"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Sonntag, 1. November 2020

Die erste links

Nachdem ja jetzt sowohl das Wetter, als auch die allgemeine Lage wieder unerfreulich wird, ist es vielleicht nicht verkehrt, hier wieder ein paar Hinweise auf schöne Dinge zu geben:

Jacqueline Taeb war mir bis Anfang des Jahres kein Begriff. Sie war eine Vertreterin der französischen Beat-Musik, des Yeye. In den späten 60ern hat sie ein paar fantastische Platten aufgenommen, die man auch heute noch wirklich gut anhören kann. 

Am bekanntesten ist wahrscheinlich Sept heures du matin, um sieben in der Früh. 

 

 

 Mir vollkommen unbegreiflich, warum man das bei uns nicht weiter bekannt ist? Wie viel dummes Zeug muss man sich im Radio anhören, wenn man doch auch Jacqueline Taieb hören könnte. 

Die weiteren Lieder sind weniger rockig, aber sehr schön arrangiert. So zum Beispiel das "La prémiere à gauche",  die Geschichte einer Partyeinladung, die nicht funktioniert, weil die Wegbeschreibung nicht ganz eindeutig ist.



Samstag, 29. August 2020

Please kill me

Vor ein paar Wochen habe ich entdeckt, dass ich schon vor längeren "Please Kill Me! - Die unzensierte Geschichte des Punk" von Gillian McCain und Legs McNeil gekauft hatte, aber damals nach ein paar Seiten wieder weggelegt hatte. Im Buch findet sich die Oral History des amerikanischen Punks, wobei die Geschichten schon Ende der 60er losgeht, mit Velvet Underground, den Stooges, den MC5, New York Dolls etc. Das Ganze besteht aus (geschickt) aneinander montierten Interviewaussagen, aus denen sich dann das ganze Elend erschließt. (Ich bin etwa ein Vierteljahrhundert zu spät zu der Party, das Buch ist schon 1996 erschienen.)

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich älter werde, aber ich finde diese Darstellung furchtbar deprimierend. Eine Aneinanderreihung von Gewalt, Dummheit und Niedertracht. Bislang habe ich Glück, da ich die beschriebenen Bands ohnehin nicht übermäßig schätze, irgendwann kommen dann auch welche, die ich ganz gut finde und möglicherweise nicht mehr hören mag, weil ich ein paar strunzdumme Aussagen von ihnen lesen muss.

Frau Ackerbau hat sich anfangs noch gewundert, dass ich alle paar Minuten "was für Arschlöcher" gemurmelt habe. Misogynie und Drogensucht sind eine schlechte Mischung, aber anscheinend das Fundament der Populärkultur.

Das Buch hat mir auch kurz Zweifel an meiner geistigen Gesundheit beschert. Jemanden, der nach dem Register bereits 1982 gestorben ist, habe ich nach meiner Erinnerung noch live gesehen. Als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, dass mein damaliger Begleiter R. auch schon tot ist. Ein Blick auf Wikipedia konnte mich beruhigen: Der Musiker starb erst 1990, ich hatte ihn also tatsächlich gesehen.

Samstag, 11. Juli 2020

Afrika

Vor einigen Jahren war ich auf einer internationalen Konferenz in Berlin. Bei der Abendveranstaltung hatte ich keine Lust, mich an einen Tisch zu setzen, an dem Leute waren, die ich kannte; ich setzte mich einfach irgendwo hin und fand mich dann in der Gesellschaft zweier Konferenzteilnehmer aus Botswana und Zambia wieder. Es war ein sehr lustiger Abend, bei dem ich vor allem feststellte, dass die Kollegen extrem gut informiert über europäische und deutsche Politik waren, während ich absolut keine Ahnung von Afrika hatte. Vor dem Abschied (beinahe hätten die Kollegen das geschafft, was mir nie gelang: Frau Ackerbau überzeugt, dass man natürlich eigene Hühner halten muss) fragte ich noch, was sie mir an afrikanischer Literatur empfehlen könnten. Sie nannten Chinua Achebe, für mich waren die Bücher dann aber eher historisch interessant. Danach habe ich mir allerdings Mühe gegeben, etwas mehr über die verschiedenen Länder zu verstehen (Geographie war allerdings nie meine Stärke und meine hinterwäldlerische Herkunft lässt sich halt auch nicht vollständig verleugnen).

