"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Samstag, 28. April 2018

Mitgliederversammlung

Liebe Freunde der griechischen Dudelmusik, vielen Dank, dass Ihr heute zur Mitgliederversammlung erschienen seid. Wie Ihr wisst, sind es schwere Zeiten für unsere Organisation. Durch unglückliche Umstände wurde unser Mitgliederkreis halbiert. Lasst uns noch einmal das Glas heben und trinken und an den denken, der nicht mehr unter uns ist. Es wird niemals wieder so sein, wie es war.

Dazu lassen wir uns von Rita, Stella, Roza, Markos, Anestis, Kostas, Michalis, Odysseas und Sotiria noch einmal Geschichten von Drogen, Diebstahl, Bauchtanz, Liebe und Tod vorsingen. (Link zur Playlist).

(Am Grab sang Markos. Ruhe sanft, großer Bruder. Du fehlst mir so.)






Mittwoch, 28. März 2018

Dienstag, 27. März 2018

In den Bergen bei Pendeli


In den Bergen bei Pendeli gehe ich unter den Pinien
Ich suche den Tod, aber er ist ein Fremder.

In der Dämmerung treffe ich ihn schließlich in den Bergen bei Pendeli
und ich sage mit Schmerzen:

"Verschone mich, Tod, lass mich noch etwas leben. Ich habe eine Frau
und Kinder und ich kann sie nicht verlassen."

Er sieht mich an und lächelt, als wollte er mich gehen lassen.
Dann sagt er laut: "Ich nehme dich, ich verschone dich nicht."

Sonntag, 25. März 2018

I'm alone

Ich hab's vor dreißig Jahren geschrieben, er hat's vor dreißig Jahren gesungen, und heute ist es so.



Sonntag, 18. März 2018

Korrekter Stadionrock

F. hat mich zu dem Feine Sahne Fischfilet-Konzert mitgenommen. Ich habe über die Band bislang nur gelesen, Deutschpunk vertrage ich ja normalerweise nur, wenn er älter als 20 Jahre ist. Aber warum nicht, es ist ja immer gut, auch mal neue Dinge zu hören und nicht nur in Konzerte zu gehen, in denen man selbst zum jüngeren Publikum gehört.

Durch den eiskalten Abend gehen wir zur Columbiahalle, hunderte von Leuten stehen davor. Wir haben kurz Sorge, dass noch gar kein Einlass ist, stellen aber fest, dass der Eingang schon offen ist, allerdings ein Großteil der Konzertbesucher sich noch vor dem Konzert noch ein paar Flaschen Bier oder eine Flasche Schnaps einzukippen. Vorteil ist, dass wir noch einen relativ günstigen Platz in der ausverkauften Columbiahalle finden. Ich bin etwas feige und platziere mich hinter den Soundleuten. War aber die richtige Entscheidung.

Als Vorband Not on tour aus Tel Aviv, Punk mit Sängerin. Hat mir sehr gut gefallen, vertrackte Liedchen, bei denen man die Songstruktur erst versteht, wenn sie vorbei sind, trotzdem schön melodisch und mit gutem Drive. Live hat mich das teilweise an die von mir schwer vermissten Life but how to live it erinnert, auf CD hört es sich eher an wie eine Hochgeschwindigkeitsversion von All. Sehr schön, im Mai kommen die wieder nach Berlin, werde mal sehen, dass ich wieder dabei bin. Ich habe mir auch die CD gekauft, 18 Lieder in 26 Minuten, ganz wie früher.

Feine Sahne Fischfilet lassen sich mit drei Liedern ankündigen, California über Alles von den Dead Kennedys, Halbstark in der Fassung der Toten Hosen und ein deutsches Hiphop-Stück, das ich (natürlich) nicht kannte. Das erste Stück klingt dann auch nach Toten Hosen, der komplette Saal ist in Aufruhr, jede Zeile wird von Anfang an mitgesungen, Bierbecher fliegen quer durch den Raum, der Sänger öffnet unentwegt Bierflaschen, trinkt kurz an, und gießt den Rest über das Publikum oder schmeißt die (Plastik-)flasche gleich weiter. Einerseits freue ich mich, dass ich einen Platz weiter hinten gewählt habe, andererseits habe ich das Gefühl, alle Sünden meiner Jugend büßen zu müssen. Die Toten Hosen habe ich nie gesehen. Als es mich interessiert hätte, war ich noch zu jung, als ich zu den Konzerten gehen hätte können, hat's mich nicht mehr interessiert. Ich glaube, dass die Hosen insgesamt wichtig sind, bitte allerdings darum, mir so etwas nicht anhören zu müssen.

