"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Sonntag, 19. März 2017

"Herr Wanzl, wie haben Sie das gemacht?"

(Vorbemerkung: Der Name Franz-Xaver Wanzl ist inzwischen nur noch wenigen Insidern bekannt. In den späten Sechzigern und den Siebzigern des letzten Jahrhunderts war Wanzl, der von seinen Freunden liebevoll "FX" genannt wurde, aber eine der großen Hoffnungen des deutschen Independent-Kinos. Kaum jemand hatte so gute Verbindungen in die literarische und musikalische deutsche Gegenkultur wie er, seine Projekte zeigten hier eine avantgardistische Qualität, die man ansonsten in Deutschland nur selten fand. Insbesondere die langjährige Zusammenarbeit mit dem Hunsrücker Literatur-Enfant-terrible Andy Bonetti war Ausgangspunkt für zahlreiche Legenden. Es zählt zur Tragik des Lebens von Wanzl, dass er der Nachwelt im Wesentlichen durch seine Beiträge für das ZDF-Seniorenmagazin "Mosaik" und kleinere Filme für die Reihe "Der 7. Sinn" in Erinnerung bleiben wird, da sich seine künstlerisch ambitionierteren Projekte leider meist vor der Vollendung zerschlugen. Die amerikanische Journalistin Harriet Naybor hat Wanzl kurz vor seinem Tod aufgespürt und ein langes Interview mit ihm geführt, das wir hier in Auszügen exklusiv in Deutschland veröffentlichen können. Wanzl ließ Naybor auch erstmals in sein Archiv sehen, in dem sich bisher unbekannte Beispiele seiner Avantgarde-Projekte finden. Wanzl starb - wie viele andere große Künstler - im Jahr 2016. Seine Lebensgefährtin fand ihn leblos in einer Wanne voll Aspik. Ein letztes künstlerisches Statement? Wir werden es nie erfahren.) 

Harriet Naybor: Herr Wanzl, Sie lebten ja Ende der Sechziger, nachdem Sie die Filmhochschule abgeschlossen hatten, in Rheinland-Pfalz. Wie kam das?

FX Wanzl: Ja, ich hatte die Gelegenheit in Mainz beim ZDF zu arbeiten, ich machte so Einspielfilme für das Magazin "Mosaik". Ich war z.B. für die Gymnastikübung der Woche zuständig, wir haben da einige formal sehr gewagte Filme gemacht, z.B. bei der Wassergymnastik, aber das war natürlich nicht das, was ich eigentlich im Sinn hatte. Man muss aber zugeben, dass ich durch diese Arbeit finanziell besser gestellt war, als die meisten meiner Film-Kollegen. Und durch die Arbeit in Mainz habe ich natürlich auch Andy Bonetti, der ja damals in Bad Kreuznach lebte und wirklich der Kopf der Hunsrücker Gegenkultur war, kennengelernt.

HN: Erzählen Sie doch, wie Sie Bonetti das erste Mal getroffen haben.

FX: Das muss Ende der Sechziger gewesen sein, Freunde hatten mich nach Bad Kreuznach mitgenommen und gemeint, ich müsste Bonetti kennenlernen. Ich hatte damals auch schon die ersten Arbeiten für den WDR für die Reihe "Der 7. Sinn" gemacht und es war bekannt, dass Bonetti auf diese Autocrashs stand. Anders als ich gedacht hatte, trafen wir uns aber nicht in einer Bar oder in einem Café, sondern Bonetti hatte einen Tisch in einem gutbürgerlichen Wirtshaus. Und wenn ich sage, er hatte einen Tisch, dann meine ich das genau so. Da durfte sich niemand einfach dazu setzen. Meine Freunde wollten mich vorstellen, aber Bonetti weigerte sich mit irgendjemand zu sprechen, bevor er seine Schlachtplatte fertig gegessen hatte. Wir warteten, aber ich musste am nächsten Tag früh am Set für Mosaik sein - Erika Engelbrecht war da sehr eigen - so dass ich ihm eigentlich nur beim Essen zusehen konnte. Ein paar Wochen später hat es allerdings doch geklappt und das war der Beginn des "Schraubenziehermann"-Projektes.

HN: Erzählen Sie doch bitte etwas davon. Es kursieren so viele widersprüchliche Berichte darüber, dass ich schon manchmal gezweifelt habe, ob es dieses Projekt tatsächlich gegeben hat, oder ob das nur eine von Bonettis Legenden ist, die er ja in seiner Autobiographie zuhauf erzählt.

FX: Nein, nein, den Schraubenziehermann gab es wirklich und wir waren eigentlich lange überzeugt, dass das für alle Beteiligten der Durchbruch sein würde. Wenn ich jetzt sehe, was für ein Mist in den Kinos erfolgreich ist, kommt mir der Schraubenziehermann richtig visionär vor. Zunächst war es natürlich eine Superheldengeschichte, allerdings mit einem sehr deutschen bürgerlichen Subtext - Heimwerker, Sie verstehen? Gleichzeitig war es natürlich auch ein Kommentar auf die verlogene verdrängte Sexualität der Bundesrepublik - Kreuzschlitzboy, ich muss nicht mehr sagen, oder? Bonetti war ein Genie in dieser Hinsicht. Den potenziellen Geldgebern haben wir es natürlich etwas anders verkauft, so eine Weiterführung der Batman-Fernsehserie, mit mehr psychedelischen Elementen und insgesamt etwas gewagter. Es gab da in Frankfurt genügend Leute, die Geld in solche Projekte investieren wollten. Ich hatte durch meine Arbeit beim ZDF natürlich schon etwas Standing und vor Bonetti fürchteten sich alle, waren aber dann doch fasziniert. Wir deuteten vage an, dass wir für die Titelsequenz des Films Heinz Edelmann -

HN:... der für die Beatles den Yellow Submarine-Film gestaltet hat...

