"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Freitag, 22. März 2019

Plattfuß auf der Terasse

Ich hatte ja letzthin versprochen, mal wieder absoluten Nischencontent zu bringen. Ich bin nämlich auf den wunderbaren Youtube-Kanal vom Alan Lomax Archiv gestoßen. Alan Lomax ist ein Archivar der amerikanischen Folkmusik, der seit den Dreißigern Aufnahmen von den Jazz- und Bluesmusikern macht. Einen Großteil der Leadbelly- und Jelly Roll Morton-Aufnahmen verdanken wir ihm. Es gibt ein riesiges Musikarchiv und viele Videos, mit denen Folkmusik dokumentiert wird.

Hier sehen wir eine Art Terassen-Stepdance aus North Carolina. Offenbar war das ein beliebtes Freizeitvergnügen. Algia Mae Hinton, die stoisch den Rhythmus stampft, hat auch Bluesgitarre gespielt; wenn man sich weiter durch die Flat-foot videos guckt, kann man das dann auch sehen.
Ich habe keine Ahnung, was das alles soll, aber wenn ich mal so alt bin, mag ich auch noch so viel Spaß haben.



(Es gibt noch so viele wunderbare Sachen auf diesem Kanal wie z.B. Joe Savage,  der alte Field holler, Lieder der Feldarbeiter, singt. Einfach mal ein paar dieser Dinge ansehen, dann meint es auch der Youtube-Algorithmus gut mit einem.)

Sonntag, 17. März 2019

Angriff der Polka-Frauen

Skinny Lister waren wieder in Berlin und Frau Ackerbau und ich machten uns auf ins SO 36. In die neue CD hatte ich vorher kurz reingehört, war nicht ganz so überzeugt, aber Skinny Lister sind ja eigentlich immer für eine schöne Folk-Hops-Party gut.

Beginn war für 20 Uhr angesetzt, wir kamen um 20.15 Uhr im gut gefülltem SO 36 an und hatten schon die erste Vorband verpasst. Es spielte bereits die zweite Vorband, Holy Moly & the Crackers, die ich bislang nicht kannte. Der Name erinnerte mich an verschiedene lokale Bands, die immer auf den Konzerten in der Gegend spielten, Biba und die Butzemänner oder Body and the Buildings. Musikalisch waren Holy Moly auch eine sehr interessante Reise in die Achtziger, eine Mischung aus dem Folkpunk, wie ihn auch Skinny Lister spielt, mit New Wave-Anklängen und einer Sängerin und Violinistin, die auch sehr viel Soul in der Stimme hat. Interessante Arrangements, mit durchgängigem Akkordeon, Violine, ab und zu Trompete.

Hat mir gut gefallen, die Videos geben allerdings keinen vollständigen Eindruck der Band, das war live noch ein Stück druckvoller. Im September wollen sie noch einmal nach Berlin kommen, das ist sicherlich ein lohnendes Konzert. Frau Ackerbau und ich standen relativ weit vorne, wurden einmal rüde zur Seite geschoben, allerdings nicht, wie ansonsten üblich, von Jungmännern, die sich austoben wollten, sondern von einer Truppe Frauen, die nach vorne zum Hopsen gingen. Ich finde es ja sehr angenehm, wenn auf Konzerten eine gute Mischung von Leuten, jung, alt, Mann, Frau, was auch immer, im Publikum ist. Viel besser als die testestorongesteuerte Monokultur, die viele Punk- und Hardcorekonzerte immer noch ist.

Nach kurzer Umbaupause kamen Skinny Lister. Sängerin Lorna Thomas ausnahmsweise nicht in einem Kleid mit Polka Dots, aber immer noch so energiegeladen. Bei Skinny Lister im Konzert kann es dir passieren, dass auf einmal vor dir im Publikum die Sängerin auftaucht und dich zu einer kurzen Tanzdrehung herumzieht. Die ersten Lieder waren eher neu, mit weniger Folkeinflüssen, eher rockig. Das klang für mich manchmal nach Blondie, nicht schlecht, aber auch nicht wirklich bemerkenswert.



