"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Mittwoch, 30. Januar 2019

Und du weißt.. du bist am Leben...

Selten genug, dass ich neue Musik über das Radio kennen gelernt habe (außer vor drei Jahrzehnten, als ich noch Schweizer DRS 3 und den Zündfunk auf Bayern 2 hörte). Vor einiger Zeit hörte ich allerdings das folgende Lied im Autoradio, das mir sehr gut gefiel.

Frau Bassenge ist eine Berliner Jazzsängerin, deren sonstiges Wirken ich nicht kenne. In diesem Lied schafft sie es aber, dieses Gefühl, das man vor allem in der Jugend hat, sich seines Lebendigseins durch Exzesse zu versichern, schön einzufangen. Ich pflege das heutzutage eigentlich nur noch dadurch, dass ich auch bei größter Kälte meine Jacke nicht zumache und an dem angenehm stechenden Schmerz auf dem Weg zur Arbeit feststelle, dass ich wohl noch nicht tot bin.

Lass die Schweinehunde heulen...

Donnerstag, 24. Januar 2019

Verbrechen auf Schallplatte (5)

Den Post, den ich eigentlich hier schreiben will, kriege ich aus verschiedenen Gründen noch nicht zusammen. Grund genug, einmal wieder diese alte Reihe aufzugreifen. Unmittelbarer Anlass war ein Lied, das mir der gute Torsten von der Bördebehörde auf seinem Sampler "Das herbstliche Herbstfest der Herbstmusik" zukommen hat lassen. Ich habe die Vermutung, dass Torstens Hörgewohnheiten noch ein bisschen breitgestreuter sind als meine.

Man muss wohl recht alt sein, wenn man Vivi Bach noch aus ihrer aktiven Zeit kennt. sie war Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und auch Sängerin. Viele Lieder waren Duette mit ihrem Ehemann Dietmar Schönherr. In den späten 60ern, wo allerhand unbegreifliche Dinge in der deutschen Schlagerwelt geschahen, nahmen sie folgendes Lied auf (die Beschreibung des Youtube-Videos unterschlägt Frau Bach einfach, aber wir hören sie ja):




Ich habe keine Ahnung, wo Torsten das ausgegraben hat. Ich finde das schon sehr hart. Das frühere Solo-Werk von Vivi Bach ist dann schon eher harmloser 60er-Jahre-Kram, allerdings durchsetzt von Liedern wie diesem hier:



Wenn das nicht creepy ist, weiß ich auch nicht.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Auf Wiedersehen, Europa!

Auf dieses Lied bin ich tatsächlich in einem Podcast zum Brexit gestoßen, tatsächlich passt es aber wohl besser zu uns als zu den Briten. Das eher träge, gelangweilte "Ach tschüss, Europa, hat ja nie so richtig geklappt zwischen uns..." spiegelt kaum das britische Sentiment wieder, hier bräuchte man eher etwas, das vor Wut überschäumt, ob der vermeintlichen Kränkungen und Demütigungen, die die Briten meinen durch Europa erlitten zu haben. Mir ist allerdings nicht bekannt, ob es ein entsprechendes brachiales Brexitlied gibt (die Dinge, die ich zu Ohren bekommen habe, sind ja eher ein bisschen gruselig, aus anderen Gründen).

Amber Arcades, die, wenn ich mich richtig erinnere, Niederländerin ist, singt von der schleichenden Entfremdung der progressiven Jugend von Europa. Das schlurfige Lied fasst es ganz gut zusammen, man findet die Entwicklung nicht gut, aber was soll man schon machen, es ist halt so. Für Errungenschaften zu kämpfen ist auch ein bisschen anstrengend und außerdem sind ja auch alle politischen Kräfte irgendwie unsympathisch.  

Ich mag das Lied, aber ich erkenne den Vibe, den es transportiert, nur zu gut und das macht mir Angst. Dazu passt, dass die politischen Entwicklungen inzwischen von vielen nur noch als Spektakel mit Unterhaltungswert angesehen werden; sehr deutlich bei den verschiedenen deutschen Kommentaren zum Brexit zu merken. Das ist etwa so, als würde man fasziniert zusehen, wie dem Nachbarn direkt neben einem das Haus niederbrennt und nicht darauf achten, wohin der Wind weht. Ich fürchte, wir werden bald genug feststellen, dass der Wind in unsere Richtung weht.





Dienstag, 15. Januar 2019

Die Filme der Sechziger Jahre sind überbewertet

Ich bin ja (schon aus Altersgründen) erst mit der zweiten Welle des Punks sozialisiert worden. Anfang der Achtziger hatten sich die ursprünglichen Bands entweder schon aufgelöst oder waren musikalisch in ganz anderen Bereichen gelandet. Die breite verwirrende Welt des Postpunks mündete dann in verschiedene Achtziger-Scheußlichkeiten, in Deutschland in die neue deutsche Welle. Die zweite Punk-Welle reduzierte die ganze Geschichte auf eine bestimmte Art von Musik, Gitarren, laut, hart, sofort wieder erkennbar. Die wunderbare Vielfalt des Anfangs verschwand und machte vielen recht austauschbaren Bands Platz.

