"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Freitag, 1. Oktober 2021

Amazonen, Super Affen und Sammler

Als ich im Internet nur so vor mich hin ging und nichts zu suchen, das war mein Sinn, stieß ich auf Les Amazones d'Afrique, eine Art westafrikanische Supergroup, die 2014 in Mali gegründet wurde. Der Bandname ist Programm, die Sängerinnen sind politisch engagiert. Das Lied Doona (leider weiß ich weder, was das bedeutet, noch welche Sprache das ist) gefällt mir sehr gut, es ist eine sehr eigene Mischung, wie als hätte man 70er Acid-Rock mit afrikanischen Gesängen gemischt. Barack Obama hat das Lied wohl schon vor Jahren  mal auf einer seiner Playlists empfohlen, aber ich krieg ja nix mit. Kann man sich schön anhören.  


Als Musik-Nerd in den 70ern und 80ern kam es häufig vor, dass man über bestimmte Bands und Musikerinnen schon viel gelesen hatte, ohne jemals ein Lied gehört zu haben. Im Radio kam weitgehend nur Schrott, die Plattenläden waren nicht sonderlich gut sortiert; man hatte noch Glück, wenn man Freunde mit gutem Musikgeschmack hatte. So kannte ich Lee Scratch Perry schon sehr früh, aber hatte eigentlich nie Gelegenheit, Musik von ihm zu hören. Ich vermute auch mal, dass ich mir relativ schwer getan hätte, bei uns irgendwo Dub-Reggae aufzutreiben. Perry war sowohl ein wesentlicher Einfluss für den Reggae eines Bob Marley, aber auch für die reggaebegeisterte erste Punk-Generation. Perry ist vor einigen Tagen verstorben, das war für mich dann der Anlass, endlich einmal seine Musik anzuhören. Heutzutage ist ja fast alles nur ein paar Klicks entfernt. Ich bin dann bei der 1976er LP Super Ape hängen geblieben. Sehr schön, sehr entspannt. Hätte ich auch schon früher mal austesten können. 

Schließlich noch einmal die verehrte Josienne Clarke, deren neues Album Small unknowable thing ich gerade sehr gerne und häufig höre. Dazu wollte ich eigentlich noch einmal ausführlicher schreiben, da ich derzeit aber zu nix komme, hier vorab eines der bemerkenswerten Lieder der Platte, The Collector. 




Freitag, 27. August 2021

Der Käfersammler, Stürme überstehen und während du schliefst

Es hat sich eine Menge Musik angesammelt, viel Neues auch. Über eine Playlist, die die fantastische Josienne Clarke für ihr neues Album zusammengestellt hat (dazu ein andermal noch mehr), bin ich auf Haley Hendrickx gestoßen. Sie hat schon 2018 ein sehr interessantes Debutalbum mit dem wunderschönem Titel "I need to start a garden" veröffentlicht, das man wohl in die Kategorie Folk einordnen kann. Der Bug collector ist ein ruhiges, atmosphärisches Lied, das ich sehr gerne höre. Was mir bei Hendrickx, wie auch bei vielen anderen jungen Folkmusikerinnen gefällt, ist, dass die Lieder zwar meist ruhig sind, sich aber auch genug Zorn und Aggression findet. Da kommt eine recht schlaue neue Generation. 


Vom gleichen Album ist das etwas poppigere  (Oom sha la la), in dem sich auch die Titelzeile des Albums wiederfindet. Vor dreißig Jahren wäre so etwas an jedem Abend in der Indie-Kneipe gelaufen. Ich habe mir gerne das digitale Album auf Bandcamp gekauft. 

Grace Petrie habe ich auch erst während der Pandemie entdeckt, sie steht für treibenden, politischen Folk, den man vor dreißig Jahren auch in jeder Indie-Kneipe gehört hätte. Die letzte LP "Queer as Folk" (deren Titel ja durchaus programmatisch ist) habe ich oft gehört, ein wirklich schönes und gut gemachtes Album, das einem auch wieder ein bisschen Hoffnung in Bezug auf politisches Liedgut geben kann. Im Herbst gibt es etwas Neues von Grace, den Titel "Storm to weather" dürfen wir schon vorab hören, ein Pandemie-Liebeslied. Klingt manchmal wie ein Selbstplagiat, ist aber trotzdem ein Lied, das mir gerade sehr gut tut; vielleicht kommt Grace Petrie nächstes Jahr ja mal nach Berlin (2020 hatte ich Karten für ein Festival, auf dem sie auch gespielt hätte, das hat ja nicht geklappt). 