Über Twitter habe ich mir dann nach und nach ein paar afrikanische Accounts herausgesucht, denen ich gefolgt bin, irgendwann wurde mir dann ein kurzer Artikel des südafrikanischen Autors Niq Mhlongo in die Timeline gespült, wo er über das Spazierengehen auf Berliner Straßen berichtet. Das hat mir natürlich gefallen und ich habe mich nach Büchern von ihm umgesehen. Der Rest der Familie liest E-Book, ich eher nicht. Ein Vorteil ist aber, dass man sehr einfach Bücher aus fremden Ländern bekommen kann. Niq Mhlongo ist auch auf Twitter, allerdings eher schweigsam. Über den Account bin ich dann allerdings auf ein paar andere Autoren und einen afrikanischen Buchblog aufmerksam geworden

Vor ein paar Wochen hatte ich dann genug von meiner sonstigen Lektüre und wollte ein paar neue Sachen lesen, also habe ich ein bisschen herumgelesen. Der typische deutsche Roman ist ja über die Qualen mittelalter Männer, die Eheprobleme haben oder über kauzige Privatermittler im südlichen Weser-Ems-Kreis, das fand ich etwas ermüdend. Also wollte ich mir ein paar Romane aus (1) verschiedenen afrikanischen Ländern, die (2) im Wesentlichen für ein afrikanisches Publikum geschrieben wurden, holen. Nach ein bisschen Stöbern entschied ich mich für die folgenden vier Bücher. Ich habe sie in weniger als einer Woche gelesen, fand sie anregender und unterhaltsamer als das meiste, was ich die letzte Zeit gelesen habe. Da es sich um Romane handelt, die nicht vorrangig für ein europäisches Publikum geschrieben wurden, gibt es ein paar Dinge, die ich nur schwer verstanden habe, das wunderbare war aber, dass sich die Geschichten meistens ganz anders entwickelt haben, als zunächst vermutet. Was ich sehr faszinierend fand: eine Vorstellung vom Alltag in den Ländern zu bekommen. Wie gesagt, ich fand mich sehr gut unterhalten.

Was habe ich gelesen?

Südafrika - Niq Mhlongo. Niq Mhlongo hat einige Bücher geschrieben, die das Südafrika der 90er und 00er Jahre beschreiben. Dog eats Dog beschreibt eine Jugend in Johannesburg, kurz nach dem Ende der Apartheid, ziemlich unmittelbar und drastisch. Der Protagonist studiert ohne rechten Ehrgeiz und versucht sich durchzumogeln. Quasi der Nachfolger dazu ist After Tears; der Protagonist ist durch die letze Prüfung seines Jurastudiums durchgefallen, kommt wieder zurück, kann aber seiner Mutter nicht sagen, dass er nicht bestanden hat. Alle sind in dem Glauben, einen Rechtsanwalt unter sich zu haben, der die Hoffnung der Familie ist. Auch ansonsten ist einiges nicht so, wie es scheint. Mhlongo hat in einem Interview gesagt, dass er es etwas ermüdend findet, wenn vor allem Weiße diese Bücher als rein autobiographisch sehen. Tatsächlich sind die Geschichten zwar unmittelbar und drastisch erzählt, aber gut und klug konstruiert. Die großmäuligen Schelmengeschichten ergeben ein lebendiges Panorama des Lebens in Südafrika. Das wird noch ein bisschen deutlicher in der Kurzgeschichtensammlung Soweto, Under the Apricot Tree. Die Kurzgeschichten, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt, geben eine atmosphärisch dichte Vorstellung des Lebens in Soweto. Ich habe die Figuren nicht immer verstanden, hatte aber das Gefühl neben ihnen zu sitzen, zu hören, was sie hören, zu sehen, was sie sehen. Mhlongo hat auch so eine Art sehr direkt zu schreiben, dass man zunächst denkt, alles im Text sei offensichtlich und offenbar, und dann doch feststellt, dass es noch zahlreiche weitere Ebenen der Geschichte gibt. Das mag ich gerne.

Auf deutsch ist von Niq Mhlongo nur Way back home erschienen, ein Buch, das ich noch nicht kenne. Wer englisch lesen will, dem würde ich Soweto, Under the Apricot Tree empfehlen oder After Tears.