Trotzdem gab es auch damals ein paar ganz interessante Sachen. Ich habe mir in letzter Zeit wieder ein paar Bands angehört, die ich mit 13, 14 gut fand und dann komplett vergessen habe. Dazu gehören auch die Londoner Action Pact, die Anfang der Achtziger zwei LPs hatten. M., ein Freund, hatte eine davon, und wir haben sie oft gehört. Die LP hatte auch ein Textblatt, so dass man zumindest theoretisch herausfinden konnte, um was es in den Liedern gehen sollte. Allerdings stieß man damals schnell an die Grenzen: Einziges Hilfsmittel war damals das Langenscheidt-Wörterbuch, das einem bei vielen Dingen im Stich ließ. Ich musste jetzt sehr lachen, als ich (mit Jahrzehnten Verspätung) zum ersten Mal kapiert habe, worum es in dem Lied "Sixties flix" ging. Wenn es keine Möglichkeit gab, festzustellen, dass Flix einfach "Filme" bedeutet, half auch die größte Anstrengung nicht, irgendeinen Sinn in den Text zu kriegen.Was haben wir gegrübelt!

Auch wenn Action Pact also die Filme der Sechziger für überbewertet hielt, haben sie für ihre (schöne) Single "People" dann doch ein Bild aus einem solchen Film als Cover gewählt (bin ich der einzige, der es sofort zuordnen kann?).

Die musikalische Einengung ging allerdings auch mit einer klareren politischen Positionierung einher; Action Pact haben eines der netteren Lieder gegen Nazis gemacht, das mir in all den Jahren im Kopf geblieben ist:


Samstag, 12. Januar 2019

The Ballad of Geeshie and Elvie

Geeshie Wiley und Elvie Thomas waren mir bis vor ein paar Jahren kein Begriff. Dabei haben die zwei einige der Bluesplatten aufgenommen, die zu den seltensten überhaupt gehören (wahrscheinlich gibt es nur eine einstellige Anzahl der Originale). Bis vor kurzem wusste man auch nicht, wer die beiden waren oder woher sie kamen. In der (failing) New York Times gab es vor ein paar Jahren dazu einen langen Artikel (eigentlich schon ein längeres Buchkapitel) über die Suche nach den Spuren von Geeshie und Elvie. Wenn man ein bisschen Zeit hat, ist das eine sehr schöne Lektüre, bei der man nicht nur viel über die beiden Frauen lernt, sondern auch, wie in den zwanziger und dreißiger Jahren in den USA Platten aufgenommen wurden. Anscheinend wurden die Plattenfirmenmanager zunächst vollkommen überrascht, dass man mit schnellen Aufnahmen regionaler Größen vernünftig Geld machen konnte. Vor allem stellte man fest, dass es ein (begrenztes) Publikum für schwarze Künstler gab, das aber auch lukrative Aufnahmen ermöglichten. Die Talentscouts der Plattenfirmen hatten allerdings von Musik eher weniger Ahnung, sondern nahmen erst einmal alles mit. Das erklärt auch, warum die (Nischen-)Musik der zwanziger und dreißiger Jahre teilweise so merkwürdig ungehobelt und unsortiert klingt, ganz anders als die weitgehend langweiligen Jahre danach.








Dienstag, 8. Januar 2019

Codeine

Vollkommen zufällig bin ich letzthin auf Buffy Sainte Marie gestoßen. Dabei ist die Sängerin und Songwriterin indianischer Herkunft schon seit Anfang der 60er Jahre bekannt (u.a. stammt auch das Lied Universal Soldier, das Donovan bekannt gemacht hat, von ihr). Auf ihrer Website kann man lesen, dass sie auch jetzt noch Musik macht und dass sie in verschiedenster Art musikalisch und politisch aktiv war. Das folgende Stück, Cod'ine, ist wohl relativ bekannt, Janice Joplin und Hole haben es schon gecovert. Ich muss gestehen, dass ich es nicht kannte, obwohl es in verschiedener Hinsicht sehr gut zu meinen sonstigen musikalischen Vorlieben passt.

Aber das ist ja das schöne am Internet, das man inzwischen sehr nah an interessanten Neuentdeckungen ist, wenn man denn das Interesse hat, etwas Neues kennenzulernen.



Donnerstag, 3. Januar 2019

Wir sind die Auserwählten

Bei Avengers denkt man inzwischen wahrscheinlich an die ganzen Marvel-Filme, ältere Leuten fällt ein, dass "Mit Schirm, Charme und Melone" so im Original hieß. Es gab aber auch eine frühe und sehr gute amerikanische Punkband mit diesem Namen. Sängerin war Penelope Houston. Die Avengers eröffneten für die Sex Pistols auf deren US-Tour und schlugen sich mehr als gut.



(Die ganze erste LP ist sehr angenehm anzuhören. Die Avengers sind inzwischen auch immer wieder mal unterwegs; vor ein paar Jahren habe ich sie live gesehen, das war gut.)

Penelope Houston hat danach solo weitergemacht und einige LPs zwischen Folk und 60s-Rock aufgenommen. Die Musik ist nicht mehr ein direkter Schlag ins Gesicht wie es die Avengers waren, aber sehr subtil mit vielen Widerhaken.