"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Montag, 4. Dezember 2017

Ende der Kindergartenparty?

Irgendwo hatte ich hier meine Betrachtungen zu Brexit unter der Überschrift "Politik für Vierjährige" zusammen gefasst. Verhandlungen, die als Ausgangspunkt nicht ein mögliches Ergebnis haben, sondern die auf eine Wunschvorstellung  ausgerichtet sind. Wenn man etwas nur fest genug wünscht, muss es doch  in Erfüllung gehen! Und die anderen müssen einem doch geben, was man sich so fest wünscht!

Funktioniert schon bei Vierjährigen selten, im Erwachsenenleben noch viel seltener.

In den letzten Wochen haben die Briten anscheinend Bekanntschaft mit der Realität gemacht, sie knicken bei fast allen Punkten spektakulär ein. Sie waren der Meinung, sie hätten alle Karten, spielten aber halt Poker mit einem Mau-Mau-Blatt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das zu einem guten Ergebnis führt - es gibt eine große Anzahl von Briten, die immer noch daran glauben, das sei alles ganz einfach und die sich jetzt furchtbar betrogen fühlen.

Allerdings lese ich seit langem mal wieder die ganzen britischen Kommentare mit einem Schmunzeln. Ein paar sehr stolze und laute Leute werden auf einmal deutlich leister. Wenn Nigel Farage unglücklich ist, ist das doch immer ein gutes Zeichen.

Mal sehen, wie lange es anhält. (Und auch bei dem Hanswurstfaschisten deutet sich so langsam ein Ende der Kindergartenparty an - leider muss man bei ihm noch darauf hoffen, dass er uns nicht alle vorher schnell in die Luft sprengt.)

(Merkwürdigerweise fällt mir keine Musik ein, die mein gerade vorherrschendes Gefühl grimmiger Genugtuung, durchsetzt mit Sorge vor dem, was diese Trottel jetzt noch alles anstellen könnten, abbildet.)

Sonntag, 19. November 2017

Trombone Shorty

Vor zwei Wochen war ich zu krank, um zu Mike Watt zu gehen, was mich wirklich geärgert hat. Ich habe schon Ende der Achtziger fIREHOSE live verpasst, teils, weil ich zu spät gemerkt habe, wie gut die sind, teils, weil die Termine nie gepasst haben. Kann nur hoffen, dass er in den nächsten Jahren wieder einmal kommt.

Am letzten Freitag war ich mit einem Kollegen dafür bei Trombone Shorty. Eine Band aus New Orleans, um den Posaunisten Troy Andrews. File under Jazz and Funk. Extrem gute Bläsersection, Posaune/Trompete, Tenorsaxophone, Baritonsaxophon, dazu noch zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug. Ich habe ja ansonsten ein Problem mit kontemporärer schwarzer Musik, bis 1975 etwa kann ich alles hören; was danach kommt, lässt mich oft ratlos. Trombone Shorty ist dagegen keine Retro-Musik, sondern sehr kraftvoller Funk, gespielt von Leuten, die auch in jeder Jazzkapelle mitmachen könnten. Ich stelle mir vor, dass in New Orleans jeder ein Trompetenvirtuose ist.

Ein schöner Abend zum Herumhopsen, verbunden mit der Feststellung, dass das Berliner gehobene Jazzpublikum um einiges schlimmer ist als die übliche Punkmeute, die ich ansonsten auf den Konzerten sehe. Hat großen Spaß gemacht, kann ich nur empfehlen, wenn die bei euch in der Gegend sein sollten.

Montag, 30. Oktober 2017

Halloween

Obwohl ich ja ansonsten jedes Jahr dasselbe schreibe, habe ich mit Überraschung festgestellt, dass ich hier noch nie an Halloween das Halloween-Lied von den Dead Kennedys gebracht habe.

Die Dead Kennedys waren die Punkband, die brachiale Musik mit intelligenter Gesellschaftssatire verband. Die (35 Jahre alte) LP "Plastic Surgery Disasters" zeigt verschiedene Facetten des amerikanischen Lebens: die bescheuerten Erstsemesterstudentne, der gutbezahlte Wissenschaftler, der Wohnwagenjäger,.... "Halloween" beschreibt den Angestellten, der sich jedes Jahr überlegt, was er an Halloween machen will, wie toll er sich verkleiden will, um dann das ganze nächste Jahr davon zu reden. Typische Punkrock-Perspektive: Warum machst du nicht einfach das ganze Jahr über, was du willst? Oder wie es die Dead Kennedys pädagogisch formulieren: Why don't you take your social conventions and shove them up your ass?