Zum Abschluss ein wiedergefundenes Lied. 1989 war ich mit M. bei einem Konzert von H.R., dem Sänger der Bad Brains, in München. H.R. wollte damals schon lieber Reggae spielen, als den wahnwitzigen Hochgeschwindigkeits-Heavy-Rock der Bad Brains, es war also ein sehr entspanntes Konzert. Im Gedächtnis war mir geblieben, dass das erste Lied mit "For Jah, in Jah" in dauernder Wiederholung losging.  30 Jahre später kam mir die Idee, mir doch auf Spotify ein bisschen H.R. anzuhören. Und, wer sagt's denn, das Lied hieß "While you were sleeping". Immer noch schön zu hören, auch wenn mir die Freude an der Musik der Bad Brains inzwischen sehr dadurch getrübt wird, dass ich inzwischen weiß, wie schwulenfeindlich die Truppe zumindest in den frühen Jahren war. Leider keine seltene Erscheinung bei religiös inspirierter Musik. 

 

 


Sonntag, 27. Juni 2021

Der Sommer der Digga, Lob- und Danklieder für diese turbulenten Zeiten und ein Lebenszeichen von lieben Bekannten

Wenn man mich fragte, welche Auswirkungen die Pandemie auf meinen Alltag hatte, käme nach den erwartbaren (und schwerwiegenden) Punkten relativ bald, dass ich zum ersten Mal seit langem ein Jahr hatte, in dem ich Fil nicht live gesehen habe. Fil ist ein Comiczeichner, Autor und Comedian? Kabarettist?, den man wohl live gesehen haben muss, um seinen Charme nachvollziehen zu können. Ich bin zusammen mit ihm alt geworden, die ersten Programme habe ich gesehen, als wir beide gerade dreißig waren, inzwischen sind wir ja stabil über 50. Also, kein Fil letztes Jahr, umso größere Freude als mir zufällig dieses Video unterkam. Ich versuche es erst gar nicht zu erklären, es ist furchtbarer Cloudrap, Fil hat sich eine Armee von jungen Leuten für das Video zusammengesucht, an ein paar Stellen muss ich auch beim vierten Anhören noch lachen. Ein Lied für die ganzen jungen Leute, die im Bürgerpark rumhängen, weil ansonsten nicht viel anderes geht. 



Auch ein Zufallsfund, aus einer eher folklastigen Playlist, St. Lenox. Hinter diesem Projekt steckt Andrew Choi, der als Anwalt in New York arbeitet. Das Lied, das ich dort hörte, hieß Bethseba und beschrieb Kirchenbesuche in der Jugendzeit. Musikalisch auch wie ein Gospelstück zu dem ein Soulsänger eine Geschichte erzählt. Eigentlich alles nicht mein Fall, irgendetwas an dem Stück brachte mich aber dazu, die zugehörige Platte herauszusuchen, die bescheiden "Ten Songs of Worship and Praise for our tumultous Times" benannt ist. Andrew Choi erzählt dort Geschichten, die vage mit Religion zu tun haben, aus einer areligiösen Perspektive. Das wären alles Zutaten, die mich ansonsten einen weiten Bogen um Musik machen ließen, aber diese Stücke finde ich  wirklich faszinierend. Es gibt noch mehr Platten von ihm, in denen er jeweils zehn Lieder/Geschichten zu einem Thema bündelt. Die Videos beinhalten dann quasi einen Kommentar des Autors zum Lied. Ich verlinke mal "Arthur is at a shiva", aber kann auch die anderen Lieder empfehlen. Eigentlich meine liebste Kategorie von Musik: die mich zuerst nervt, bei der ich aber nach etwas Durchhalten etwas neues lerne.



Am Schluss noch ein Lebenszeichen von Skinny Lister, die über eine unangenehme Begegnung mit der bayerischen Polizei berichten (da hatte ich auch genug davon). Im nächsten Jahr sind sie wieder in Berlin und ich werde auch da sein. Mann, fehlen mir Livekonzerte. 




Dienstag, 8. Juni 2021

Was Altes, was Neues, was Wiedergefundenes

 Auf welche Musik bin ich in den letzten Wochen so gestoßen.

Auf Twitter gab es einen Hinweis auf Sir Victor Uwaifo, von dem ich noch nie gehört hatte. Ein nigerianischer Musiker, der wohl seit den 60ern sehr erfolgreich ist. Die Musik wurde als der richtige Soundtrack für heiße Tage beschrieben, und sie ist tatsächlich sehr entspannt. 

Ein Weiteres afrikanisches Stück, allerdings recht aktuell ist von Barbara Wangui. Ich mag ja den akustischen Soul von Billy Black, der wie Barbara Wangui aus Kenia kommt. Wangui ist noch ein bisschen ruhiger, gefällt mir aber auch sehr gut. 


