"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Montag, 4. Dezember 2017

Ende der Kindergartenparty?

Irgendwo hatte ich hier meine Betrachtungen zu Brexit unter der Überschrift "Politik für Vierjährige" zusammen gefasst. Verhandlungen, die als Ausgangspunkt nicht ein mögliches Ergebnis haben, sondern die auf eine Wunschvorstellung  ausgerichtet sind. Wenn man etwas nur fest genug wünscht, muss es doch  in Erfüllung gehen! Und die anderen müssen einem doch geben, was man sich so fest wünscht!

Funktioniert schon bei Vierjährigen selten, im Erwachsenenleben noch viel seltener.

In den letzten Wochen haben die Briten anscheinend Bekanntschaft mit der Realität gemacht, sie knicken bei fast allen Punkten spektakulär ein. Sie waren der Meinung, sie hätten alle Karten, spielten aber halt Poker mit einem Mau-Mau-Blatt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das zu einem guten Ergebnis führt - es gibt eine große Anzahl von Briten, die immer noch daran glauben, das sei alles ganz einfach und die sich jetzt furchtbar betrogen fühlen.

Allerdings lese ich seit langem mal wieder die ganzen britischen Kommentare mit einem Schmunzeln. Ein paar sehr stolze und laute Leute werden auf einmal deutlich leister. Wenn Nigel Farage unglücklich ist, ist das doch immer ein gutes Zeichen.

Mal sehen, wie lange es anhält. (Und auch bei dem Hanswurstfaschisten deutet sich so langsam ein Ende der Kindergartenparty an - leider muss man bei ihm noch darauf hoffen, dass er uns nicht alle vorher schnell in die Luft sprengt.)

(Merkwürdigerweise fällt mir keine Musik ein, die mein gerade vorherrschendes Gefühl grimmiger Genugtuung, durchsetzt mit Sorge vor dem, was diese Trottel jetzt noch alles anstellen könnten, abbildet.)

Sonntag, 19. November 2017

Trombone Shorty

Vor zwei Wochen war ich zu krank, um zu Mike Watt zu gehen, was mich wirklich geärgert hat. Ich habe schon Ende der Achtziger fIREHOSE live verpasst, teils, weil ich zu spät gemerkt habe, wie gut die sind, teils, weil die Termine nie gepasst haben. Kann nur hoffen, dass er in den nächsten Jahren wieder einmal kommt.

Am letzten Freitag war ich mit einem Kollegen dafür bei Trombone Shorty. Eine Band aus New Orleans, um den Posaunisten Troy Andrews. File under Jazz and Funk. Extrem gute Bläsersection, Posaune/Trompete, Tenorsaxophone, Baritonsaxophon, dazu noch zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug. Ich habe ja ansonsten ein Problem mit kontemporärer schwarzer Musik, bis 1975 etwa kann ich alles hören; was danach kommt, lässt mich oft ratlos. Trombone Shorty ist dagegen keine Retro-Musik, sondern sehr kraftvoller Funk, gespielt von Leuten, die auch in jeder Jazzkapelle mitmachen könnten. Ich stelle mir vor, dass in New Orleans jeder ein Trompetenvirtuose ist.

Ein schöner Abend zum Herumhopsen, verbunden mit der Feststellung, dass das Berliner gehobene Jazzpublikum um einiges schlimmer ist als die übliche Punkmeute, die ich ansonsten auf den Konzerten sehe. Hat großen Spaß gemacht, kann ich nur empfehlen, wenn die bei euch in der Gegend sein sollten.

Montag, 30. Oktober 2017

Halloween

Obwohl ich ja ansonsten jedes Jahr dasselbe schreibe, habe ich mit Überraschung festgestellt, dass ich hier noch nie an Halloween das Halloween-Lied von den Dead Kennedys gebracht habe.

Die Dead Kennedys waren die Punkband, die brachiale Musik mit intelligenter Gesellschaftssatire verband. Die (35 Jahre alte) LP "Plastic Surgery Disasters" zeigt verschiedene Facetten des amerikanischen Lebens: die bescheuerten Erstsemesterstudentne, der gutbezahlte Wissenschaftler, der Wohnwagenjäger,.... "Halloween" beschreibt den Angestellten, der sich jedes Jahr überlegt, was er an Halloween machen will, wie toll er sich verkleiden will, um dann das ganze nächste Jahr davon zu reden. Typische Punkrock-Perspektive: Warum machst du nicht einfach das ganze Jahr über, was du willst? Oder wie es die Dead Kennedys pädagogisch formulieren: Why don't you take your social conventions and shove them up your ass?

Grandioses Lied.

Sonntag, 29. Oktober 2017

Lern erstmal atmen

Ich hatte ja früher schon auf die vergnügliche Webserie "Die Autoren" von DeChangeman hingewiesen. DeChangeman macht eine Vielzahl von Video-Projekten, es ist etwas schwer da auf dem Laufenden zu bleiben, vor allem, wenn man wie ich lieber liest als Videos ansieht. Ohne den Hinweis von J.J. wäre ich darauf auch nicht gestoßen.