Zimbabwe - Sue Nyathi. Sue Nyathi beschreibt in Gold Diggers die Reise von mehreren Menschen, die von Zimbabwe nach Südafrika illegal einwandern. Wir folgen den Menschen auf der Reise, bei der nächtlichen Überquerung des Limpopo, erfahren über die Gründe, warum sie Zimbabwe verlassen und wie es ihnen in Südafrika entgeht. Das Buch ist klug konstruiert, absolut spannend, durchaus effektreich. Auch wenn die Geschichten so tatsächlich nicht passiert sind, besteht kein Zweifel, dass sie genauso passieren hätten können. Ich musste häufig beim Lesen pausieren.  Das Buch enthält viel Gewalt, insbesondere Gewalt gegen Frauen, der Realismus ist hier teilweise schwer zu ertragen. Aber man fiebert mit den Protagonisten mit und bekommt eine Vorstellung davon, was es bedeutet, Immigrant in Südafrika zu sein. Sue Nyathi gelingt es, sehr unterschiedliche Personen zu beschreiben, die einem sehr bald als Leser ans Herz wachsen, auch wenn es eigentlich keinen konventionell guten Helden in dem Buch gibt. Nyathi war wenigstens so nett, ein paar der Geschichten zumindest einigermaßen gut enden zu lassen. Noch mehr als bei Mhlongo zeigt das Buch auch die enorme Ungleichheit in Südafrika.

Sue Nyathi hat noch einen weiteren Roman, The Polygamist veröffentlicht, den ich noch nicht kenne (aber sicher lesen werde). Auf deutsch gibt es von ihr leider noch nichts.

Nigeria - Adaobi Tricia Nwaubani. Der Roman I do not come to you by chance spielt im nigeranischen Internetbetrüger-Milieu. Die Hauptperson hat einen hervorragenden Universitätsabschluss abgelegt, trotzdem findet sich keine Arbeitsstelle. Die Familie glaubt an den Wert der Bildung, ein Verwandter, der sein Geld mit Internetbetrügereien macht, wird geächtet. Verschiedene Umstände zwingen die Hauptperson, diesen Verwandten, der unter dem Spitznamen Cash Daddy bekannt ist, um Unterstützung zu bitten. Die Familie distanziert sich,  aber im Team des Internetbetrügers lässt sich Geld verdienen, das alles übersteigt, was mit ehrlicher Arbeit zu erreichen ist. Aber lässt sich so ein Lebensstil auf Dauer durchhalten? Das Buch ist eine unterhaltsame Satire, die Auflösung am Schluss ist dann durchaus anders als erwartet.
Auf deutsch ist das Buch als Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash-Daddy erschienen (ich habe die deutsche Übersetzung nicht gelesen).

Ghana - Nii Ayikwei Parkes. Hier haben wir das afrikanische Pendant zum Regionalkrimi. In Tail of the Blue Bird wird ein Pathologe aus Accra in ein Dorf geschickt, in dem ein rätselhaftes Ereignis geschehen ist. Er wird mehr oder weniger von einem korrupten Polizisten gezwungen zu ermitteln. Er beginnt mit Spurensicherung wie bei CSI, in einem afrikanischen Dorf, in dem der Jäger noch mythische Geschichten aus dem Wald erzählt. Man findet verschiedene Elemente, die wir aus den Krimis kennen, die Begegnung Großstadt und Provinz, die Begegnung zwischen einfachem Polizist und studiertem Experten etc. Die afrikanische Auflösung ist dann aber doch ganz anders und mehr der Erzähltradition geschuldet. Während man liest, fühlt man sich palmweinberauscht. Ich habe danach gelesen, dass Parkes eigentlich Lyriker ist; das ist an einigen Stellen zu spüren. Parkes ist im UK geboren, in Ghana aufgewachsen, wohnt allerdings inzwischen wieder im UK.

Tail of the Blue Bird ist auf deutsch als Die Spur des Bienenfressers erschienen, ich habe die deutsche Übersetzung nicht gelesen.

Ich habe diese Bücher mit großem Vergnügen gelesen.  