Ganz neu und gar nicht ruhig ist das neue Stück der verehrten Josienne Clarke. Genremäßig ist sie ja eher Chamäleon, auch wenn ihre Wurzeln im Folk liegen. Hier hat sie ihren Frust über das Musikbiz in ein Powerrock-Stück gegossen, und sie macht das sehr gut. Ich freue mich schon auf das Album, das im August kommt. 

Schließlich ein Stück, das mir seit Jahrzehnten im Kopf rumgeht, das ich aber nicht mehr finden konnte. Irgendein Rembetika mit Sängerin, der Refrain bestand aus der Wiederholung eines Worts. Ich habe mich durch meine verschiedenen CDs gehört, nirgends ein Treffer. Dabei hatte ich die Melodie deutlich im Kopf. Vor ein paar Tage empfiehlt mir der Spotify-Algorithmus ein Lied: und siehe da, das war es. Palamakia von Marika Ninou. Mir wurde dann auch klar, warum ich das Lied nirgendwo gefunden hatte. Das ist Nachkriegs-Rembetika, den ich eher nicht auf CD habe. 1996 hat mir aber ein griechischer Studienkollege eine Cassette aufgenommen, auf der das Lied auch drauf war. 

Schönes Lied.




Mittwoch, 2. Juni 2021

Ganz Wien ist den Göttern egal

 Mal wieder etwas neue Musik, diesmal nur neu entdeckte, vielleicht kennt Ihr das alles schon. Zweimal Algorithmus-Funde, wenn man viel österreichische Musik hört, kriegt man auf Spotify und Youtube einfach noch mehr österreichische Musik reingespült. Manchmal ist das spannend. 

Zuerst "Ganz Wien"; ich hatte keine Ahnung, dass das eigentlich ein Falco-Lied ist, obwohl es einen thematisch ja nicht wundert. Hier ganz ohne Achtziger-Kram als sparsamer wunderbarer Drogenblues von Ernst Molden und dem Nino aus Wien. Molden anzuhören ist ohnehin nie eine schlechte Idee. 

Das nächste Lied hatte ich dann einmal angehört, gleich wieder vergessen, für meinen Geschmack eher zu gefällig. Einige Wochen später ging mir dann der Refrain im Kopf rum und ich hatte noch Glück, dass ich mich erinnerte, woher eigentlich dieser Text- und Melodiefetzen kam. Seitdem immer wieder mal gehört und das Lied hat wirklich Ohrwurmqualitäten. Die Anfangszeile "Ich hab keine Hand frei, aber tausende Ideen" geht auch ok mit mir. Die Band Garish gibt es wohl schon lang, das Lied ist auch schon von 2017, ist (wie so vieles) vollkommen an mir vorbei gegangen. Hört es euch an, denkt euch, na so toll ist das auch nicht, und wundert euch dann in ein paar Wochen, was ihr da vor euch her summt. 




Donnerstag, 29. April 2021

Zusammenleben, gläserne Herzen und erzähl mir nix, was ich eh schon weiß

Ein trauriger Wochenbeginn: Milva ist gestorben. Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich die letzten vier Jahrzehnte viel Milva gehört habe, aber als Zehnjähriger war ich in Milva verliebt. Wenn ich mir ihre damaligen Fernsehauftritte so ansehe, bekomme ich auch eine Vorstellung, warum. 


(Das Lied habe ich auch schon Jahrzehnte nicht mehr gehört, es taucht aber regelmäßig in meinem Kopf auf, in dem sowieso die Liedschnipsel aus den letzten fünf Jahrzehnten durcheinander wirbeln, ohne dass ich da viel machen könnte.)

Im gleichen Jahr verguckte ich mich auch in Debbie Harry, ich hatte Fieber, meine Eltern waren irgendwohin unterwegs und ich durfte am Abend auf dem Sofa liegen und Fernsehen gucken, bis sie wieder kamen. Ich schaute mir Disco mit Ilja Richter an und da kam folgendes Lied.

Nach diesen alten Kamellen auch noch ein bisschen neue Musik. Celeste ist anscheinend sehr erfolgreich, man fühlt sich teilweise an Amy Winehouse erinnert. Kann man sich gut anhören, ist gut und intelligent gemacht.

 

 (Wer eher die klassische Soul-Ballade hören will, sollte hier reinhören.)

 

Samstag, 10. April 2021

Ich stieg in ein neues Boot

Ein Lied aus den Zwanziger-Jahren des letzten Jahrhunderts, eines der griechischen Fischerboot-Liedern. Das einfache Video der Schwestern Fergadioti erweckt Fernweh, das Licht in dem Laub der Bäume, ein sanfter Wind. Im Lied wird erzählt wie einer in ein Fischerboot steigt und dann dreht sich die Unterhaltung im Wesentlichen um die gefangenen Fische und Kalamari. 


