"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Sonntag, 1. Oktober 2017

Eine Schachtel voll Regen

Die Grateful Dead hatten sich Ende der Sechziger schon einen Ruf als psychedelische Band erarbeitet, mit LPs und Konzerten, die aus Endlosimprovisationen bestanden. 1970 gingen sie allerdings ins Studio für zwei Alben, die in eine ganz andere Richtung gehen sollten. Als erstes wurde "Workingman's Dead" veröffentlicht, danach "American Beauty". Die Aufnahmen waren stark von David Crosby beeinflusst, damals ein Nachbar von Dead-Gitarristen Jerry Garcia. Ähnlich wie die Byrds in "Sweetheart of the Rodeo" versuchten sich die Dead daran, die Redneck-Countrymusik für die Hippies zu retten (die Grateful Dead kamen ursprünglich auch aus dem Folk-Umfeld, so dass das musikalisch gar keine so große Umstellung war, kulturell allerdings schon). Robert Hunter, der Texter der Dead, berichtet, dass er zu dem Lied Cumberland Blues von einem Minenarbeiter angesprochen wurde, dass er nicht wissen wolle, was sich der ursprüngliche Komponist dieses Liedes denken würde, wenn er sein Werk von den Grateful Dead gespielt höre. Dem Mann war nicht klar, dass es sich um eine Originalkomposition der Band handelte.

Das Ergebnis enthielt schön instrumentierte Bluegrass- und Country-Lieder, mit Chorgesang, ohne Gitarren- oder sonstige Soli.  Das erste Lied der American Beauty, Box of Rain, ist eines meiner absoluten Lieblingslieder.

Wenn man über die Band liest, merkt man schnell, dass es sich nicht unbedingt um einfache oder angenehme Zeitgenossen handelte. Die Musik ist allerdings schon einzigartig.

Freitag, 29. September 2017

Ich ging im Netze so für mich hin und nichts zu suchen war mein Sinn

Gräßliche Funde der letzten Wochen. An eurer Stelle würde ich hier nicht weiterlesen.

Peter Parsons und sein Brexit-Song. Ich war so fasziniert, dass ich es mir zweimal ansehen musste. Wahrscheinlich vermittelt der Song tatsächlich das Brexit-Feeling: einem alten Sack im Union Jack-Anzug mit Fähnchen auf dem Hut zuhören wie er erzählt, dass alles prima wird.

(Auf einmal tauchen in meiner Empfehlungsliste eine ganze Reihe von Brexit-Songs auf; die hebe ich mir aber mal für schlechte Zeiten auf. Man darf die ganzen Knüller nicht auf einmal konsumieren.)


Ganz anders, aber auch schlimm: Der Heavy-Metal Bauer. Zwar eine nicht allzu gute Parodie, aber ich musste trotzdem lachen. "Meine Kühe muhen, wenn sie kacken." Natürlich, was sonst. Tractorrrrrr!

(Wenn man sich das ansieht, kann man seine Empfehlungsliste vollkommen vergessen. Allerdings gibt es auch noch Perlen, wie z.B. den Death Metal Hahn.)

Samstag, 23. September 2017

Ein Achtziger-Revival, das niemand braucht

Ich habe mir schon häufig gedacht, dass - trotz aller Dinge, die die Zukunft bringen mag - unseren Kindern wenigstens das Leben in nuklearer Bedrohung erspart bleibt, die wir in den Achtzigern ständig präsent hatten.

Tja.

Derzeit fühle ich mich ein bisschen in frühere Zeiten versetzt, das Entsetzen vor dem nunmehr Möglichen, die Ohnmacht angesichts des Geschehens. Grund genug, sich einmal wieder ein bisschen einschlägige Musik der Achtziger anzuhören.

Das irrtümliche Auslösen des Atomkriegs war ja sogar ein gängiges Sujet in Mainstream-Liedern, verwiesen sei nur auf Men at work mit It's a mistake und Genesis mit Land of confusion. Meine musikalischen Interessen lagen anderswo.

Die Schweden Ebba Grön haben mit Tyna bort 1982 ein Lied aufgenommen, das mir immer in diesem Zusammenhang einfällt, weil die ersten Zeilen übersetzt lauten "große Männer spielen mit Leben". Ein schönes, düsteres und ruhiges Lied.




Die schwäbischen Rocker von Schwoißfuaß haben den damaligen Wahnsinn mit "Dr hoiße Droaht" wunderbar zusammengefasst. Die letzten vier Zeilen des Lieds fassen für mich immer die Ohnmacht des Einzelnen angesichts dieses Geschehens gut zusammen.