Grandioses Lied.

Sonntag, 29. Oktober 2017

Lern erstmal atmen

Ich hatte ja früher schon auf die vergnügliche Webserie "Die Autoren" von DeChangeman hingewiesen. DeChangeman macht eine Vielzahl von Video-Projekten, es ist etwas schwer da auf dem Laufenden zu bleiben, vor allem, wenn man wie ich lieber liest als Videos ansieht. Ohne den Hinweis von J.J. wäre ich darauf auch nicht gestoßen.

Bei ein paar der Projekten von DeChangeman verstehe ich schon gar nicht, um was es geht, da sie sehr Game-lastig sind. Bei anderen verstehe ich den Witz zwar, aber goutiere ihn nicht unbedingt. Und dann gibt es einige Sachen - wie z.B. "Die Autoren" - , die ich fantastisch finde, auch wenn ich ein paar Jahrzehnte älter als die Zielgruppe bin.

Ein interessantes Projekt ist z.B. "Lern erstmal atmen". Der Gedanke dahinter ist simpel: Unter den Youtube-Videos von DeChangeman, die sich satirisch mit Spielen beschäftigen, finden sich viele Kommentare, die grob oder beleidigend sind. In den  "Lern erst mal atmen"-Videos improvisiert DeChangeman mit der Gitarre über den Text des Kommentars und macht kleine Liedchen daraus. Mit den Liedchen ließe sich sicher gut die erste LP einer Emo-Band bestücken.


Samstag, 28. Oktober 2017

Donald und die Frauen

Was macht man, wenn man eine Deadline vor sich hat, die eigentlich schon zwei Mal gerissen ist? Man überlegt sich, dass man einmal dem Liebesleben von Donald Duck nachforschen könnte.

Donald tauchte zunächst in den Disney-Zeichentrickfilmen auf. Die Trickfilme wurden regelmäßig auch für Comics in der Serie "Silly Symphonies" adaptiert. In die (regulären) Comics wurde er tatsächlich von Gottfredson eingeführt, der ihn in den Micky-Zeitungsstrips ab und zu mitspielen ließ. Da Donald immer populärer wurde, wurde der "Silly Symphonies"-Strip ab August 1936 ein Donald Duck-Comic, der von Al Taliaferro gezeichnet wurde.

Weibliche Begleitung tauchte zunächst in den Zeichentrickfilmen auf, zunächst Donna in "Don Donald", dann 1940 Daisy in "Ein Tänzchen mit Daisy" (zur kurzen Karriere von Donna in den englischen Donald-Comics von William Ward siehe hier). Donna wird allgemein als Vorgängerin von Daisy gesehen, In der ersten Ausgabe von dem Walt Disney's Comic & Stories Comicheft wird Daisy in einem Bild, das an den Film "Ein Tänzchen mit Daisy" angelehnt ist, auch noch "Donna" genannt.
(Copyright Walt Disney, aus Walt Disney's Comics and Stories Archives Vol. 1)


Frauen kommen in den Donald-Comics (abgesehen von den Donna im britischen Mickey Mouse Weekly) allerdings noch nicht vor. Daisy taucht zum ersten Mal am 4.11.1940 bei Al Taliaferro auf (ich kenne den Strip nicht, Taliaferro hatte aber immer nur kurze Gagstrips). Es heißt allerdings, dass Taliaferro ab und zu Erlebnisse mit seiner Frau in die Strips eingebaut habe.

(Al Taliaferros Donald, Copyright Walt Disney, aus Disney's Four Color Adventures Vol. 1)

Der Comicheft-Donald wurde dann maßgeblich von Carl Barks gestaltet. Man muss zunächst lange suchen, bis man auf romantisches Interesse von Donald stößt. Im Juni 1943 versucht Donald als Rettungsschwimmer einen weiblichen Badegast zu beeindrucken. Die weibliche Figur (im bürzelfreien Badeanzug) bleibt unbenannt, ist eine Art Daisy als Femme Fatale.
(Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 1) 

Daisys erster Auftritt bei Barks ist im Januar 1946, sie dient allerdings zunächst nur, um den Rahmen für die Geschichte zu liefern. Es zeichnet sich allerdings schon ein Muster ab:
(Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 3) 