Das Video, 2019 erstellt, hat inzwischen fast eine Million Aufrufe. Was sehr schön ist: In den Kommentaren freuen sich Menschen aus allen möglichen Mittelmeeranrainerstaaten, Türkei, Griechenland gemeinsam über die Musik.

Mittwoch, 7. April 2021

Das Glaubensbekenntnis der Grille

Des Öfteren war hier schon von Julii Sharp die Rede. Als man noch auf Konzerte gehen konnte, sah ich sie zusammen mit Kieran Thorpe. Zarter, ruhiger Folk. Seitdem warte ich darauf, dass es irgendwelche offiziellen Veröffentlichungen von beiden gibt, aber man wird nur auf YouTube fündig. Den gemeinsamen Mean old Blues sehe ich mir regelmäßig an, er leitet eine Reihe von schönen Videos von Thorpe ein.

Sharp hat letztes Jahr Liveaufnahmen von einigen Liedern gefilmt, die ich mir auch gerne ansehe. Thorpe darf dort Backgroundsänger sein.

Inzwischen gibt es auch zwei Aufnahmen, die Teil einer EP mit Coverversionen sein sollen. Cricket‘s creed mag ich sehr gerne und hoffe, dass es auch die EP irgendwann gibt.



Samstag, 3. April 2021

Due Laternenpfähle - eine Spurensuche

 (Ich bin für diesen Beitrag Pixelroiber zu Dank verpflichtet, der mich auf wesentliche Bilddokumente aufmerksam gemacht hat.)

Die Geschichte des deutschen Punk/New Waves ist inzwischen gut erforscht und dokumentiert; nach "Verschwende deine Jugend" erwachte neues Interesse, so dass jetzt auch wieder fast vergessene Pioniere wie Minus Delta t, die Tödliche Doris oder Malaria bekannt sind und in ihrer Bedeutung verstanden werden. Anders ging es dem Paderborner Elektroduo "Due Laternenpfähle", die knapp davor waren, ähnlichen Einfluss auf die deutsche Elektroszene zu nehmen wie z.B. DAF, deren Karriere allerdings durch unglückliche Umstände und künstlerische Fehlentscheidungen nie wirklich begann. 

1978 trafen sich Federico Milano und Friedrich Brieselang in der gymnasialen Oberstufe des Pelizaeus Gymnasiums Paderborn. Brieselang hatte eigentlich eine klassische Klavierausbildung, hörte aber schon damals gerne The Residents. Milano hingegen war überzeugter Elektrobastler. Irgendwann brachte Brieselang die erste Pyrolator-LP "Inland" mit, die bei beiden die Überzeugung weckte, dass auch sie ein Synthesizer-Projekt starten sollten. Der ursprünglich geplante Name "The Sexbombs" konnte nicht verwirklicht werden, da sie ihren ersten Auftritt beim Oberstufenfest der Schule haben sollten. Der Name "Due Laternenpfähle" kam dann zustande, weil in einer Kritik des ersten Auftritts in der Schülerzeitung Pelexikon stand, die beiden stünden herum wie zwei Laternenpfähle. Mit dem "due" wurde gleichzeitig der deutsch-italienische Charakter des Duos markiert. Brieselang erinnert sich, dass das größte Problem die Isoliertheit der Paderborner Szene war. "Vulture Culture und die anderen Bands kamen dann erst in den späten Achtzigern. Anfang der Achtziger standen Federico und ich schon ziemlich alleine da." Man orientierte sich - wie fast alle damals - an der Düsseldorfer Szene. "Wir waren natürlich elektrisiert von dem, was DAF machten. Das wollten wir auch." Tatsächlich konnten sich Due Laternenpfähle einen Platz bei dem Geräusche für die Achtziger-Festival in der Markthalle Hamburg sichern. Der Labelbetreiber Hollow Skai aus Hannover wurde auf die beiden aufmerksam. Der Auftritt endete aber im Desaster. "Wir hätten nach Minus Delta t  spielen sollen. Aber unsere gesamte Ausrüstung wurde schon vorher - mit oder ohne Absicht, wir wissen es nicht - demoliert. Da wir unsere Sequencer brauchten, fuhren wir zurück, ohne einen Ton gespielt zu haben. Und mussten dann sehen, woher wir neue Ausrüstung kriegten." Um die Musik zu finanzieren, begann Brieselang eine Banklehre. 1981 nahmen die beiden für ihr eigenes Paderbang-Label die Mini-LP "Recinzione del cimitero" auf. Leider war die Aufnahmequalität nicht sonderlich gut. In einigen Berliner Clubs, wie z.B. dem Dschungel, wurde die LP aber gut aufgenommen, Paderbang verfügte allerdings über keinen Vertrieb, der die Platten auch in die Läden bringen hätte können. Federico erinnert sich. "Brieselang hatte noch Jahre danach diese ganzen Platten im Schlafzimmer stehen, wir haben fast keine verkauft. Jetzt wären die ziemlich wertvoll, aber ich glaube, Brieselangs Eltern haben sie zum Recyclinghof gebracht, als er endlich auszog."

