"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Freitag, 1. Oktober 2021

Amazonen, Super Affen und Sammler

Als ich im Internet nur so vor mich hin ging und nichts zu suchen, das war mein Sinn, stieß ich auf Les Amazones d'Afrique, eine Art westafrikanische Supergroup, die 2014 in Mali gegründet wurde. Der Bandname ist Programm, die Sängerinnen sind politisch engagiert. Das Lied Doona (leider weiß ich weder, was das bedeutet, noch welche Sprache das ist) gefällt mir sehr gut, es ist eine sehr eigene Mischung, wie als hätte man 70er Acid-Rock mit afrikanischen Gesängen gemischt. Barack Obama hat das Lied wohl schon vor Jahren  mal auf einer seiner Playlists empfohlen, aber ich krieg ja nix mit. Kann man sich schön anhören.  


Als Musik-Nerd in den 70ern und 80ern kam es häufig vor, dass man über bestimmte Bands und Musikerinnen schon viel gelesen hatte, ohne jemals ein Lied gehört zu haben. Im Radio kam weitgehend nur Schrott, die Plattenläden waren nicht sonderlich gut sortiert; man hatte noch Glück, wenn man Freunde mit gutem Musikgeschmack hatte. So kannte ich Lee Scratch Perry schon sehr früh, aber hatte eigentlich nie Gelegenheit, Musik von ihm zu hören. Ich vermute auch mal, dass ich mir relativ schwer getan hätte, bei uns irgendwo Dub-Reggae aufzutreiben. Perry war sowohl ein wesentlicher Einfluss für den Reggae eines Bob Marley, aber auch für die reggaebegeisterte erste Punk-Generation. Perry ist vor einigen Tagen verstorben, das war für mich dann der Anlass, endlich einmal seine Musik anzuhören. Heutzutage ist ja fast alles nur ein paar Klicks entfernt. Ich bin dann bei der 1976er LP Super Ape hängen geblieben. Sehr schön, sehr entspannt. Hätte ich auch schon früher mal austesten können. 

Schließlich noch einmal die verehrte Josienne Clarke, deren neues Album Small unknowable thing ich gerade sehr gerne und häufig höre. Dazu wollte ich eigentlich noch einmal ausführlicher schreiben, da ich derzeit aber zu nix komme, hier vorab eines der bemerkenswerten Lieder der Platte, The Collector. 




Freitag, 27. August 2021

Der Käfersammler, Stürme überstehen und während du schliefst

Es hat sich eine Menge Musik angesammelt, viel Neues auch. Über eine Playlist, die die fantastische Josienne Clarke für ihr neues Album zusammengestellt hat (dazu ein andermal noch mehr), bin ich auf Haley Hendrickx gestoßen. Sie hat schon 2018 ein sehr interessantes Debutalbum mit dem wunderschönem Titel "I need to start a garden" veröffentlicht, das man wohl in die Kategorie Folk einordnen kann. Der Bug collector ist ein ruhiges, atmosphärisches Lied, das ich sehr gerne höre. Was mir bei Hendrickx, wie auch bei vielen anderen jungen Folkmusikerinnen gefällt, ist, dass die Lieder zwar meist ruhig sind, sich aber auch genug Zorn und Aggression findet. Da kommt eine recht schlaue neue Generation. 


Vom gleichen Album ist das etwas poppigere  (Oom sha la la), in dem sich auch die Titelzeile des Albums wiederfindet. Vor dreißig Jahren wäre so etwas an jedem Abend in der Indie-Kneipe gelaufen. Ich habe mir gerne das digitale Album auf Bandcamp gekauft. 

Grace Petrie habe ich auch erst während der Pandemie entdeckt, sie steht für treibenden, politischen Folk, den man vor dreißig Jahren auch in jeder Indie-Kneipe gehört hätte. Die letzte LP "Queer as Folk" (deren Titel ja durchaus programmatisch ist) habe ich oft gehört, ein wirklich schönes und gut gemachtes Album, das einem auch wieder ein bisschen Hoffnung in Bezug auf politisches Liedgut geben kann. Im Herbst gibt es etwas Neues von Grace, den Titel "Storm to weather" dürfen wir schon vorab hören, ein Pandemie-Liebeslied. Klingt manchmal wie ein Selbstplagiat, ist aber trotzdem ein Lied, das mir gerade sehr gut tut; vielleicht kommt Grace Petrie nächstes Jahr ja mal nach Berlin (2020 hatte ich Karten für ein Festival, auf dem sie auch gespielt hätte, das hat ja nicht geklappt). 