Gestern habe ich mir auch die Anarchopunks Crass wieder angehört, die mir die letzten paar Mal beim Anhören wie Boten aus längst vergangenen Zeiten vorkamen. Das Lied "Bumhooler" von 1982 beginnt mit den Zeilen "If they drop a bomb on us, we fucking deserve it, We know we got it coming, we fucking deserve it". Das kommt mir dann schon wieder sehr gegenwärtig vor.





Donnerstag, 14. September 2017

RIP Grant Hart

Grant Hart, der frühere Schlagzeuger von Hüsker Dü, der später mit anderen Bands und Solo unterwegs war, ist mit 56 Jahren an Krebs gestorben. Grant Hart und Hüsker Dü haben mich die letzten 35 Jahre musikalisch begleitet, auch hier auf dem Blog findet sich so einiges über ihn.
Hüsker Dü lösten sich 1987 im Streit auf, sie waren nie über einen engen Kreis hinaus bekannt, aber einflussreich; die Alternative-Musik-Szene der 90er hätte ohne sie ganz anders ausgesehen. Profitiert hat Grant Hart davon nicht.

Wenigstens scheinen sich die beiden Hüsker Dü-Frontmänner Grant Hart und Bob Mould vor seinem Tod noch versöhnt zu haben.

Anbei die akustische Version eines Liedes von seiner ersten Solo-LP "Intolerance". Das Lied werde ich mir wohl auch noch die nächsten 25 Jahre anhören können, ohne seiner überdrüssig zu werden.

Mittwoch, 13. September 2017

Ein Cognac-getränkter Clown und ein Aufgeblasenen Dandy (Die Briten wieder...)

Hier war es jetzt lange Zeit ruhig in Bezug auf Brexit-Nachrichten. Das liegt zum einen daran, dass die allgemeine deutsche Berichterstattung m.E. inzwischen recht akzeptabel ist. Zum anderen ist das ganze Thema ein furchtbares Elend. Ich verbringe immer noch genügend Zeit mit der britischen Innenpolitik, man fühlt sich aber wie ein Gaffer bei einem Auto-Unfall.

Die Verhandlungen über den Ausstieg laufen gerade nicht gut, die Briten hatten den einen Verhandlungsvorteil, dass sie den Zeitpunkt des Ausstiegs bestimmen konnten. Diesen Vorteil haben sie - unvorbereitet und unnötig - mit ihrer Art. 50 Erklärung aus der Hand gegeben. Nun sind sie am 29.3.2019, 23 Uhr Ortszeit, in jedem Fall draußen, die Uhr tickt und die Zeit läuft gegen sie. Ich mag gar nicht damit anfangen, was für Probleme sich daraus ergeben, nur ein Hinweis: Die Briten wollen aus dem Gemeinsamen Markt und aus der Zollunion heraus, das heißt, dass sie ihre eigene Zollverwaltung stark ausbauen müssen. So wäre es z.B. auch ganz gut zu wissen, welche Zölle in Bezug auf die EU gelten sollen (ggf. müsste jemand ja jetzt mal die IT programmieren...).
Aber kein Mensch weiß, was am 30.3.2019 gelten soll. Das bedeutet Chaos. Da die britische Wirtschaft vollkommen in die EU integriert war, gibt es dieses Chaos überall, bei jedem grenzüberschreitenden Sachverhalt.

Die Briten ziehen daraus jetzt aber nicht den Schluß, dass man vielleicht noch ein bisschen Zeit bräuchte oder dass man jetzt versuchen müsste, einen Kompromiss zu finden. Es gibt eine breite Strömung, die leider auch Gehör in Regierungskreisen hat, die der Auffassung ist, man müsse gar nicht verhandeln, sondern könne auch einfach vom Tisch aufstehen. Schließlich hätte auch 1972 - vor der EU - alles funktioniert, das werde jetzt nicht anders sein. Intern wird dies mit - man kann es kaum anders sagen - Propagandaartikeln begleitet, nach denen allein die EU aufgrund ihres unverschämten Verhaltens Schuld am Scheitern trage. Die Sun war so freundlich, einen ihrer Artikel auf deutsch zur Verfügung zu stellen, hier hat man einen guten Einblick in die Denkweise (inzwischen gibt es eine korrigierte Fassung, die erste Fassung hat dankenswerter Weise Jon Worth gesichert). Sollte man durchaus lesen. Nach meiner Einschätzung denkt so zwar nicht die Mehrheit, aber ein sehr großer Teil der Briten. Die Briten sind auch von der Idee besessen, dass der Brexit auch auf dem Kontinent ein bestimmendes Thema ist. Das fehlende Echo erklären sie sich damit, dass Merkel verzweifelt versucht, das Thema in Deutschland zu unterdrücken (Merkel ist ja ohnehin für die Brexiters eine Projektionsfläche für alles mögliche).