(Ausnahmsweise mal ein gutes Bandfoto gelungen.)
Aber die meisten Lieder waren dann doch von der Folkpunksorte, die zu glücklicher Erschöpfung im Publikum und auf der Bühne führen. Frau Ackerbau meinte zwischendrin, dass das ja eigentlich eine Bierzelt-Band sei; das ist nicht ganz falsch. Aber bei Skinny Lister wirkt das ganze nicht anbiedernd, sondern eher wie ein Teilen dieser unglaublichen Energie, die die Band hat. Jung sind sie halt. Gegen Schluss kamen dann immer mehr Lieder von der Down on Deptford Broadway-LP, die mir auch am besten gefällt. Mein Favorit ist Trouble on Oxford Street, bei dem auch ältere Herren herumhopsen können und daran denken, wie ähnlich es vor dreißig Jahren bei den Pogues war.

(Anders als im Video angegeben, ist das "Cathy" und nicht "What can I say?")

Am nächsten Tag tat mir alles weh.

Sonntag, 10. März 2019

Auf einem Fels, von Sonne beschienen

DAMALS 

(Wer sich nur dafür interessiert, wie das Konzert von Bob Mould im Columbiatheater war, der springt am besten zum Abschnitt heute.)

 Anfang der 80er saßen wir in unserem Allgäuer Kaff herum und versuchten, mehr über Punkmusik herauszufinden. Im Umlauf waren die üblichen England-Bands, ab und zu tauchte mal jemand mit etwas exotischeren Platten auf, die über irgendeinen Mailorder für teures Geld gekauft wurden. Furchtbare Dinge mussten wir hören. Sch., ein Schulfreund meines Bruders, setzte einen Großteil seines Taschengeldes in Platten um, und hatte einen exquisiten Musikgeschmack. Irgendwann brachte er die Hüsker Dü Land Speed Record-LP mit, 17 Lieder in 21 Minuten (davon eines, das alleine über vier Minuten dauerte). Unser Urteil: Das kann nicht deren Ernst sein, dieser Name, diese Musik. File under: unhörbar; wir hörten lieber unser Englandgerumpel. Ende 1985 brachte er die Flip your wig-LP von Hüsker Dü vorbei. Ich weiß noch, dass ich bei dem Lied "Hate paper doll" dachte: Bilden die sich ein, sie seien die Beatles? Sch. tat es sichtlich weh, dass wir so doof waren, aber manche brauchen halt etwas länger.

Irgendwann 1986 tauchte dann ein Video auf, Live in London 1985. Schon die ersten Minuten waren furchtbar: Der Schlagzeuger hatte schulterlange Haare und spielte barfuß. Das erste Lied "New day rising" begann mit Snare- und Tom-Schlägen auf jeder Zählzeit, Gitarre und Bass bleiben etwa eine halbe Minute auf einem Akkord, bevor der erste Wechsel kommt, der Text besteht aus drei dauernd wiederholten Wörtern: New day rising. Das Lied ist ein klares Zeichen, dass die Band es dem Publikum nicht leichtmachen will. Ihr wollt uns hören? Gut, dann schaut mal, ob ihr das ertragen könnt. Bob Mould, der Gitarrist, spielt weitgehend offene Akkorde, d.h. Akkorde, bei denen auch Saiten angeschlagen werden, die nicht gegriffen werden. Der Rockstandard sind eigentlich Barré-Akkorde, bei denen alle Saiten, die gespielt werden, auch gegriffen werden. Hüsker Dü dagegen: extrem verzerrte Lagerfeuermusik, Saiten schwingen noch mit, obwohl der Akkord schon gewechselt hat, gemurmelte zweite Stimmen, ein Schlagzeug, dass manchmal eher am Jazz orientiert ist, als an sauberem kontrollierten Rock. Dazu eine offensichtlich übermüdete, fehleranfällige Band (Bob Mould mag aus diesem Grund dieses Konzert nicht sonderlich). Und trotzdem zerschmetterte dieses Video unsere bisherigen Anschauungen über Musik vollkommen.