 

Im Rückblick war es auch keine gute Entscheidung, auf italienisch aufzunehmen. "Damit haben wir uns aus dem ganzen NDW-Geschäft rausgekickt. Eine Zeitlang haben die Labels alles gesignt, was einen deutschen Namen hat, aber wir waren natürlich draußen", sagt Brieselang. Milano hatte zwar Verbindungen zum italienischen Untergrund-Radio wie Controradio in Florenz. "Die waren aber total links und Brieselang hatte damals schon seine Preußischer-Offiziers-Phase. Die haben sich das angesehen und sofort abgewinkt." Die Laternenpfähle erspielen sich jedoch in den nächsten Jahren eine kleine, aber treue Anhängerschaft in Westfalen. Neben ihrem schonunglosen Elektrosound müssen sie allerdings auch verschiedene Coverversionen ins Repertoire aufnehmen, um an die lukrativen Hochzeits-Auftritte zu kommen. Künstlerisch sind sie am Ende. 

Ende der Achtziger bekommen sie noch einmal ein Angebot - sogar von einem Majorlabel. Elektronische Musik wird wieder interessant - gerade auch, wenn die Texte nicht deutsch sind. Die Laternenpfähle nehmen noch einmal eine Single auf, die man auch als Kommentar auf das Musikbusiness verstehen kann: Tutti Pazzi. Die Plattenfirma besteht darauf, dass sich die Band nun "Due Laternenphäle" nennt, "weil das phetter klänge". Sie verpflichten auch noch eine Sängerin und einen Tänzer. Doch noch bevor ein Video gedreht werden kann, steigt Brieselang aus, weil er das Angebot für die Filialleitung der Sparkasse in Bad Lipspringe bekommt. "Die Single kam nie heraus. Ein paar Monate später kam dann Off mit Electrica Salsa. Das hätten alles wir einsammeln können."

Milano hat in den späten 90ern einige kleinere Technohits und arbeitet weiterhin als DJ. Eine Reunion will er nicht ausschließen: "Wir haben es versäumt, den Leuten zu zeigen, was wir drauf haben. Vielleicht ist die Musikwelt jetzt bereit für uns?"


Freitag, 2. April 2021

Drei Frauen und ein störrischer Esel

Nicht viel Neues gehört die letzten Wochen, allerdings im Internet auf dieses Video des Trio Mandili gestoßen. Störrische Esel mag ich ja ohnehin, der mehrstimmige Gesang ist aber auch sehr schön. Die drei Frauen kommen aus Georgien und haben eine große Internetgefolgschaft. Man muss nicht lange zusehen und zuhören, um zu verstehen, warum das so ist 


Das Lied heißt Kakhuri, keine Ahnung, was das heißt, keine Ahnung, ob das traditionell ist. Das kleine Lied bringt einen jedenfalls zum Lächeln.

Samstag, 20. März 2021

Dunkle Cafes und Grusel, aber keine Sorge

Neue Woche, neue Musik. Wieder auf ein paar neue Lieder gestoßen, die mir gut gefallen. Zwei Debüts und ein Lied, das fast so alt ist wie ich, das ich aber bislang nicht kannte. 

Die Liste ist wieder etwas folklastig, das hat auch damit zu tun, dass ich in diesem Bereich ein paar Leuten folge, die gerne auf andere Künstler hinweisen. (Für mehr Indie-/Punkinput muss ich wohl wieder auf Konzerte warten; da muss ich die Sachen live sehen.) Genremäßig bin ich ja relativ wahllos, mag aber immer den Do-it-Yourself-Geist, schätze eine gute Skizze mehr als ein mittelmäßiges Bild und kann Technik und Kunstfertigkeit nur ertragen, wenn sie mehr ist als bloße Leistungsschau.


Renée Reed, Neboj

Renée Reed kommt aus Louisiana und aus einer Familie, die eng mit der Cajun-Musiktradition verbunden war. In ein paar Tagen erscheint ihr Debut-Album Out loud. Die Musik hat auch ein paar Indie-Anklänge, insbesondere beim Gesang, gefällt mir sehr gut. Für den Titel des Liedes finde ich nur eine tschechische Referenz, neboj, keine Sorge. Das Album gibt es bei Bandcamp zum Runterladen.

