 Jahren, mit Bierflasche vor den Laden. Draußen stehen auch schon Teile der Band, ein netter Mensch kommt vorbei und verteilt Freibier (Astra, allerdings, obwohl es im Schokoladen auch Augustiner gibt). Wir beschließen hineinzugehen, bevor es total voll wird und machen dabei die beste strategische Entscheidung des Abends: Wir stellen uns einfach vor den Ventilator, was wirklich der beste Platz überhaupt war. Die Liga beginnt dann zu spielen, sie stellen ihre neue Platte "Fuck dance, let's art" vor. Das ganze Setting ist sehr familiär, die meisten im Publikum kennen sich irgendwie. Die Musik der Liga der gewöhnlichen Gentlemen kann man ja am ehesten mit punkigem Northern Soul mit deutschen Texten beschreiben, heute sind sie ohne Blasinstrumente da, was eher zu einem punkigen Beatkonzert führt, etwa so als würden die Cockney Rejects die erste Beatles-LP spielen. Alles sehr schön, wir sind bester Laune, B. erwähnt das für diesen Post titelgebende Zitat (an alle, die das Zitat einordnen können: Ihr seid alt!).

Alles hopst und singt bereitwillig mit (der Chor "Häßlich und faul, Musik und der HSV" wird mir noch lange im Ohr bleiben). Die Band ist im besten Sinne eigenwillig, da gibt es dann eben ein Lied über Matrazenconcord. Der Sänger hadert mit einer Besprechung der LP bei Radio eins, bei der die Musikjournalisten nun überhaupt nicht verstanden haben, worum es der Band geht und worum es bei der Band geht.

Was soll's, wir haben Spaß.

Als die Liga kurz vor 22 Uhr aufhören, kann ich meine Begleiterinnen noch überzeugen zu dem, ähm, Radio eins Fest am Gleisdreieck zu gehen, wo genau um diese Zeit Bob Mould spielen soll. Wir machen uns auf zur S-Bahn, müssen dann an der Yorckstraße dem Radau nachgehen, um die Bühne zu finden. Wir kriegen noch die letzte Hälfte vom Bob-Mould-Set mit, er spielt allein mit elektrischer Gitarre, in die er ziemlich eindrischt. Seltsamerweise ergibt das aber immer noch einen relativ differenzierten Klangteppich, Akkorde mit vielen kleinen Melodiestückchen darin. Ich erkenne ein paar Lieder von der ersten Solo-LP, eines aus Sugar-Tagen, leider nichts von Hüsker Dü (das gab es bevor wir kamen). Mould sieht mit weißem kurzen Vollbart, Glatze und runder Brille aus wie ein Gemeinschaftskundelehrer kurz vor der Pensionierung. Er strahlt wieder eine unglaublich positive Energie aus, das begeistert mich sehr. Ich bin mir nicht sicher, wie viele der Leute im Publikum eigentlich eine Ahnung haben, wer da vor ihnen steht. Um 11 Uhr beendet der Moderator das Konzert, ein paar Unentwegte wollen noch New Day Rising hören, aber geht nicht, wegen Lärmschutz. Beglückt, beschwipst und mit schmerzenden Beinen ging's nach Hause.

Mittwoch, 21. August 2019

Flipper mit Mike Watt

Flipper nerven. Flipper haben immer genervt. Es gibt Bands, die versuchen etwas zu machen, was ihr Publikum hören will, und es gibt Bands, die alles dafür tun, den Zuhörern den Spass zu verderben. Merkwürdigerweise bleiben einem die letzteren Bands oft länger im Gedächtnis. So ging es mir auch mit Flipper, von denen ich vor 30 Jahren mal ein Lied im Radio gehört habe, das ich dann zwar bis vor kurzem nie wieder gehört habe, das mir aber trotzdem nicht aus dem Kopf ging. Brainwash, eine sechsminütige Sequenz, bei der immer wieder ein etwa 20sekündiger Liedschnipsel mit rätselhaften Lyrics wiederholt wird. Brainwash, eben. Ein paar andere Lieder kannte ich von Samplern und es war auch dort so, dass immer, wenn man etwas gut fand, ein musikalischer Einfall kam, der einem den Spaß verdarb. Flipper hatten ihre besten Zeiten in den 80ern, sie waren jetzt zur 40-Jahre-Jubiläums-Tour unterwegs. Zwei der Mitglieder sind schon gestorben, als Sänger war nun David Yow, der früher mal bei Jesus Lizard war, am Bass begleitete Mike Watt, der ja bei mir im Haus einer der Säulenheiligen ist.

Das musste ich mir dann doch ansehen, das Publikum im Bi Nuu war so wie erwartet: Eine schöne Ansammlung von Freaks im deutlich gehobenen Alter. Manchmal macht mich ja das Punkrock-Altersheim etwas melancholisch, dort fand ich es aber eigentlich ganz schön: Alter bedeutet halt nicht mehr Konformität und alle hören jetzt Musikantenstadel, sondern es bleibt bunt und wild (natürlich mit Ausnahme von mir, der ja in der Freizeit grundsätzlich immer das Gleiche anhat, ob zum Punkkonzert oder zum Sonntagsgottesdienst). Das am gebrechlichsten wirkende Publikumsmitglied entpuppte sich allerdings später als Flipper-Gitarrist Ted Falconi. Sein Gitarrenspiel war dann alles andere als gebrechlich. Was mir bei den Konzerten gefällt, ist, dass ich inzwischen im Publikum viele alte Charakterköpfe sehe, wie damals, wenn ich mit meinem Opa zum Frühschoppen durfte. Kantig und vom Leben gezeichnet.