 Trotz der Dynamik scheint es sich noch um eine eher lose Beziehung zu handeln, wenige Monate später flirtet Donald beim Bergsteigen unverhohlen mit einer Frau von Schwan.
 (Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 3) 

Das ist aber die letzte solcher Episoden, wenig später wird Daisy ständige und feste Begleiterin. Die Beziehung bleibt dynamisch.
(Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 3)  

(Copyright Walt Disney, aus Carl Barks Donald Duck Band 6)   
(Am erstaunlichsten ist, dass Donald eigentlich ständig von allen Frauen aufs Maul bekommt. Wenn man die Prügelszenen sammeln würde, würde man nicht mehr fertig. Schon lange vor Daisy bekam er von allen möglichen Bewohnerinnen von Entenhausen ständig Prügel. Das kann aber irgendwann ein Masku- oder S/M-Blog genauer erforschen.)


Es gibt zwar immer wieder Eifersuchtsplots, aber Donald wird meistens zu unrecht verdächtigt. Er ist zwar ein Chaot, aber grundsolide. Anfechtungen gibt es zwar immer wieder, von außerirdischen oder submarinen Prinzessinnen; Donald lässt sich aber wenig beirren.

(Copyright Walt Disney, aus Carl Barks Onkel Dagobert Band 13) 

 (Eine bemerkenswerte Ausnahme: 1950 lässt sich Donald an der Cote d'Azur von einer Geheimagentin bezirzen:)


(Copyright Walt Disney, aus Carl Barks Donald Duck Band 6)  
 








Dienstag, 24. Oktober 2017

RIP George Young

Wie ich gerade gelesen habe, ist George Young vor ein paar Tagen mit 70 Jahren gestorben. Er hat uns mit den Easybeats eines der schönsten Wochentagslieder* - "Friday on my mind" - beschert.

Seine jüngeren Brüder, Malcolm und Angus Young, haben auch Musik gemacht. Wäre mal interesant zu forschen, was aus denen geworden ist.**  

*Meine zweite Wahl wäre wohl MoDiMiDoFrSaSo von den Einstürzenden Neubauten. 
** Ach nöö.

Montag, 23. Oktober 2017

Armagideon Time

Mal wieder ein bisschen zu den Briten. Ich muss sagen, dass es derzeit nicht sonderlich hilfreich für das Wohlbefinden ist, sich eingehender mit der britischen Politik zu beschäftigen, insbesondere wenn man - wie ich - an enttäuschter Liebe zum UK leidet. Als ich mich vor knapp zwanzig Jahren für meinen ersten Job in Berlin beworben habe, unterhielt ich mich mit meinem zukünftigen Chef, der - wie ich - ein Jahr als Student im UK verbracht hatte. Wir waren uns einig, dass man, wenn Deutschland wieder auf schlechte Wege käme, immer einen sicheren Hafen im UK hätte. Tja.


Wo stehen wir? Die Briten haben Ende März mit ihrer Art. 50 Notifikation praktisch jeden Hebel aus der Hand gegeben, den sie in dem Prozess hatten. Bis zu der Notifikation konnten sie den Zeitplan bestimmen, jetzt läuft die Zweijahres-Frist, und sie läuft gegen die Briten.

Der Brexit war anfangs sicher auch so geplant, dass er der Anfang einer euroskeptischen Austrittswelle sein sollte, Brexit, Frexit, Nexit... Danach hätte die EU - nach Vorstellung der Initiatoren - als reiner intergouvermentaler Handelsblock neu geschaffen werden können. Das hat so unmittelbar nicht geklappt, nicht zuletzt, weil sich die Briten als abschreckend unfähig erwiesen haben, hier ein Vorbild zu sein. Man muss abwarten, wie und ob die EU die mittelbaren Folgen übersteht.