Jesse Monk, Dark Café

Jesse Monk ist eine Australierin, die jetzt aber in Berlin lebt. Here, now ist ihr Debut. Sie kommt wohl eher aus der Joni-Mitchell-Folk-Tradition, mit der ich meistens wenig anfangen kann, hier gefällt es mir aber gut. Tolle Stimme, freue mich darauf, Jesse Monk irgendwann live zu sehen und dann vielleicht nach und nach noch mehr von der Berliner Folkszene mitzubekommen. Die EP gibt es für wenig Geld bei Bandcamp zum Runterladen.

Dusty Springfield, Spooky

Dusty Springfield kannte ich eigentlich nur von "Son of a preacher man" und ein paar späteren Stücken, irgendwann tauchte dann mal dieses extrem stylishe Soulstückchen von 1970 in meiner Playlist auf. Ist vor Jahren wohl schon für Filmmusik und Bierwerbung verwendet worden, so dass es wahrscheinlich den meisten bekannt ist; für mich eine Neuentdeckung, die gute Laune macht.



 

Samstag, 13. März 2021

Feen, Schmerz und Powidl

Ich grabe ja gerne durch Musikarchive und höre mir alte Sachen an, man darf aber nie vergessen, dass es auch viele neue und vor allem auch viele neue gute Musik gibt. Früher habe ich meine Neuentdeckungen meist auf Konzerten gemacht, das wird leider auf absehbare Zeit nicht mehr funktionieren. Inzwischen stoße ich über Twitter immer wieder mal auf interessante Dinge. So zum Beispiel auf diese hier, neue Musik von Frauen aus drei Ländern:


Magdalena Spinka - Powidl (Powidl ist das österreichische Wort für Pflaumenmus)

Was für ein Lied! Da steckt eine Geschichte, wahrscheinlich ein Roman drin, die man sich selbst bebildern kann, mit Szenen aus alten Lieblingsfilmen, auch wenn die Sprache des Texts neu und überraschend ist. Das erste Mal, dass ich "Mund-Nasen-Schutz" in einem Liedtext höre. Das ist eines dieser Lieder, bei denen einen beim ersten Hören einige Stellen deutlich stören, bei den nächsten Durchgängen sind das aber gerade die Stellen, die man besonders gerne hört.

Auf einer Spotify-Playlist, die die verehrte Josienne Clarke auf Twitter geteilt hat, habe ich die folgenden Lieder entdeckt:

 

Edel Meade - Song for Bridget Cleary

Eine düstere a cappella Folk Ballade, über einen Frauenmord in Irland 1895 (ich muss zugeben, ich hätte dann doch lieber nicht den Hintergrund dazu nachgelesen). Tolle Stimme, Edel Meade ist schon länger (und vielfältig) musikalisch unterwegs, werde ich mal genauer reinhören.

 

Arlo Parks - Hurt

Arlo Parks ist, wie ich festgestellt habe, mit ihrem Album Collapsed in Sunbeams sogar in den deutschen Charts vertreten. Frischer Indiepop, der mir beim Hören Spaß macht.


Samstag, 27. Februar 2021

42 wilde Weiber aus Dahomey. Eine Spurensuche

Auf Twitter gab es letztens einen kleinen Film zu sehen, eine etwa halbminütige Szene aus der Friedrichstraße im Jahr 1896, in Farbe. Man sieht die Pferdegespanne, eine Art Bus, bei dem die Passagiere auch auf dem Dach der Kutsche sitzen, Elegante Passanten und Passantinnen mit Sonnenschirmen überqueren die Straße. Zwei der Gebäude haben Reklameschilder, Castan's Panopticum sowie das Passagen-Panopticum gleich daneben. Die Szene spielt also an der Ecke zur Behrensstraße, eine Querstraße von Unter den Linden entfernt. Wenn man vor der Behrensstraße Richtung Bahnhof Friedrichstraße sieht, würde man heute das Westin Grand-Hotel sehen, wo damals das Passagen-Panopticum war. Das Passagen-Panopticum hat zwei große Reklameschilder, auf denen "42 wilde Weiber aus Dahomey" angekündigt werden. Das Publikum wusste offenbar, was dabei zu erwarten sei, und offenbar war sich auch das Panopticum sicher, dass es sich um einen Publikumsrenner handeln würde. Die erste Zeitungswerbung für die Darbietung findet sich am 9. Juni 1896, Ende Oktober 1896 wurde dann die "letzte Woche" annonciert. (Castan's Panopticum hatte zu diesem Zeitpunkt schon "Die wunderbaren indischen Pygmäen" und "Ur-Australier (Kannibalen)" im Angebot.)



