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G.Ginn

Samstag, 27. Februar 2021

42 wilde Weiber aus Dahomey. Eine Spurensuche

Auf Twitter gab es letztens einen kleinen Film zu sehen, eine etwa halbminütige Szene aus der Friedrichstraße im Jahr 1896, in Farbe. Man sieht die Pferdegespanne, eine Art Bus, bei dem die Passagiere auch auf dem Dach der Kutsche sitzen, Elegante Passanten und Passantinnen mit Sonnenschirmen überqueren die Straße. Zwei der Gebäude haben Reklameschilder, Castan's Panopticum sowie das Passagen-Panopticum gleich daneben. Die Szene spielt also an der Ecke zur Behrensstraße, eine Querstraße von Unter den Linden entfernt. Wenn man vor der Behrensstraße Richtung Bahnhof Friedrichstraße sieht, würde man heute das Westin Grand-Hotel sehen, wo damals das Passagen-Panopticum war. Das Passagen-Panopticum hat zwei große Reklameschilder, auf denen "42 wilde Weiber aus Dahomey" angekündigt werden. Das Publikum wusste offenbar, was dabei zu erwarten sei, und offenbar war sich auch das Panopticum sicher, dass es sich um einen Publikumsrenner handeln würde. Die erste Zeitungswerbung für die Darbietung findet sich am 9. Juni 1896, Ende Oktober 1896 wurde dann die "letzte Woche" annonciert. (Castan's Panopticum hatte zu diesem Zeitpunkt schon "Die wunderbaren indischen Pygmäen" und "Ur-Australier (Kannibalen)" im Angebot.)



Was hatte es mit den Dahomey auf sich, was erwartete das Publikum im Panopticum und was erwartete das Publikum vom Panopticum? Wenn man sich durch alte Zeitungen liest, bekommt man eine Vorstellung davon, wenn auch keine, die ein gutes Licht auf die Stadt wirft. 

Das Passagen-Panopticum lag in der sogenannten Kaisergalerie, die im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurde. Es handelte sich um eine Ladenstraße in einem dreigeschossigen Gebäudekomplex, die über 130m von Unter den Linden bis zur Behrensstraße ging. Man könnte darin einen Vorgänger der heutigen Shopping-Malls sehen. Hans Ostwald beschreibt in seinem 1904 erschienenen Buch "Dunkle Winkel" das Publikum der Passagen; Geldgeschäfte am Tag, Kontakthof in der Nacht. 

"So bunt wie die Wände und wie die Auslagen der Schaufenster, so bunt ist das Menschengewimmel. Familien aus der Provinz. Stumm vor Staunen; mit Geldtäschen über den altmodischen Mänteln, Reisehüten, den Führer durch Berlin aufgeschlagen in den Händen. Berliner aus dem Osten, die Verwandten von außerhalb Berlins Sehenswürdigkeiten zeigen wollen. Sie sehen in ihrer Arbeiterkleidung nicht viel anders aus als ihre Verwandten. Nur ihr bleiches Gesicht, ihr sicherer Großstadtblick unterscheidet sie. Und doch sind auch sie hier fremd, auch sie schauen sich verwundert um sich und bewegen sich ein wenig linkisch in diesem Gewirr eleganter Herren und Damen. Und wundern sich, dass jene feine Dame, die dort vor den Bijouterien stand, einem Kopfnicken eines Herrn folgt, der in Lackstiefeln, neuen Handschuhen und langem Mantel steckt und auf dem frisierten Kopf einen Cylinderhut trägt.... Und drüben, das stattliche Geschöpf mit den prachtvollen Spitzenunterröcken und den feinen Stiefeln - warum die ihre Unterwäsche zeigt?..."

Keine schlechte Umgebung und kein schlechtes Publikum für ein Panopticum also.

Panoptiken waren, bevor sich der Film durchsetzen konnte, beliebt, weil sie das Sensationsbedürfnis der Menschen bedienten. Teils waren sie Wachsfigurenkabinette, teils Wunderkammern, die das Publikum mit exotischen Exponaten lockten. Bei den Berliner Panoptiken gehörte es aber schon bald dazu, dass man auch fremde Menschen ausstellte.  Die Berichterstattung (selbst in der sozialdemokratischen Presse) darüber ist wie über exotische Exponate oder Tiere, die ausgestellten Menschen sind Exponate und werden nicht als Menschen wahrgenommen. Aus Marketinggründen werden auch regelmäßig Menschenfresser angekündigt; das Publikum will etwas sehen für sein Geld. Wenn man sich die alten Zeitungen ansieht, stellt man fest, dass die Wilden Weiber von Dahomey regelmäßige Gäste im Panoptikum waren, schon 1891 gab es eine entsprechende Vorstellung. 

Dahomey war ein im 17. Jahrhundert gegründetes Königreich, das im Gebiet des heutigen Nigeria, Ghana und Benin lag. Die Hauptstadt war die Stadt Abomey, die heute im Benin liegt. 1885 wurde es portugiesisches Protektorat, 1892 fiel es an die Franzosen. (Die Republik Dahomey war dann 1958 ein Vorläuferstaat von Benin.) Warum war dieses Königreich den Berlinern des späten 19. Jahrhunderts ein Begriff? (Wenn man in alten Quellen nach afrikanischen Themen recherchiert, wird man überschwemmt von offenem und stolzem Rassismus. Ich habe bei den folgenden Direktzitaten noch die verträglichsten herausgesucht, wenn diese sich noch einigermaßen harmlos lesen, bedeutet das nicht, dass nicht schon zwei Zeilen weiter unsägliches stand.)