Nun hätten die Briten ihr Votum in einer Weise umsetzen können, die formal zu einem Austritt aus der EU führt, die aber die wirtschaftlichen Folgen abfedert. Das hätte erfordert, dass
die Briten  dem Beispiel Norwegens, Liechtensteins und Islands folgen und über die EFTA Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums bleiben (eine in vielerlei Hinsicht unbefriedigende Situation, die aber die Zusammenarbeit in Innen- und Justizpolitik, die gemeinsame Agrarpolitik und Fischereipolitik beendet hätte). Diese Möglichkeit, die auch die einzige Variante wäre, in der man einen einigermaßen geordneten Übergang schaffen könnte, hat T. May durch verschiedene rote Linien in der Verhandlung aber explizit ausgeschlossen. Was die Briten eigentlich wollen, wissen sie gerade nicht mal selbst - jede Entscheidung für eines der Modelle der künftigen Zusammenarbeit würde die Konservativen in einen selbstzerstörerischen Streit stürzen. Man nimmt deswegen fassungslos zur Kenntnis, dass die Frage, welches Modell der Zusammenarbeit mit der EU gewählt werden sollte, im britischen Kabinett noch gar nicht besprochen wurde - man müsste sonst Rücktritte befürchten.

Die Verhandlungen laufen derweil nicht gut. Während nach dem Referendum noch gesagt wurde, es würden die schnellsten Verhandlungen überhaupt, da die EU auf die Briten angewiesen sei und deswegen allen Wünschen nachgeben werde, stellt man jetzt fest, dass dem doch nicht so ist. Nun ist die Mehrheitsmeinung, dass die EU erpresserische Verhandlungsmethoden nutze und dass die EU offenbar gar nicht an Verhandlungen interessiert sei (im Gegensatz zu den fairen und vernünftigen Briten, die immerhin Europa in den letzten 100 Jahren zwei Mal gerettet haben).

Eine wachsende Strömung der Politiker im UK plädiert deswegen für "No deal". D.h., man bricht die Verhandlungen ab, kommt zu keiner Übereinkunft und ist dann ab Ende März 2019 von allen europäischen Fesseln befreit, zahlt vor allem keinen Pfennig mehr. Das ist eine wahnsinnige Idee, die katastrophale wirtschaftliche Auswirkungen hätte. Weite Teile des öffentlichen Lebens kämen zum Erliegen (ich fange erst gar nicht damit an, was das im Einzelnen bedeutete). Aber, wie gesagt,  im UK ist das gerade eine Idee, die eine große Anhängerschaft hat. Die Briten könnten sich damit trösten, dass sie nicht nur ihre eigene Wirtschaft schädigen würden, sondern auch der EU (wenn auch lang nicht in dem Maße wie den Briten) schaden könnten.

Dieser selbstmörderische Zug der britischen Politik wird m.E. in Deutschland gar nicht so richtig wahrgenommen, weil man sich eben nicht vorstellen kann, dass irgendjemand im Ernst eine solch schädliche Politik verfolgen könnte. Aber es ist so. Bleibt die Frage, warum? Zum einen spielt hier sicher eine britische Selbstüberschätzung mit, die immer noch in imperialen Träumen hängt. Aber kann das zu einer kompletten ökonomischen Verblödung einer eigentlich wirtschaftsfreundlichen Partei führen? Mir drängt sich immer mehr der Gedanke auf, dass hier Leute am Werk sind, die sowohl den Briten als auch der EU maximalen Schaden zufügen wollen. Unter den Beratern der britischen Regierung findet sich z.B. ein Think-Tank, der einen Disaster Kapitalismus vertritt. D.h., für Leute arbeitet, die in Krisenregionen billige Assets kaufen, um sie später mit Gewinn verkaufen zu können. Von den kommendem Tumult könnten sicher einige profitieren. Wenn sich das weiter so entwickelt, lässt sich das Ganze aber nur noch mit Verschwörungstheorien erklären. Wenn man sich ein paar Verbindungen einiger der Protagonisten ansieht, drängen sich verschiedene Dinge auf.

Man darf nicht annehmen, dass die Briten (mehrheitlich) zur Vernunft kommen. Wenn das alles schief geht, sind die bloody foreigners schuld, die EU-Diktatoren und natürlich Merkel, die sozialistische Nazidiktatorin, die nach Auffassung vieler Briten für alles verantwortlich ist, was passiert und was nicht passiert. Wenn die Briten aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs in einen Kompromiß gezwungen werden, wird das das Land zerreißen.

Das alles nimmt kein gutes Ende mehr. Die Briten werden in die Geschichte eingehen als das Volk, das das eigene Haus anzündete, weil dann vielleicht auch das Haus des Nachbars zu brennen beginnen könnte.

(Ich habe auf Links oder Quellen verzichtet, liefere bei Interesse gerne nach. Wer meint, das sei alles übertrieben: leider nicht.)