"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Micky Maus im Krieg

Den Disney-Konzern stellt man sich ja eher unpolitisch vor. Es ist ja einigermaßen bekannt, dass es einige Donald Duck-Propagandafilme im Zweiten Weltkrieg gab, am bekanntesten "Der Führers Face" von 1943, der den tristen Kriegsalltag in Deutschland zeigte. Daneben gab es in den Vierzigern eine ganze Reihe von Donald-Filmen, die Donald in der amerikanischen Armee zeigten. Die Filme waren sogar einigermaßen subversiv, weil Donald seinen Vorgesetzten, den bösen Kater Karlo, regelmäßig zur Verzweiflung, in die Arrestzelle oder in die Zwangsjacke brachte (auf DVD gibt es die Armeegeschichten als "Donald im Wandel der Zeit - Teil 2").

Die Kriegsaktivitäten von Micky Maus sind weniger bekannt, wahrscheinlich auch deswegen, weil die entsprechenden Comics nach dem Krieg lange Zeit in Europa nicht veröffentlicht wurden. Nach dem Kriegseintritt der USA  Ende 1941 wurde der Krieg allerdings auch in dem täglichen Micky Maus-Zeitungscomic, den Floyd Gottfredson seit 1930 zeichnete, ein Thema. Der Zeitungscomic war  immer auch an ein erwachsenes Publikum gerichtet und begann nun patriotische Themen aufzugreifen. In der Geschichte "Der geheimnisvolle Rabe" (August - November 1942)* versuchen Goofy und Micky einen kriegswichtigen Job in Armee oder Rüstungsindustrie zu bekommen, Goofy ist allerdings zu dämlich und Micky zu klein. Minnie dagegen hat keine Probleme, einen Job bei den Kriegsfreiwilligen zu bekommen, und gibt den beiden den Rat, es als Erntehelfer zu versuchen. Die Geschichte zieht ihre Komik zunächst daraus, dass Micky überall nicht als vollwertiger Arbeiter angesehen wird, weil er zu klein ist. Auf der Farm treibt allerdings auch ein Saboteur, der sich als Krähe verkleidet, sein Unwesen und versucht die Ernte zu vernichten. Micky fängt den Saboteur bevor er einen Staudamm sprengen kann. Es stellt sich heraus, dass der Saboteur Bauern hasst, da er bei einer Gemüseausstellung nur den zweiten Preis erhalten hat. Insgesamt also eine krude Geschichte vor dem Hintergrund des Krieges, die sich allerdings nicht wesentlich von den anderen Geschichten dieser Zeit unterscheidet.

(Copyright Walt Disney, Bild aus Walt Disney's Mickey Mouse by Floyd Gottfredson, Volume 7, March of the Zombies)

Die folgenden eher kurzen Geschichten greifen dann das Thema Arbeiten für Rüstungsbetriebe wieder auf. Interessant ist hier, dass - entsprechend der Kriegsrealität - die Arbeit vor allem von Frauen gemacht wird. Während Gottfredson in früheren Geschichten das Verhältnis der Geschlechter eher auf Mario Barth-Niveau darstellt, lässt er hier Micky schmerzhaft feststellen, dass die Frauen die Arbeit eigentlich besser machen. Er muss sogar feststellen, dass die Omas schneller schrauben können als er.

(Copyright Walt Disney, Bild aus Walt Disney's Mickey Mouse by Floyd Gottfredson, Volume 7, March of the Zombies)

Am 28.6.1943 ändert sich die Micky Maus-Welt. Anstelle der bisherigen Texter Dick Shaw und Merrill de Marris kommt nunmehr Bill Walsh, der später Drehbücher schrieb und Produzent war für Filme wie "Mary Poppins" und "Herbie ein toller Käfer". Für mich enden mit Bill Walsh die klassischen Gottfredson-Zeiten. Die erste Geschichte beginnt damit, dass Kommissar Hunter Micky bittet, sich in eine Benzin-Schmuggel-Bande einzuschleusen. Es stellt sich heraus, dass die Schmuggler Nazi-Spione sind. Die Geschichte ist am 17.7. schon zu Ende und ist reichlich krude, aber was will man bei einem Titel wie "Das Nazi-U-Boot" schon groß erwarten?**

Die Geschichte bereitet allerdings nur ein weiteres, längeres Abenteuer vor, das Micky noch weiter in die Kriegsrealität führt. Am 29.7.1943 sieht man zum ersten Mal ein Bild von Hitler in einem Micky Maus-Comic. Micky soll eine Geheimwaffe, ein neues Flugzeug testen. Kater Karlo, der im Sold der Nazis steht, entführt ihn nach Deutschland. Dort wird gezeigt, wie die Generäle in einem zerstörtem Land ein gutes Leben führen, während es dem Volk an allem fehlt. Micky kann entkommen, Generäle und Kater Karlo gefangen nehmen und nach Amerika entführen; vorher reißt er aber noch am 19.10. das Dach von Hitlers Haus auf dem Hohensalzberg. Die Nazis, die am 20.10.1943 noch der Auffassung sind "Ja... Der Amerikaner iss kapoot", werden schnell eines besseren belehrt.

(Copyright Walt Disney, Bild aus Walt Disney's Mickey Mouse by Floyd Gottfredson, Volume 7, March of the Zombies)

Nach dieser wilden, kruden und propagandistischen Geschichte kehren Walsh und Gottfredson zu mehr konventionellen Abenteuern zurück (Nazi-Agenten tauchen allerdings auch noch später auf). Die verrückt heile Welte von Mousetown kehrt allerdings nicht mehr zurück. Die Welt hat Risse bekommen. Kater Karlo wird dann später auch im Sold Moskaus stehen, als für eine kurze Zeit der kalte Krieg in die Micky Maus-Zeitungscomics weht.


(Copyright Walt Disney, Bild aus Walt Disney's Mickey Mouse by Floyd Gottfredson, Volume 7, March of the Zombies)

*Die Geschichte ist auf deutsch in "Ich, Goofy 2" (Melzer Verlag) veröffentlicht.
** Auf deutsch ist die Geschichte in "Die besten Geschichten von Floyd Gottfredson" veröffentlicht.
*** Die Geschichten sind auf englisch in "Walt Disney's Mickey Mouse by Floyd Gottfredson, Volume 7, March of the Zombies" erschienen. Auf französisch finden sie sich in "L'age d'or de Mickey Mouse par Floyd Gottfredson, Tome 5, 1942-1944".

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