Donnerstag, 14. Mai 2020

Die militante Cheerleaderin

Die beklemmende Wirkung der Musik von Black Flag hing für mich immer auch mit der Cover-Art von Raymond Pettibon zusammen. Pettibon, der Bruder von Gitarristen Greg Ginn, machte kopierte Heftchen mit Zeichnungen, die zunächst comic-artig erschienen, aber letztlich immer bedrohlich wirkten. Die 1980er Mini-LP "Jealous Again" ist dafür ein gutes Beispiel. Fünf Lieder, die gerade mal sechseinhalb Minuten dauern. Der Titelsong über eine eifersüchtige Freundin, danach wird "Revenge", Rache angekündigt. Das letzte Lied heißt einfach "Da kannst du drauf wetten, dass wir persönlich etwas gegen dich haben", "You bet we've got something personal against you", ein Lied des alten Sängers Keith Morris, der von der Band herausgeschmissen wurde, versehen mit einem neuen Text des Bass-Spielers Chuck Dukowski, in dem klargestellt wird, dass alle Morris für einen Arsch halten. (Chuck und Keith vertragen sich wieder, nur Greg Ginn mag inzwischen niemand mehr.)

Die Beklemmung der Musik wird durch das Cover noch verstärkt. Wir sehen zwei Frauen in einer Art Cheerleader-Uniform, mit Waffen, Pistolen und Schlagstöcken versehen, offensichtlich gerade in mitten einer Attacke. Einer ist der Cowboyhut schon heruntergefallen, hinter ihnen eine Fahne, auf der "Miltown High Cow" steht, die Uniformen haben jeweils ein "M" auf der Brust. Die Rückseite zeigt eine Szene, die wohl danach spielt, eine der beiden Frauen steht, nunmehr wieder ruhig, mit der Pistole in der Hand, vor einem Mann, der offensichtlich einen Kopfschuss bekommen hat (der eine College-Jacke mit einem "M" trägt). Die Frau sagt: "Bevor du stirbst, sag mir, dass du mich immer lieben wirst." Man muss jetzt nicht besonders tiefgründig sein, um sowohl bei der Musik als auch bei der Artwork ein zutiefst misogynes Element festzustellen (obwohl ich es immer wieder bemerkenswert finde, wie sich da viele bei der Punk-Geschichtsschreibung selbst in die Tasche lügen), das sei aber hier nur markiert, mir geht es um etwas ganz anderes.

Die Platte habe ich nun auch schon knappe vierzig Jahre, die zwei Bilder erzählen ja auch eine Geschichte, die ich mir aber nie so zusammenreimen konnte. Die militanten Cheerleaderinnen blieben für mich vollkommen unerklärlich. Gehörten sie zu einer Sekte? Was versetzte sie so in Wut? Äußerlich blieben sie ja ein Abbild des American oder vielleicht auch Californian Dreams. Vielleicht ein Grund, warum die Platte immer so gut funktioniert hat: Musik und Artwork zeigen ein Kalifornien, das so ganz weit entfernt von allen Vorstellungen ist, die man ansonsten von ihm hat.

Das Rätsel der militanten Cheerleaderinnen begleitete mich also ein paar Jahrzehnte, vor ein paar Tagen fand es dann aber eine - für mich überraschende - Auflösung. Auf Twitter sah ich verschiedene Bilder von Anti-Coronamaßnahmen-Demos in den USA. Während in den meisten Staaten irgendwelchen Säcke mit automatischen Waffen demonstrierten, sahen die Fotos von den Demos in Kalifornien anders aus. Man sah zwei Frauen, vor einer Polizeisperre, mit verzerrten Gesichtern. Als ich das sah, wusste ich, dass ich die Frauen schon einmal gesehen hatte. Es dauerte nur ein paar Stunden, bis mir die richtige Eingebung kam und ich zum Plattenregal ging.


Pettibon hat 1980 schon die Demonstrantinnen von 2020 gezeichnet. Die Frau muss auch eine der Organisatorinnen der Impfgegner-Bewegung sein. Offensichtlich ist die militante Cheerleaderin für den Rest der Welt ein Rätsel, in Kalifornien aber Realität.
 