Flankiert wird das Ganze von Ratschlägen, dass die Leute vom Kontinent eben nicht rational und fair verhandeln könnten, wie es die Briten tun. Wie jemand auf die Idee kommen kann, dass es einen EU-weiten Verhandlungsstil gebe! Der Ratschlag ist, man müsse einfach die Verhandlungen abbrechen, dann kämen die Europäer schon angewinselt. Ich habe ja in dem Entwürfe-Ordner noch einen Beitrag mit Ratschlägen zur Verhandlung mit Wahnsinnigen liegen, aber da ich keinem Leser wünsche, dass er in solche Verlegenheit kommt, bleibt der besser bei den Entwürfen. (Die Position der EU ist auch nicht über alle Zweifel erhaben, aber der Dilettantismus und die Arroganz der Briten schmerzt schon ziemlich.)

Wenn es zu dem Verhandlungs-Aus kommt, werden auch wir darunter finanziell leiden müssen. Die Nachrichten aus dem UK, die das übertreffen werden, was wir vor drei Jahren aus Griechenland gehört haben, können uns dann auch nicht trösten. Es ist schade, dass eine eigentlich so vernünftige Nation nun in selbstverschuldetes Chaos taumelt. Aber selbst, wenn den Briten irgendwann klar wird, dass das ganze keine gute Idee ist: Ein Zurück wird es nicht mehr geben.

(Wie kann man so traurige Sachen musikalisch untermalen? Mir fallen hier nur die Meister des masochistischen Doppeldenks ein:)

Freitag, 8. September 2017

Große Eier, echter Bayer

Meine Streifzüge durch die Schellackplatten-Archive bei Archive.org sind ja nicht sonderlich beliebt, was für einen so klickorientierten Blog wie diesen natürlich ein Problem darstellt. Aber es hilft ja nicht, jetzt wird es noch ein bisschen schlimmer, wir können uns nämlich den Wahnsinnigen der Schellack-Interpreten widmen.

Vor ein paar Jahren habe ich mal Lieder von Exilgriechen in Chicago vorgestellt, die griechische Volksmusik mit Banjo aufgenommen haben, ähnliches gibt es auch von anderen amerikanischen Einwanderergruppen. Die deutschstämmigen Einwanderer bemühten sich redlich, allen Klischees gerecht zu werden, was das Lied von dem "Schnitzelbank" beweist. Von der Struktur her ist es ein Lied, bei dem jeweils die Reimworte des letzten Verses wiederholt werden, so wie bei "Drunt in der grünen Au". Da ich hier ja auch noch selbst etwas bei jedem Post lerne, habe ich festgestellt, dass "Schnitzelbank" eine Art des Bänkelsanges ist, die wohl in der Schweiz (und in den USA) noch populär ist.  Offenbar kannten die deutschen Einwanderer diese Tradition auch. Wer das Lied anhört, kriegt auch eine Idee, woher die Anregung für das Lied der Schlümpfe kam. 1935 muss ein gutes Jahr für den Schnitzelbank in den USA ewesen sein, denn wir finden gleich zwei Versionen dieses Liedes, mit leicht abweichendem Text.

The Gaiety Trio Schnitzelbank . Das Gaiety Trio schafft es "gute Butter" und "Schwiegermutter" zu reimen, des Weiteren "gutes Bier" und "alter Stier". Und natürlich "große Eier" und "echter Bayer", "schöne Frau" und "fette Sau". Man muss es selbst gehört haben (bzw. eigentlich sollte man es vermeiden, sich das anzuhören).

Etwas anders dagegen Ivan Frank's Hofbrau Band aus dem gleichen Jahr. Hier reimt sich "kreuz und quer" auf "Schießgewehr", "Wagenrad" auf "krumm und grad", "großes Glas" auf "Ochsenblas", "Langemann" auf "Tannenbaum", und einige Wörter, die ich beim besten Willen nicht identifizieren kann. Ich habe mir das gerade zum wiederholten Male angehört, um den Text zu dechiffrieren, sagen wir mal so, die Katzen haben schnell den Raum verlassen.

In etwas vertrautere Bereiche kommen wir dann in den 50er Jahren mit den Weidler Brothers und der Schnitzelbank Polka. Gesungen wird jetzt auf Englisch mit deutschem Akzent. "Oh de Schnitzelbank-Polka makes them happy". Irgendetwas mit Bier und Brezn und Peanuts und Sauerkraut und schon passt es. Die Folklore gefällig gemacht, die Sänger als lustige Deppen präsentiert. Deprimierend.