FX: ... genau, dass wir für die Titelsequenz eben Edelmann an der Hand hätten und dass der Film eine Mischung aus James Bond und Superhelden, nur eben im deutschen Heimwerkermilieu, sein würde, mit einem gehörigen Schuss Erotik. Ich glaube, wir haben da auch so suggeriert, wir könnten da ein paar Mädels vom Fernsehballet dazu bekommen. Das war natürlich Unsinn, hat aber gewirkt. Den Vorschuss zu bekommen, war kein Problem. Keiner von uns hatte vorher soviel Geld in der Hand gehabt.

HN: Warum ging es nicht weiter? War der Film dann doch zu gewagt für die Geldgeber?

FX: Die Probleme lagen auf einer ganz anderen Ebene. Bonetti war ein Genie. Wir saßen jeden Abend in dem Wirtshaus und er skizzierte das Drehbuch und wir konnten gar nicht fassen, wie verflucht gut das war. Aber am nächsten Tag konnten wir uns nicht mehr so richtig erinnern.

HN: Man hätte die guten Ideen gleich aufschreiben sollen...

FX: Das haben wir auch getan, aber als wir die Notizen am nächsten Morgen durchlasen, stellten wir fest, dass Bonetti nur zweimal die Speisekarte abgeschrieben hatte. Und inzwischen wurde die Zeit knapp und das versprochene Exposé lag immer noch nicht vor. Sie müssen wissen, wir haben damals alle ein bisschen viel getrunken und auch gekifft und gekokst und LSD probiert. Aber Bonetti, da bin ich inzwischen überzeugt, der hatte wohl auch Drogen genommen. Bonetti setzte sich dann hin, um das Drehbuch zu schreiben, aber er kam dann mit einer Geschichte, bei der Schraubenziehermann irgendwo am Tresen sitzt, weil er sich vor der entscheidenden Gemeinderatssitzung drücken will. Das war natürlich nicht das, was unsere Frankfurter Freunde hören wollten. Und inzwischen wurde auch das Geld knapp, da wir mit dem Vorschuss eigentlich über Monate halb Bad Kreuznach freigehalten haben. Für den ersten Termin mussten wir also dringend irgendetwas vorweisen und wir haben dann zumindest ein Exposé und eine Titelsequenz gebastelt. Edelmann war natürlich nicht drin, das Ganze hat dann, glaube ich, die Großmutter des Tonassistenten mit Papierfiguren gelegt. Aber irgendetwas mussten wir, wie gesagt, vorweisen. Es war grauenhaft, aber immer noch besser als mit leeren Händen aufzutreten.

HN: In ihren Filmen spielte die Musik immer eine große Rolle, können Sie dazu etwas sagen?

FX: Ja, wir haben da eine Bad Kreuznacher Band engagiert, die wirklich gut waren. Oder wir haben die engagiert, weil unser Cutter bei dem Schlagzeuger immer seinen Speed kaufte, ich weiß es nicht mehr genau. Die nannten sich die Monkles oder so, das war natürlich komplett unbrauchbar, für die Filmsequenz benannten wir die in Screw U & the Drivers um. Wir wollten so eine Art Lied wie für die Batman-Serie haben, nur noch heavier, das haben die auch gut hingekriegt. Leider war natürlich die Präsentation ein Fiasko, die Geldgeber sprangen ab und wir konnten das Projekt nicht mehr weiter verfolgen. Ich habe allerdings noch die Titelsequenz:

HN: Wissen Sie, was danach mit der Band passiert ist?

FX: Das ist eher tragisch. Eigentlich wollten die dann das Titelstück noch anderweitig nutzen, es gab da wohl auch Interesse von Plattenfirmen, die die so als frühe deutsche Hardrock-Band aufbauen wollten, so deutsche Versionen von Black Sabbath-Liedern. "Der Hund von Baskerville" hätte eigentlich von denen übernommen werden sollen. Das war auch schon weitgehend geklärt, da brachen sich der Bassist und der Schlagzeuger beim gemeinsamen Onanieren jeweils die Hand, das war das Ende der Band. Ja, Sie lachen jetzt, aber damals gab's halt noch nicht für alles Tutorials und so weiter. Den "Hund von Baskerville" haben dann Cindy und Bert gesungen, der Rest ist Geschichte.

HN: Das war aber noch nicht das Ende Ihrer Zusammenarbeit mit Bonetti?

FX: Nein, das war erst der Anfang. Wir beide fanden das mit den Vorschüssen gar nicht so schlecht, aber nahmen uns vor, beim nächsten Mal nicht wieder solche Anfängerfehler zu machen. Anfang der Siebziger kam dann das "Die Bestie vom Schindeldorfer Forst"-Projekt - mein Gott, Bonetti bestand zunächst darauf, das Ganze "Der wilde Watz von Wichtelbach" zu nennen, das ging natürlich gar nicht.

(Wird fortgesetzt.)

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