Was hatte es mit den Dahomey auf sich, was erwartete das Publikum im Panopticum und was erwartete das Publikum vom Panopticum? Wenn man sich durch alte Zeitungen liest, bekommt man eine Vorstellung davon, wenn auch keine, die ein gutes Licht auf die Stadt wirft. 

Das Passagen-Panopticum lag in der sogenannten Kaisergalerie, die im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurde. Es handelte sich um eine Ladenstraße in einem dreigeschossigen Gebäudekomplex, die über 130m von Unter den Linden bis zur Behrensstraße ging. Man könnte darin einen Vorgänger der heutigen Shopping-Malls sehen. Hans Ostwald beschreibt in seinem 1904 erschienenen Buch "Dunkle Winkel" das Publikum der Passagen; Geldgeschäfte am Tag, Kontakthof in der Nacht. 

"So bunt wie die Wände und wie die Auslagen der Schaufenster, so bunt ist das Menschengewimmel. Familien aus der Provinz. Stumm vor Staunen; mit Geldtäschen über den altmodischen Mänteln, Reisehüten, den Führer durch Berlin aufgeschlagen in den Händen. Berliner aus dem Osten, die Verwandten von außerhalb Berlins Sehenswürdigkeiten zeigen wollen. Sie sehen in ihrer Arbeiterkleidung nicht viel anders aus als ihre Verwandten. Nur ihr bleiches Gesicht, ihr sicherer Großstadtblick unterscheidet sie. Und doch sind auch sie hier fremd, auch sie schauen sich verwundert um sich und bewegen sich ein wenig linkisch in diesem Gewirr eleganter Herren und Damen. Und wundern sich, dass jene feine Dame, die dort vor den Bijouterien stand, einem Kopfnicken eines Herrn folgt, der in Lackstiefeln, neuen Handschuhen und langem Mantel steckt und auf dem frisierten Kopf einen Cylinderhut trägt.... Und drüben, das stattliche Geschöpf mit den prachtvollen Spitzenunterröcken und den feinen Stiefeln - warum die ihre Unterwäsche zeigt?..."

Keine schlechte Umgebung und kein schlechtes Publikum für ein Panopticum also.

Panoptiken waren, bevor sich der Film durchsetzen konnte, beliebt, weil sie das Sensationsbedürfnis der Menschen bedienten. Teils waren sie Wachsfigurenkabinette, teils Wunderkammern, die das Publikum mit exotischen Exponaten lockten. Bei den Berliner Panoptiken gehörte es aber schon bald dazu, dass man auch fremde Menschen ausstellte.  Die Berichterstattung (selbst in der sozialdemokratischen Presse) darüber ist wie über exotische Exponate oder Tiere, die ausgestellten Menschen sind Exponate und werden nicht als Menschen wahrgenommen. Aus Marketinggründen werden auch regelmäßig Menschenfresser angekündigt; das Publikum will etwas sehen für sein Geld. Wenn man sich die alten Zeitungen ansieht, stellt man fest, dass die Wilden Weiber von Dahomey regelmäßige Gäste im Panoptikum waren, schon 1891 gab es eine entsprechende Vorstellung. 

Dahomey war ein im 17. Jahrhundert gegründetes Königreich, das im Gebiet des heutigen Nigeria, Ghana und Benin lag. Die Hauptstadt war die Stadt Abomey, die heute im Benin liegt. 1885 wurde es portugiesisches Protektorat, 1892 fiel es an die Franzosen. (Die Republik Dahomey war dann 1958 ein Vorläuferstaat von Benin.) Warum war dieses Königreich den Berlinern des späten 19. Jahrhunderts ein Begriff? (Wenn man in alten Quellen nach afrikanischen Themen recherchiert, wird man überschwemmt von offenem und stolzem Rassismus. Ich habe bei den folgenden Direktzitaten noch die verträglichsten herausgesucht, wenn diese sich noch einigermaßen harmlos lesen, bedeutet das nicht, dass nicht schon zwei Zeilen weiter unsägliches stand.)