Das Meyer'sche Konversationslexikon von 1852 führt folgendes aus:

"Einzig in der Welt steht das Heerwesen der Dahomeys da, was das Alterthum und das Mittelalter von den Amazonen sich erzählen, wird in Dahomey übertroffen. Von den 12000 Soldaten, aus denen die Aremee auf dem Friedensfuße besteht, sind 5000 Weiber. Sittenlosigkeit entsteht durch diese Vermischung der Geschlechter keineswegs. Thatendurst, Ergeiz und Blutdurst verdrängen bei den weiblichen Soldaten jedes zartere Gefühl, "wir sind Männer, keine Weiber" sagen sie. Namentlich in geschlechtlicher Beziehung erlauben sie sich keine Schwäche, wozu der Aberglaube viel beitragen mag dass jedes fleischliches Vergehen durch eine nie ausbeleibende Schwangerschaft der ganzen Welt offenkundig werden würde.  Die Weiber sind die Elite der Armee und entscheiden oft die Schlachten."

Spätere Berichte, die - wie damals üblich - eine Zeitung von der anderen abschrieb, ziehen diese Sittenstrenge eher in Zweifel. Zwei Dinge ziehen sich aber durch alle Artikel: Das Erstaunen, dass die Frauen den Vorrang vor den Männern haben und dass alle Frauen im Königreich Frauen des Königs seien. Die Gefährlichkeit des "Amazonen-Regiments" wurde auch in den Militärzeitungen anerkannt. Wie populär die Erzählungen von dem König von Dahomey gewesen sein muss, zeigt sich auch daran, dass 1873 der Wiener Akademische Gesangsverein einen studentischen Abend veranstaltete, bei dem ein Stück aufgeführt wurde, in dem dieser König und Dahomey eine größere Rolle spielten. 

Dazu mag auch beigetragen haben, dass auch G.W.F. Hegel in seinen "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" Erstaunliches über Dahomey zu berichten hat. 

"Wenn der König stirbt in Dahomey, so sind gleich die Bande der Gesellschaft zerrissen; in seinem Palaste fängt die allgemeine Zerstörung und Auflösung an: sämtliche Weiber des Königs (in Dahomey ist ihre bestimmte Zahl 3333) werden ermordet, und in der ganzen Stadt beginnt nun eine allgemeine Plünderung und ein durchgängiges Gemetzel. Die Weiber des Königs sehen in diesem ihrem Tode eine Notwendigkeit, denn sie gehen geschmückt zu diesem."  

(Anzeige aus dem Vorwärts vom 09.06.1896.)

Wir bekommen eine Vorstellung, warum 1896 "42 wilde Weiber aus Dahomey" eine Attraktion gewesen sein müssen - Matriarchat! Amazonen! Vielweiberei!* Zu diesem Zeitpunkt gab es aber auch noch eine andere Konnotation. Das Deutsche Reich hatte für seine Polizeitruppen in Kamerun in Dahomey auch Sklavinnen und Sklaven angekauft, da diese als günstiger als Söldner angesehen wurde. Die Sklavinnen und Sklaven sollten fünf Jahre ohne Arbeitslohn arbeiten und danach im Kamerun bleiben können. Der deutsche Kanzler Leist missbrauchte wiederholt die Frauen und ließ 1893 zwanzig von ihnen wegen Arbeitsverweigerung mit der Nilpferdpeitsche auspeitschen. Daraufhin folgte der sogenannte Dahomey-Aufstand der Polizeitruppen, der nur durch das deutsche Kanonenboot Hyäne niedergeschlagen werden konnte. Leist wurde in Deutschland der Prozess gemacht, das Urteil fiel allerdings milde aus.**

Nach diesem kurzen und unsystematischen Stöbern in alten Zeitungen sehen wir die prachtvolle Straßenszene mit anderen Augen. Wie bei allem in Berlin gibt es keine unschuldigen Geschichten. Aber man muss die Vergangenheit kennen und sich ihr stellen. Wenn ich mir ansehe, was gerade mit dem Stadtschloss geschieht, habe ich aber nicht den Eindruck, dass das geschieht.

 

 

*Dem englischen Wikipedia-Eintrag entnehme ich, dass die Leibgarde des Superhelden Black Panther der Marvel Comics den Dahomey-Amazonen nachempfunden sei. 

**Einen Verteidiger fand Leist in dem Publizisten Maximilian Harden. "Ein junger Mensch, dem in einem Fieberloch, wo die nächste Stunde ihn stets mit dem Tode bedroht, durch die strafbare Unklugheit seiner Vorgesetzten der Rang eines selbstherrlichen Desposten eingeräumt wird, dem ein drückend schwüles Klima die darbenden Sinne erhitzt, der mit einem Haufen wilder Bestien und bösartiger Kinder hausen muss, um an bescheidener Stelle das Leben fürs Vaterland zu wagen - ein solcher Mensch hat, mag er noch so schwer gefehlt haben, Anspruch auf nachsichtige Beurteilung." [Hier stand zunächst ein anderes, drastischeres Zitat, das allerdings nicht von Harden, sondern von einem Autor der Zeitschrift "Die Kritik" war.]