Man kann mit einiger Berechtigung sagen, dass in einem Lied von Not on tour mehr musikalisch passiert als in einer halben Stunde Feine Sahne Fischfilet, aber dann würde man wohl das Wesentliche übersehen. Für das Publikum ist die Band ein großes Identifikationsobjekt, jeder kennt jeden Text auswendig, ich habe Leute gesehen, die bei den langsameren Liedern Tränen in den Augen hatten. Bei alles Sauf- und Krawallromantik ist die Botschaft der Band, Respekt voreinander zu haben. Ich finde es gut, dass es für die nach Alkohol und Krach dürstende Jugend eine Alternative zu den ganzen Rechtsrock-Bands gibt. Und ich finde es prima, dass diese Alternative dann auch noch aus Mecklenburg-Vorpommern kommt. Und auch wenn ich mit der Musik nicht wirklich viel anfangen konnte, ist die Band schon sympathisch und aufrecht. Ein Lied durften sogar der Vater und der kleine Bruder des Sängers singen.

Das Konzert uferte immer mehr aus, Leute sprangen von den Tribünen, ritten auf Aufblastieren über die Menge, ein großes Pfeffifass mit Trinkschläuchen wurde rumgereicht. Am Schluss tauchte noch jemand auf der Bühne auf, den ich bislang noch nie live gesehen habe und das eigentlich auch nicht wollte: Campino sang ein Lied mit. Die Band spielte dann noch ein paar Zugaben, bis sie selbst und das Publikum kaputt gespielt war.




Donnerstag, 8. März 2018

Robert Rotifer

Obwohl ich jetzt schon über zwei Jahrzehnte in Berlin wohne, habe ich es bislang nie ins Quasimodo, einen alten Jazz-Club im Westen, geschafft. (Wer übrigens meint, dass das grusligste Publikum auf Konzerten der angejahrten Punkbands zu finden sei, täuscht sich. Jazzclubs sind schlimmer. Lauter alte Männer, die sich modisch aufgegeben haben. Ich passe da sehr gut hin).

Letztes Jahr hatte ich schon Karten für Mike Watt, der dort spielte, aber da wurde ich leider krank. Gestern machte ich mich spät auf den Weg, weil Robert Rotifer dort ein Konzert spielte. Robert Rotifer ist Österreicher, der seit zwanzig Jahren im UK lebt. Ich schätze die Berichte von Rotifer zu Brexit-England, die immer wieder auf der fm4-Seite erscheinen (und als ich das hier schreibe, fällt mir auf, dass ich schon vor Jahren in der Berliner Zeitung immer seine kleinen Berichte aus England gelesen habe).

Eigentlich ist Robert Rotifer aber Musiker. Mit seiner Band hat er verschiedene Platten aufgenommen, die man vielleicht als kenntnisreichen, detailverliebten Britpop bezeichnen kann. Die letzte Platte ist aber anders: Sie enthält deutschsprachige Lieder zur akustischen Gitarre. Der Wechsel zum deutschen Gesang kommt nicht zufällig mit den neuen politischen Entwicklungen im UK. Rotifer begleitet sich mit flinkem und präzisem Fingerpicking. Ich konnte ihm beim Konzert auf die Hände sehen und war fasziniert, wie schnell sich Daumen und Zeigefinger über die Saiten bewegten und den filigranen Hintergrund zum Gesang bauten.

Ich hatte mir vor dem Konzert einige der Lieder schon angehört, der richtige Zugang hatte mir aber gefehlt. Die Texte sind politisch auf eine Weise, die sich nicht sofort erschließt. Sie haben eine Qualität einer nüchternen Klarheit, für die ich ansonsten kaum Beispiele finde. Im Konzert verstand ich dann, was ich vorher nur in Ansätzen erahnte. In den Liedern findet sich die Trauer über den Verlust von etwas, das man zuvor als eine sichere Errungenschaft gesehen hatte. Sie beschreiben den Alltag, während sich ringsherum das Unheil zusammen braut. In "Sie können schon" wird - anhand einer Beobachtung beim Sicherheitscheck am Flughafen beschrieben, wie schnell Dinge, von denen man denkt, "das können die nicht machen", "das lässt sich doch niemand gefallen" dann doch passieren. Ich habe an dem Abend besser verstanden, warum mich der Brexit so sehr beschäftigt. Meine Zeit im UK ist schon Jahrzehnte her, ich kenne auch nur noch wenige Leute dort, aber das UK war in meinen Gedanken immer ein sicherer Hafen der Vernunft, wenn es bei uns den Bach runtergehen sollte. Und nun haben die's schon vor uns geschafft. Vielleicht lässt sich, wenn man sich die Entwicklungen dort genau ansieht, lernen was zu tun ist, wenn um einen herum alle verrückt werden.


Die Texte beschreiben alltägliche Dinge, man kann sie wohl auch hören, ohne groß an Politik zu denken, sie weisen allerdings auf die großen Dinge. Sie sind wie kleine, harmlos scheinende parabelhafte Kurzgeschichten, die man zweimal hören, lesen muss. Dann bleiben aber die Refrains im Ohr hängen und kommen wieder, als hellsichtige Kommentierung von harmlos scheinenden Ereignissen.

(Die Platte von Robert Rotifer heißt "Über uns", allein zu dem Titel und dessen möglichen Bedeutungen könnte man ja einen kleinen Aufsatz schreiben.)