Zum Abschluss ein wiedergefundenes Lied. 1989 war ich mit M. bei einem Konzert von H.R., dem Sänger der Bad Brains, in München. H.R. wollte damals schon lieber Reggae spielen, als den wahnwitzigen Hochgeschwindigkeits-Heavy-Rock der Bad Brains, es war also ein sehr entspanntes Konzert. Im Gedächtnis war mir geblieben, dass das erste Lied mit "For Jah, in Jah" in dauernder Wiederholung losging.  30 Jahre später kam mir die Idee, mir doch auf Spotify ein bisschen H.R. anzuhören. Und, wer sagt's denn, das Lied hieß "While you were sleeping". Immer noch schön zu hören, auch wenn mir die Freude an der Musik der Bad Brains inzwischen sehr dadurch getrübt wird, dass ich inzwischen weiß, wie schwulenfeindlich die Truppe zumindest in den frühen Jahren war. Leider keine seltene Erscheinung bei religiös inspirierter Musik. 

 

 


Sonntag, 27. Juni 2021

Der Sommer der Digga, Lob- und Danklieder für diese turbulenten Zeiten und ein Lebenszeichen von lieben Bekannten

Wenn man mich fragte, welche Auswirkungen die Pandemie auf meinen Alltag hatte, käme nach den erwartbaren (und schwerwiegenden) Punkten relativ bald, dass ich zum ersten Mal seit langem ein Jahr hatte, in dem ich Fil nicht live gesehen habe. Fil ist ein Comiczeichner, Autor und Comedian? Kabarettist?, den man wohl live gesehen haben muss, um seinen Charme nachvollziehen zu können. Ich bin zusammen mit ihm alt geworden, die ersten Programme habe ich gesehen, als wir beide gerade dreißig waren, inzwischen sind wir ja stabil über 50. Also, kein Fil letztes Jahr, umso größere Freude als mir zufällig dieses Video unterkam. Ich versuche es erst gar nicht zu erklären, es ist furchtbarer Cloudrap, Fil hat sich eine Armee von jungen Leuten für das Video zusammengesucht, an ein paar Stellen muss ich auch beim vierten Anhören noch lachen. Ein Lied für die ganzen jungen Leute, die im Bürgerpark rumhängen, weil ansonsten nicht viel anderes geht. 



Auch ein Zufallsfund, aus einer eher folklastigen Playlist, St. Lenox. Hinter diesem Projekt steckt Andrew Choi, der als Anwalt in New York arbeitet. Das Lied, das ich dort hörte, hieß Bethseba und beschrieb Kirchenbesuche in der Jugendzeit. Musikalisch auch wie ein Gospelstück zu dem ein Soulsänger eine Geschichte erzählt. Eigentlich alles nicht mein Fall, irgendetwas an dem Stück brachte mich aber dazu, die zugehörige Platte herauszusuchen, die bescheiden "Ten Songs of Worship and Praise for our tumultous Times" benannt ist. Andrew Choi erzählt dort Geschichten, die vage mit Religion zu tun haben, aus einer areligiösen Perspektive. Das wären alles Zutaten, die mich ansonsten einen weiten Bogen um Musik machen ließen, aber diese Stücke finde ich  wirklich faszinierend. Es gibt noch mehr Platten von ihm, in denen er jeweils zehn Lieder/Geschichten zu einem Thema bündelt. Die Videos beinhalten dann quasi einen Kommentar des Autors zum Lied. Ich verlinke mal "Arthur is at a shiva", aber kann auch die anderen Lieder empfehlen. Eigentlich meine liebste Kategorie von Musik: die mich zuerst nervt, bei der ich aber nach etwas Durchhalten etwas neues lerne.



Am Schluss noch ein Lebenszeichen von Skinny Lister, die über eine unangenehme Begegnung mit der bayerischen Polizei berichten (da hatte ich auch genug davon). Im nächsten Jahr sind sie wieder in Berlin und ich werde auch da sein. Mann, fehlen mir Livekonzerte. 




Dienstag, 8. Juni 2021

Was Altes, was Neues, was Wiedergefundenes

 Auf welche Musik bin ich in den letzten Wochen so gestoßen.

Auf Twitter gab es einen Hinweis auf Sir Victor Uwaifo, von dem ich noch nie gehört hatte. Ein nigerianischer Musiker, der wohl seit den 60ern sehr erfolgreich ist. Die Musik wurde als der richtige Soundtrack für heiße Tage beschrieben, und sie ist tatsächlich sehr entspannt. 

Ein Weiteres afrikanisches Stück, allerdings recht aktuell ist von Barbara Wangui. Ich mag ja den akustischen Soul von Billy Black, der wie Barbara Wangui aus Kenia kommt. Wangui ist noch ein bisschen ruhiger, gefällt mir aber auch sehr gut. 


Ganz neu und gar nicht ruhig ist das neue Stück der verehrten Josienne Clarke. Genremäßig ist sie ja eher Chamäleon, auch wenn ihre Wurzeln im Folk liegen. Hier hat sie ihren Frust über das Musikbiz in ein Powerrock-Stück gegossen, und sie macht das sehr gut. Ich freue mich schon auf das Album, das im August kommt. 