Das Meyer'sche Konversationslexikon von 1852 führt folgendes aus:

"Einzig in der Welt steht das Heerwesen der Dahomeys da, was das Alterthum und das Mittelalter von den Amazonen sich erzählen, wird in Dahomey übertroffen. Von den 12000 Soldaten, aus denen die Aremee auf dem Friedensfuße besteht, sind 5000 Weiber. Sittenlosigkeit entsteht durch diese Vermischung der Geschlechter keineswegs. Thatendurst, Ergeiz und Blutdurst verdrängen bei den weiblichen Soldaten jedes zartere Gefühl, "wir sind Männer, keine Weiber" sagen sie. Namentlich in geschlechtlicher Beziehung erlauben sie sich keine Schwäche, wozu der Aberglaube viel beitragen mag dass jedes fleischliches Vergehen durch eine nie ausbeleibende Schwangerschaft der ganzen Welt offenkundig werden würde.  Die Weiber sind die Elite der Armee und entscheiden oft die Schlachten."

Spätere Berichte, die - wie damals üblich - eine Zeitung von der anderen abschrieb, ziehen diese Sittenstrenge eher in Zweifel. Zwei Dinge ziehen sich aber durch alle Artikel: Das Erstaunen, dass die Frauen den Vorrang vor den Männern haben und dass alle Frauen im Königreich Frauen des Königs seien. Die Gefährlichkeit des "Amazonen-Regiments" wurde auch in den Militärzeitungen anerkannt. Wie populär die Erzählungen von dem König von Dahomey gewesen sein muss, zeigt sich auch daran, dass 1873 der Wiener Akademische Gesangsverein einen studentischen Abend veranstaltete, bei dem ein Stück aufgeführt wurde, in dem dieser König und Dahomey eine größere Rolle spielten. 

Dazu mag auch beigetragen haben, dass auch G.W.F. Hegel in seinen "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" Erstaunliches über Dahomey zu berichten hat. 

"Wenn der König stirbt in Dahomey, so sind gleich die Bande der Gesellschaft zerrissen; in seinem Palaste fängt die allgemeine Zerstörung und Auflösung an: sämtliche Weiber des Königs (in Dahomey ist ihre bestimmte Zahl 3333) werden ermordet, und in der ganzen Stadt beginnt nun eine allgemeine Plünderung und ein durchgängiges Gemetzel. Die Weiber des Königs sehen in diesem ihrem Tode eine Notwendigkeit, denn sie gehen geschmückt zu diesem."  

(Anzeige aus dem Vorwärts vom 09.06.1896.)

Wir bekommen eine Vorstellung, warum 1896 "42 wilde Weiber aus Dahomey" eine Attraktion gewesen sein müssen - Matriarchat! Amazonen! Vielweiberei!* Zu diesem Zeitpunkt gab es aber auch noch eine andere Konnotation. Das Deutsche Reich hatte für seine Polizeitruppen in Kamerun in Dahomey auch Sklavinnen und Sklaven angekauft, da diese als günstiger als Söldner angesehen wurde. Die Sklavinnen und Sklaven sollten fünf Jahre ohne Arbeitslohn arbeiten und danach im Kamerun bleiben können. Der deutsche Kanzler Leist missbrauchte wiederholt die Frauen und ließ 1893 zwanzig von ihnen wegen Arbeitsverweigerung mit der Nilpferdpeitsche auspeitschen. Daraufhin folgte der sogenannte Dahomey-Aufstand der Polizeitruppen, der nur durch das deutsche Kanonenboot Hyäne niedergeschlagen werden konnte. Leist wurde in Deutschland der Prozess gemacht, das Urteil fiel allerdings milde aus.**

Nach diesem kurzen und unsystematischen Stöbern in alten Zeitungen sehen wir die prachtvolle Straßenszene mit anderen Augen. Wie bei allem in Berlin gibt es keine unschuldigen Geschichten. Aber man muss die Vergangenheit kennen und sich ihr stellen. Wenn ich mir ansehe, was gerade mit dem Stadtschloss geschieht, habe ich aber nicht den Eindruck, dass das geschieht.

 

 

*Dem englischen Wikipedia-Eintrag entnehme ich, dass die Leibgarde des Superhelden Black Panther der Marvel Comics den Dahomey-Amazonen nachempfunden sei. 

**Einen Verteidiger fand Leist in dem Publizisten Maximilian Harden. "Ein junger Mensch, dem in einem Fieberloch, wo die nächste Stunde ihn stets mit dem Tode bedroht, durch die strafbare Unklugheit seiner Vorgesetzten der Rang eines selbstherrlichen Desposten eingeräumt wird, dem ein drückend schwüles Klima die darbenden Sinne erhitzt, der mit einem Haufen wilder Bestien und bösartiger Kinder hausen muss, um an bescheidener Stelle das Leben fürs Vaterland zu wagen - ein solcher Mensch hat, mag er noch so schwer gefehlt haben, Anspruch auf nachsichtige Beurteilung." [Hier stand zunächst ein anderes, drastischeres Zitat, das allerdings nicht von Harden, sondern von einem Autor der Zeitschrift "Die Kritik" war.]