Aus jetziger Perspektive ist das wahrscheinlich schwer nachzuvollziehen, weil seit dreißig Jahren die Hüsker Dü-Epigonen in der Musik so präsent sind, dass es kaum noch vorstellbar ist, dass diese Herangehensweise in irgendeiner Weise bemerkenswert war. Mir ist das in anderem Zusammenhang einmal aufgefallen: Ich konnte den Wirbel um die Stooges nie so richtig nachvollziehen, was aber vor allem damit zu tun hatte, dass ich schon jahrelang Stooges-Epigonen gehört hatte, ohne die Originale zu kennen. Vorher war meine Vorstellung von Musik, dass alles klar, überschaubar und kontrolliert sein sollte. Nun musste ich feststellen, dass in dieser Musik in allem Durcheinander viel mehr angelegt war. Kleine Zusatzmelodien in dem Gitarrengewitter, Chöre, die man sich selbst zu Ende denken musste. Damals habe ich mich dafür entschieden, dass mir bei der Musik eine gute Skizze immer lieber ist als ein mittelmäßiges, aber ausgearbeitetes Gemälde.

Alles andere als unwichtig war auch der Habitus der Band: keinerlei Rockmacho-Gehabe, keinerlei Versuch, besonders cool zu wirken. Und trotzdem hatte die Musik eine Energie, die alles, was man 1986 ansonsten hören konnte, ohne Probleme wegblies. Das hat auch unsere Band nachhaltig beeinflusst, kleine Lichter, die wir waren, haben wir an der einen oder anderen Stelle manchmal doch einen Hüsker-Vibe zusammen bekommen.

In dem Konzert spielte die Band auch ein 15minütiges Instrumentalstück, reiner Jazz, das auf einmal abrupt in eine Coverversion von Eight Miles High von den Byrds mündet. Erst später fiel mir auf, dass es auf der Untitled-DoppelLP der Byrds eine Eight Miles High-Version gibt, die tatsächlich auch mit einer zehnminütigen coltranesken Instrumentalimprovisation beginnt. Die Hüskers kannten ihren Kanon viel besser als ihre punkige Gefolgschaft. 

Man könnte noch viel schreiben: Über die Rivalität der zwei Songwriter Grant Hart und Bob Mould, über die verschiedenen Alben, über das Zerbrechen der Band.  Ich habe sie nie live gesehen, bei der letzten Deutschlandtour war ich leider auf Klassenfahrt. Bob Mould habe ich 1989 nach seinem ersten Soloalbum live gesehen. Ein wirklich gutes Konzert, damals hatte er - wenig überraschend - aber vor allem großen Ehrgeiz zu zeigen, dass er noch ganz andere Dinge als Hüsker-Lieder schreiben konnte. Mould machte in der Zwischenzeit immer wieder neue Musik, teilweise auch recht erfolgreich, produzierte auch House, ich selbst nahm das nicht mehr besonders wahr. Das Wirken von Grant Hart hatte ich ein bisschen besser im Blick, leider starb Hart viel zu früh, krank und bitter.

HEUTE


Vor einigen Jahren spielte Bob Mould schon einmal wieder in Berlin, damals war ich zu spät dran, mir Karten zu besorgen, es war ausverkauft. Mein Impuls, dort hinzugehen, war eher ein nostalgischer. Vor ein paar Wochen wurde ich von Frau Tikerscherk auf Twitter darauf aufmerksam gemacht, dass es ein neues Bob Mould-Album gebe. Da hörte ich auch zum ersten Mal, dass Bob Mould seit Ende 2015 in Berlin wohnt (passenderweise in Schöneberg). Mehr aus allgemeinen Interesse habe ich dann in das neue Album reingehört, das "Sunshine Rock" heißt. Das Anhören hat mich dann aber ziemlich angerührt, fast zum Heulen gebracht. Warum? Das Lied ist erkennbar in der Hüsker Dü-Tradition, könnte fast ein Outtake der "Warehouse: Songs and Stories" sein. Aber es findet sich in diesem Lied etwas, was ich in den ganzen früheren Hüsker Dü-Liedern (und auch im Mould'schen Solowerk, soweit ich es kenne) nie gehört habe: Eine Gelassenheit, Entspanntheit, vielleicht sogar Lebensfreude. Das frühere Werk ist ja eher geprägt von Zweifeln, Schmerz, dem Gefühl des Nichtdazugehörens, selbst in den paar Liedern, in denen die Grundstimmung eigentlich positiv war. Diese Dinge sind in den neuen Liedern auch noch spürbar, aber in einer großen Gelassenheit und Zukunftszugewandtheit aufgelöst (und die Musik ist trotzdem noch gut).
In einem Interview bestätigt Mould diesen Eindruck,  überraschenderweise ist er der Auffassung, dass er Berlin diese Entwicklung zu verdanken hat. Für seinen guten Zustand macht er aber auch "Wasser und genügend Schlaf" verantwortlich. Und anscheinend haben sich Mould und Hart auch vor Harts Tod wieder ausgesöhnt.