Schließlich ein Stück, das mir seit Jahrzehnten im Kopf rumgeht, das ich aber nicht mehr finden konnte. Irgendein Rembetika mit Sängerin, der Refrain bestand aus der Wiederholung eines Worts. Ich habe mich durch meine verschiedenen CDs gehört, nirgends ein Treffer. Dabei hatte ich die Melodie deutlich im Kopf. Vor ein paar Tage empfiehlt mir der Spotify-Algorithmus ein Lied: und siehe da, das war es. Palamakia von Marika Ninou. Mir wurde dann auch klar, warum ich das Lied nirgendwo gefunden hatte. Das ist Nachkriegs-Rembetika, den ich eher nicht auf CD habe. 1996 hat mir aber ein griechischer Studienkollege eine Cassette aufgenommen, auf der das Lied auch drauf war. 

Schönes Lied.




Mittwoch, 2. Juni 2021

Ganz Wien ist den Göttern egal

 Mal wieder etwas neue Musik, diesmal nur neu entdeckte, vielleicht kennt Ihr das alles schon. Zweimal Algorithmus-Funde, wenn man viel österreichische Musik hört, kriegt man auf Spotify und Youtube einfach noch mehr österreichische Musik reingespült. Manchmal ist das spannend. 

Zuerst "Ganz Wien"; ich hatte keine Ahnung, dass das eigentlich ein Falco-Lied ist, obwohl es einen thematisch ja nicht wundert. Hier ganz ohne Achtziger-Kram als sparsamer wunderbarer Drogenblues von Ernst Molden und dem Nino aus Wien. Molden anzuhören ist ohnehin nie eine schlechte Idee. 

Das nächste Lied hatte ich dann einmal angehört, gleich wieder vergessen, für meinen Geschmack eher zu gefällig. Einige Wochen später ging mir dann der Refrain im Kopf rum und ich hatte noch Glück, dass ich mich erinnerte, woher eigentlich dieser Text- und Melodiefetzen kam. Seitdem immer wieder mal gehört und das Lied hat wirklich Ohrwurmqualitäten. Die Anfangszeile "Ich hab keine Hand frei, aber tausende Ideen" geht auch ok mit mir. Die Band Garish gibt es wohl schon lang, das Lied ist auch schon von 2017, ist (wie so vieles) vollkommen an mir vorbei gegangen. Hört es euch an, denkt euch, na so toll ist das auch nicht, und wundert euch dann in ein paar Wochen, was ihr da vor euch her summt. 




Donnerstag, 29. April 2021

Zusammenleben, gläserne Herzen und erzähl mir nix, was ich eh schon weiß

Ein trauriger Wochenbeginn: Milva ist gestorben. Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich die letzten vier Jahrzehnte viel Milva gehört habe, aber als Zehnjähriger war ich in Milva verliebt. Wenn ich mir ihre damaligen Fernsehauftritte so ansehe, bekomme ich auch eine Vorstellung, warum. 


(Das Lied habe ich auch schon Jahrzehnte nicht mehr gehört, es taucht aber regelmäßig in meinem Kopf auf, in dem sowieso die Liedschnipsel aus den letzten fünf Jahrzehnten durcheinander wirbeln, ohne dass ich da viel machen könnte.)

Im gleichen Jahr verguckte ich mich auch in Debbie Harry, ich hatte Fieber, meine Eltern waren irgendwohin unterwegs und ich durfte am Abend auf dem Sofa liegen und Fernsehen gucken, bis sie wieder kamen. Ich schaute mir Disco mit Ilja Richter an und da kam folgendes Lied.

Nach diesen alten Kamellen auch noch ein bisschen neue Musik. Celeste ist anscheinend sehr erfolgreich, man fühlt sich teilweise an Amy Winehouse erinnert. Kann man sich gut anhören, ist gut und intelligent gemacht.

 

 (Wer eher die klassische Soul-Ballade hören will, sollte hier reinhören.)

 

Samstag, 10. April 2021

Ich stieg in ein neues Boot

Ein Lied aus den Zwanziger-Jahren des letzten Jahrhunderts, eines der griechischen Fischerboot-Liedern. Das einfache Video der Schwestern Fergadioti erweckt Fernweh, das Licht in dem Laub der Bäume, ein sanfter Wind. Im Lied wird erzählt wie einer in ein Fischerboot steigt und dann dreht sich die Unterhaltung im Wesentlichen um die gefangenen Fische und Kalamari. 


Das Video, 2019 erstellt, hat inzwischen fast eine Million Aufrufe. Was sehr schön ist: In den Kommentaren freuen sich Menschen aus allen möglichen Mittelmeeranrainerstaaten, Türkei, Griechenland gemeinsam über die Musik.