Montag, 4. Mai 2020

Nicht das Ende der Welt

Ende des letzten Jahres bin ich eher durch Zufall bei Twitter über Josienne Clarke gestolpert, die seitdem zu den am häufigsten gehörten Musikerinnen im Haushalt gehört. Josienne Clarke hat nun ein Album von Mr. Alec Bowman, "I used to be sad and then I forget" produziert, das es seit letztem Freitag gibt. Ich habe es mir seitdem schon über fünf mal angehört, man könnte also sagen, dass es mir gut gefällt.

Vor dreißig Jahren saßen wir in der WG-Küche, tranken Rotwein (Le filou rouge) und hörten Leonard Cohen und fühlten uns dann genial oder traurig oder einfach nur betrunken. Ich habe jetzt kein Interesse, meine Zwanziger wieder nachzustellen und auch kein Interesse an Musikern, die die Sechziger nachstellen. Mr Alec Bowman erinnert mich allerdings ein bisschen an Leonard Cohen, er macht auch ruhige Musik, mit bitter-traurigen Texten. Aber da ist nichts nostalgisch und da ist auch nichts rückwärtsgewandt, das ist Musik, die man 2020 gut anhören kann und zu der man, so man denn will, auch Rotwein trinken kann (inzwischen kann ich mir auch etwas besseres als Le filou rouge leisten). Was mich an der Musik fasziniert, ist, dass sich hinter den zunächst so einfachen Liedern so viel mehr versteckt, wunderbare Arrangement-Ideen, kleine Soundschnipsel. Man kann die Musik gut hören, wenn man früher Leonard Cohen mochte, man kann sie auch gut hören, wenn man Nikki Sudden mochte, wahrscheinlich auch, wenn man Nick Cave mochte (hier bin ich nicht qualifiziert, eine Meinung zu haben).

Eine Liveversion des schönen Lieds Long Goodbyes (das auf der LP noch schöner arrangiert ist), kann man hier sehen: Ein Quarantänevideo bei den Müllcontainern. Josienne Clarke sitzt hinter Bowman, dreht während der ersten Strophe versonnen an ihrem Ring am Finger und singt dann leise beim Refrain mit. Diese Unmittelbarkeit gefällt mir natürlich, die Platte selbst ist dann noch um einiges kunstfertiger, ohne dass sie einem die Virtuosität ins Gesicht klatscht.
Wahrscheinlich gefällt mir an der Musik der beiden (die oberflächlich ähnlich, aber doch sehr verschieden ist), dass sie sich ganz offensichtlich nicht mehr darum kümmern, ob das, was sie machen cool ist oder was erwartet wird, sie machen es einfach. Das hat sicher auch damit zu tun, dass beide vorher in anderen Konstellationen Musik gemacht haben, die dies nicht ermöglicht haben.

Das letzte Lied der LP ist Never the end of the world. Der letzte Vers, die letzten Zeilen des Albums, haben es in sich. Hört es euch an.

Sonntag, 3. Mai 2020

Der Tag, an dem sich die Beatles aufgelöst haben

Wenn ich es richtig verstehe, streitet sich die Beatologie über das genaue Datum, meist wird aber der 10.4.1970 genannt, der Tag, an dem McCartney die Presseerklärung zu seinem ersten Soloalbum verschickte. Irgendwie bin ich immer ein bisschen darauf stolz, dass ich zu einem Zeitpunkt auf die Welt kam, als es die Beatles noch gab, auch wenn das sicher einer der am wenigsten berechtigten Gründe stolz zu sein ist. Dieses Jahr war also der 50. Jahrestag des Breakups der Beatles und Life is a minestrone, von denen ich nicht einmal richtig weiß, ob es sich um eine Band oder einfach um musikalische Netzwerker handelt, nahmen das als Anlass für eine schöne Aktion. Normalerweise organisieren Life is a minestrone wohl in Paris Wohnzimmerkonzerte, da das aber zur Zeit nicht möglich ist, begannen sie auf ihrer Facebookseite am 10.4. eine Serie von Beatles-Coverversionen von befreundeten Musikern. Insgesamt kamen 40 kleine Musikvideos zusammen, in Wohnzimmern und Gärten aufgenommen.