Im Konzert bestätigt sich der Eindruck. Ich komme leider etwas zu spät, so dass ich die Vorband verpasse. Beim Reingehen denke ich kurz, M. säße an der Theke, aber der sitzt nirgendwo mehr. Als Pausenmusik vor dem Auftritt kommt eine Mischung aus Buzzcocks und anderer Musik, kurz vor dem Auftritt hört man Hildegard Knef, Bob Mould ist offenbar gut in Berlin angekommen. Er kommt gut gelaunt auf die Bühne, sieht aus wie ein Oberstudienrat und spielt sich durch seine 40jährige Songgeschichte. Alle Phasen passen zusammen, die wilden Hüsker Dü-Lieder werden einsortiert. Ich bin glücklich, als ich mittendrin die Akkorde von "In a free land", einer der ersten Hüsker Dü-Singles erkenne, und bin fast im Glücksdelirium, als auf einmal der Bass in die Akkorde von Something I learned today hineinrumpelt. Ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Lied noch einmal live hören darf. Mould spielt gut 1,5 Stunden, einiges vom neuen Album, einiges von Hüsker Dü, Lieder aus den letzten vier Jahrzehnten. Anders als früher beendet "New day rising" das erste Set, das Lied ist aber immer noch so groß wie beim ersten Mal anhören. Für die Zugabe kommt Mould zuerst allein auf die Bühne und spielt das Grant Hart-Lied "Never talking to you again". Das Konzert endet mit "Makes no sense at all", hier merkt man zum ersten Mal bei der zweiten Stimme, dass Grant Hart fehlt.

Bob Mould wurde offensichtlich von Berlin erlöst und geläutert. Ich freue mich für ihn. Und: wenn es ihm gelungen ist, könnte es doch auch bei uns gelingen?


Mittwoch, 13. Februar 2019

Feierlichkeiten

Überraschenderweise feiert dieses Blog nun seinen fünften Geburtstag. Im ersten Post hatte ich damals geschrieben, dass ich hier die ganzen Dinge unterbringen will, die nicht so richtig bei Ackerbau in Pankow reinpassen. Und: Dass hier Dinge geschrieben werden, die ich gerne selber lesen würde, die ich aber so anderswo nicht finde. Das hat sich über die letzten fünf Jahre eher bestätigt; man findet hier viel Nischenkram, darunter einiges, wozu sich ansonsten in Suchmaschinen nichts weiter findet.

Musik in Blogs ist immer ein schwieriges Thema. Ich lese viel Internet, wenn ich unterwegs bin, da vermeide ich es dann eher, unbekannte Links aufzurufen, die u.U. Geräusch machen. Wenn ich dann irgendwann vor meinem eigenen Computer sitze (seltener als man glaubt), finde ich die Links schon nicht mehr. Ich selbst wäre also nicht der beste Leser dieses Blogs.

Wer wollte, konnte hier erratische Konzertberichterstattung lesen, genauere Einblicke in die griechische Subkultur der dreißiger Jahre gewinnen, 80er Punk aus Deutschland, USA und anderswo entdecken, den ansonsten ein gnädiges Schicksal tief im Vergessen versteckt hätte, und vielleicht die eine oder andere Entdeckung machen können. Neben Musik gab es auch immer wieder etwas zu Comics und Büchern. Merkwürdigerweise war auch der Brexit ein häufiges Thema.

Hier gönne ich mir ja eine etwas schlurfige Einstellung; normalerweise zwei Posts pro Woche, aber wenn ich wenig Zeit habe, ist halt länger Pause. So wird es auch die nächsten Jahre weitergehen, zumindest so lange ich noch Sachen höre oder entdecke, die ich interessant finde oder bei denen ich denke: hierzu sollte man ein paar Sätze aufschreiben.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Und du weißt.. du bist am Leben...