Erste Vorgruppe die Heads, von denen ich eigentlich nichts weiß. Musikalisch passend, weil sie nach frühen 80er Ami-Hardcore klangen. Mich erinnerten sie an die Toxic Reasons (das ist hier sicher der dümmste Verweis; ich selbst kenne eigentlich nur zwei Liedern von den Toxic Reasons, die ich mal auf einer Kassette hatte, und von den Leserinnen kennt höchstwahrscheinlich keine die Band, so dass das sinnloses Namedropping ist, das noch nicht einmal irgendjemand beeindruckt. Und es wird sogar noch dööfer: Ich stelle gerade fest, dass das Lied, das ich meinte, gar nicht von den Toxic Reasons war, sondern von Naked Raygun.) Die Band war nicht schlecht, hinterließ aber keinen besonderen Eindruck, das mag aber auch an mir gelegen haben. Später beim Konzert standen der Schlagzeuger und der Bassist irgendwie neben mir und boxten rum, dabei trat mir der Bassist auf den Fuß und ich schaute wachsam und überrascht, was den Bassisten und mich dazu brachte, verbal und nonverbal klar zu machen, dass wir uns nicht prügeln wollen. Cool, cool, no problem, Arm tätschel, grins grins.

Zweite Vorgruppe Dysnea Boys, ein Trio. Im Falle einer Schlägerei hätte man auf jeden Fall auf der Seite sein wollen, auf der auch diese Typen sind. Verzerrter Bass, ein Schlagzeug, dass so laut auf die Lautsprecher gelegt wurde, dass einem bei jedem Basedrum-Schlag das Herz flatterte, repetitive metallische Riffs und ein bisschen Headgebange, obwohl eigentlich keiner von denen lange Haare hatte. Erinnerte mich an Gore (zu den Musikverweisen, s.o.). Der Gitarrist sang dann über diesen ganzen Krach merkwürdige Sachen, bei einem Lied war es weitgehend "I don't know the words" und ich grübelte, ob er den Text vergessen hatte oder ob das der Text war. Ich fand es dann aber überraschend gut. (Hier kann man sich ein offizielles Video ansehen, in dem  eine Tänzerin zu der Musik in einem leeren Fabrikgebäude die Haare schüttelt und moderne Dance-Moves macht. Allerdings ist die Musik im Video ganz anders, als das, was die Jungs gespielt haben. Würde zu den neuen Liedern besser passen. )


Danach Flipper. Die Oldies stürmen die Bühne, man kann sich eine Kollektion von Frisuren ansehen, die bei älteren Leuten doch merkwürdig aussehen, dazu kommt David Yow, der irgendwie aussieht wie der spillrige, nervige Onkel, der bei Familienfeiern alle zutextet. Insoweit eigentlich ein passender Flipper-Sänger. Als er auf die Bühne kommt, merkt man schon, dass er breit wie eine Natter ist, man muss allerdings sagen, dass er trotzdem beeindruckend gesungen hat. Als erstes springt er von der Bühne ins Publikum, das ist schon ein sehr mutiger Move, wenn man eigentlich die kleinste Person bei einem Konzert ist. Teilweise lehnt er sich während des Singens einfach auch auf die Leute in der ersten Reihe, die verzweifelt versuchen, ihn vorm Umfallen zu bewahren. Die anderen produzieren derweil mit Sägegitarre und Wummerbass ein repetitiv hypnotisches Soundbett, zu dem Yow dann singt. Bei Ha Ha Ha entschließt er sich dann einmal, die anderen Bandmitglieder zu nerven und belästigt sie auf der Bühne. Am unangenehmsten ist, dass er die ganze Zeit herumspuckt.  Seine Ansagen auf deutsch sind etwas verwirrend, von "Tut mir leid" bis "Auf Wiedersehen Schwanzgesicht" ist alles dabei. Yow hat die Energie und Aura einer  Wespe bei einem Sommerpicknick.

Vielleicht sind die Maßstäbe seit den 80ern etwas andere geworden, aber die Musik von Flipper ist inzwischen gar nicht mehr so nervig und gemein, wie ich sie in Erinnerung hatte. Einprägsam und eigen ist sie allerdings immer noch, ich hatte viel Spaß bei dem Konzert. Zu dem letzten Lied Sex Bomb stürmten dann eine Masse von Leuten auf die Bühne. Die Band hatte aufgerufen, dass sich Saxophonisten melden sollten, die (wie auf der LP-Version) den Bläserpart spielen können. Kreuzberg ist allerdings Kreuzberg, deswegen gab es nur einen Saxophonisten, aber eine ganze Meute von Nasenflötenspielern, die einen unglaublichen Lärm machten. Daneben sprangen auch alle möglichen anderen Leute auf die Bühne und hüpften herum. Es war absolut grandios, insbesondere, wenn man sich vor Augen hält, dass das alles eine (mindestens) Ü40-Veranstaltung war.


Und ich habe endlich mal Mike Watt gesehen.