Facebook ist ja eine furchtbare Plattform, deswegen ist es gut, dass sich die Videos auch auf Youtube ansehen lassen, hier in einer Gesamt-Playlist:




Ich habe mir das alles angesehen, mit wachsender Rührung. Zum einen, weil man den Leuten in die Wohnung sehen konnte, jeder auf sich geworfen, aber verbunden durch einen Kanon an Liedern, der für jede Gemütslage einen Ausdruck findet. (Meine eigene Beatles-Geschichte habe ich hier und hier einmal aufgeschrieben.) Die Isolation überwunden durch die Musik. Das griff (zumindest mir) ans Herz.

Meine vier Favoriten möchte ich hier noch einzeln aufführen (aber hört mal in alles rein, schaut in die Küchen und Wohnzimmer...)



(Das Original-Lied mag ich eigentlich gar nicht so gerne, aber hier hüpft mein Herz.)




(Auch ein eher obskures Lied, das ich in dieser Version aber absolut liebe.)



(Das kannte ich noch nicht einmal richtig, weil es von der ersten McCartney-Solo-LP ist. Wunderschön.)

Auf die ganze Aktion aufmerksam bin ich nur durch Robert Rotifer geworden, auf dessen Empfehlungen man sich immer verlassen kann und dessen eigenes musikalisches Schaffen mir die letzten Jahre viel erträglicher gemacht hat. Er war auch mit einem Lied vertreten.


In Verbundenheit mit allen, die mit ihren Gitarren in den Zimmern sitzen, habe ich dann auch meine herausgeholt und mich unter den blühenden Kirschbaum gesetzt. Vor dreißig Jahren wäre es akustisch noch ein größeres Vergnügen gewesen, aber es ist halt wie es ist.



 

Freitag, 1. Mai 2020

Aus fernen Zeiten

Ich habe hier noch etwas aus dem Januar nachzutragen. Am 11.1. gab es im 8mm im Prenzlauer Berg ein Club-Konzert von Art Brut.

Eddie Argos ist zwar inzwischen nach Prenzlauer Berg weitergezogen und somit kein Nachbar mehr, trotzdem war der Besuch natürlich für mich Pflicht. Das 8mm ist relativ überschaubar, deswegen war ich auch früh genug da und durfte vor dem Laden anstehen. Das Publikum war international, die meisten hatten Art Brut wohl in ihren Hochzeiten 2005 schon gesehen und gehört und kamen, um noch einmal an ihre Jugend erinnert zu werden. Ich war also einer der deutlich Älteren im Publikum, für mich sind Art  Brut auch weniger nostalgisch (immerhin haben sie aber den Soundtrack für meine letzte Kündigung geliefert), sondern sie waren 2009 eine Band, die mich wieder dazu gebracht hat, mich für kontemporäre Musik zu interessieren. 

Wie ich ein bisschen zu spät gemerkt habe, hätte ich tatsächlich auf der Guest list gestanden . Das ist mir, glaube ich, erst einmal passiert. Im 8mm winkt mir ein Mensch mit Vollbart zu, ich ignoriere ihn höflich, weil ich davon ausgehe, dass er jemand neben mir meint (ich kenne in dem Laden, abgesehen von Eddie Argos, wirklich niemand).  

Art Brut kommen auf die Bühne und beginnen mit einem AC/DC-Riff. Merkwürdig. Diesmal ist Freddy, die Bassistin, wieder dabei, die wegen ihres Kindes ausgesetzt hatte. Das tut dem Sound gut. Die Band spielt viel von den frühen LPs, ich hätte auch gerne mehr von der neuen Platte gehört. Alle Knaller sind dabei, Modern Art, My little brother, Emily Kane und - was mich besonders freut - Bad Weekend, das ich in der letzten Zeit auch häufig gehört habe. Der Refrain, Popular Culture no longer applies to me, schwirrt mir ohnehin die ganze Zeit durch den Kopf. Die Bühne ist relativ niedrig, als Hintergrund werden merkwürdige Filme projeziert, ich erkenne Teile des Chien andalou. Weil es kein richtiges Backstage gibt, schlägt die Band vor, dass sie sich einfach auf die Bühne setzt, während alle Zugabe brüllen. Das geht auch und alle sind nach dem Konzert zufrieden. 


Ich unterhalte mich kurz mit Eddie Argos, da kommt wieder der Vollbart vorbei: Tatsächlich kenne ich ihn von der Arbeit, lang ist es her. 

Ich gehe nach Hause, ohne zu wissen, dass das mein letztes Konzert für lange Zeit sein wird.