Selten genug, dass ich neue Musik über das Radio kennen gelernt habe (außer vor drei Jahrzehnten, als ich noch Schweizer DRS 3 und den Zündfunk auf Bayern 2 hörte). Vor einiger Zeit hörte ich allerdings das folgende Lied im Autoradio, das mir sehr gut gefiel.

Frau Bassenge ist eine Berliner Jazzsängerin, deren sonstiges Wirken ich nicht kenne. In diesem Lied schafft sie es aber, dieses Gefühl, das man vor allem in der Jugend hat, sich seines Lebendigseins durch Exzesse zu versichern, schön einzufangen. Ich pflege das heutzutage eigentlich nur noch dadurch, dass ich auch bei größter Kälte meine Jacke nicht zumache und an dem angenehm stechenden Schmerz auf dem Weg zur Arbeit feststelle, dass ich wohl noch nicht tot bin.

Lass die Schweinehunde heulen...

Donnerstag, 24. Januar 2019

Verbrechen auf Schallplatte (5)

Den Post, den ich eigentlich hier schreiben will, kriege ich aus verschiedenen Gründen noch nicht zusammen. Grund genug, einmal wieder diese alte Reihe aufzugreifen. Unmittelbarer Anlass war ein Lied, das mir der gute Torsten von der Bördebehörde auf seinem Sampler "Das herbstliche Herbstfest der Herbstmusik" zukommen hat lassen. Ich habe die Vermutung, dass Torstens Hörgewohnheiten noch ein bisschen breitgestreuter sind als meine.

Man muss wohl recht alt sein, wenn man Vivi Bach noch aus ihrer aktiven Zeit kennt. sie war Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und auch Sängerin. Viele Lieder waren Duette mit ihrem Ehemann Dietmar Schönherr. In den späten 60ern, wo allerhand unbegreifliche Dinge in der deutschen Schlagerwelt geschahen, nahmen sie folgendes Lied auf (die Beschreibung des Youtube-Videos unterschlägt Frau Bach einfach, aber wir hören sie ja):




Ich habe keine Ahnung, wo Torsten das ausgegraben hat. Ich finde das schon sehr hart. Das frühere Solo-Werk von Vivi Bach ist dann schon eher harmloser 60er-Jahre-Kram, allerdings durchsetzt von Liedern wie diesem hier:



Wenn das nicht creepy ist, weiß ich auch nicht.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Auf Wiedersehen, Europa!

Auf dieses Lied bin ich tatsächlich in einem Podcast zum Brexit gestoßen, tatsächlich passt es aber wohl besser zu uns als zu den Briten. Das eher träge, gelangweilte "Ach tschüss, Europa, hat ja nie so richtig geklappt zwischen uns..." spiegelt kaum das britische Sentiment wieder, hier bräuchte man eher etwas, das vor Wut überschäumt, ob der vermeintlichen Kränkungen und Demütigungen, die die Briten meinen durch Europa erlitten zu haben. Mir ist allerdings nicht bekannt, ob es ein entsprechendes brachiales Brexitlied gibt (die Dinge, die ich zu Ohren bekommen habe, sind ja eher ein bisschen gruselig, aus anderen Gründen).

Amber Arcades, die, wenn ich mich richtig erinnere, Niederländerin ist, singt von der schleichenden Entfremdung der progressiven Jugend von Europa. Das schlurfige Lied fasst es ganz gut zusammen, man findet die Entwicklung nicht gut, aber was soll man schon machen, es ist halt so. Für Errungenschaften zu kämpfen ist auch ein bisschen anstrengend und außerdem sind ja auch alle politischen Kräfte irgendwie unsympathisch.  

Ich mag das Lied, aber ich erkenne den Vibe, den es transportiert, nur zu gut und das macht mir Angst. Dazu passt, dass die politischen Entwicklungen inzwischen von vielen nur noch als Spektakel mit Unterhaltungswert angesehen werden; sehr deutlich bei den verschiedenen deutschen Kommentaren zum Brexit zu merken. Das ist etwa so, als würde man fasziniert zusehen, wie dem Nachbarn direkt neben einem das Haus niederbrennt und nicht darauf achten, wohin der Wind weht. Ich fürchte, wir werden bald genug feststellen, dass der Wind in unsere Richtung weht.