Bei ein paar der Projekten von DeChangeman verstehe ich schon gar nicht, um was es geht, da sie sehr Game-lastig sind. Bei anderen verstehe ich den Witz zwar, aber goutiere ihn nicht unbedingt. Und dann gibt es einige Sachen - wie z.B. "Die Autoren" - , die ich fantastisch finde, auch wenn ich ein paar Jahrzehnte älter als die Zielgruppe bin.

Ein interessantes Projekt ist z.B. "Lern erstmal atmen". Der Gedanke dahinter ist simpel: Unter den Youtube-Videos von DeChangeman, die sich satirisch mit Spielen beschäftigen, finden sich viele Kommentare, die grob oder beleidigend sind. In den  "Lern erst mal atmen"-Videos improvisiert DeChangeman mit der Gitarre über den Text des Kommentars und macht kleine Liedchen daraus. Mit den Liedchen ließe sich sicher gut die erste LP einer Emo-Band bestücken.


Samstag, 28. Oktober 2017

Donald und die Frauen

Was macht man, wenn man eine Deadline vor sich hat, die eigentlich schon zwei Mal gerissen ist? Man überlegt sich, dass man einmal dem Liebesleben von Donald Duck nachforschen könnte.

Donald tauchte zunächst in den Disney-Zeichentrickfilmen auf. Die Trickfilme wurden regelmäßig auch für Comics in der Serie "Silly Symphonies" adaptiert. In die (regulären) Comics wurde er tatsächlich von Gottfredson eingeführt, der ihn in den Micky-Zeitungsstrips ab und zu mitspielen ließ. Da Donald immer populärer wurde, wurde der "Silly Symphonies"-Strip ab August 1936 ein Donald Duck-Comic, der von Al Taliaferro gezeichnet wurde.

Weibliche Begleitung tauchte zunächst in den Zeichentrickfilmen auf, zunächst Donna in "Don Donald", dann 1940 Daisy in "Ein Tänzchen mit Daisy" (zur kurzen Karriere von Donna in den englischen Donald-Comics von William Ward siehe hier). Donna wird allgemein als Vorgängerin von Daisy gesehen, In der ersten Ausgabe von dem Walt Disney's Comic & Stories Comicheft wird Daisy in einem Bild, das an den Film "Ein Tänzchen mit Daisy" angelehnt ist, auch noch "Donna" genannt.
(Copyright Walt Disney, aus Walt Disney's Comics and Stories Archives Vol. 1)


Frauen kommen in den Donald-Comics (abgesehen von den Donna im britischen Mickey Mouse Weekly) allerdings noch nicht vor. Daisy taucht zum ersten Mal am 4.11.1940 bei Al Taliaferro auf (ich kenne den Strip nicht, Taliaferro hatte aber immer nur kurze Gagstrips). Es heißt allerdings, dass Taliaferro ab und zu Erlebnisse mit seiner Frau in die Strips eingebaut habe.

(Al Taliaferros Donald, Copyright Walt Disney, aus Disney's Four Color Adventures Vol. 1)

Der Comicheft-Donald wurde dann maßgeblich von Carl Barks gestaltet. Man muss zunächst lange suchen, bis man auf romantisches Interesse von Donald stößt. Im Juni 1943 versucht Donald als Rettungsschwimmer einen weiblichen Badegast zu beeindrucken. Die weibliche Figur (im bürzelfreien Badeanzug) bleibt unbenannt, ist eine Art Daisy als Femme Fatale.
(Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 1) 

Daisys erster Auftritt bei Barks ist im Januar 1946, sie dient allerdings zunächst nur, um den Rahmen für die Geschichte zu liefern. Es zeichnet sich allerdings schon ein Muster ab:
(Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 3) 

 Trotz der Dynamik scheint es sich noch um eine eher lose Beziehung zu handeln, wenige Monate später flirtet Donald beim Bergsteigen unverhohlen mit einer Frau von Schwan.
 (Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 3) 

Das ist aber die letzte solcher Episoden, wenig später wird Daisy ständige und feste Begleiterin. Die Beziehung bleibt dynamisch.
(Copyright Walt Disney, aus Barks Comics and Stories Band 3)  

(Copyright Walt Disney, aus Carl Barks Donald Duck Band 6)   
(Am erstaunlichsten ist, dass Donald eigentlich ständig von allen Frauen aufs Maul bekommt. Wenn man die Prügelszenen sammeln würde, würde man nicht mehr fertig. Schon lange vor Daisy bekam er von allen möglichen Bewohnerinnen von Entenhausen ständig Prügel. Das kann aber irgendwann ein Masku- oder S/M-Blog genauer erforschen.)


Es gibt zwar immer wieder Eifersuchtsplots, aber Donald wird meistens zu unrecht verdächtigt. Er ist zwar ein Chaot, aber grundsolide. Anfechtungen gibt es zwar immer wieder, von außerirdischen oder submarinen Prinzessinnen; Donald lässt sich aber wenig beirren.

(Copyright Walt Disney, aus Carl Barks Onkel Dagobert Band 13) 

 (Eine bemerkenswerte Ausnahme: 1950 lässt sich Donald an der Cote d'Azur von einer Geheimagentin bezirzen:)


(Copyright Walt Disney, aus Carl Barks Donald Duck Band 6)  
 








Dienstag, 24. Oktober 2017

RIP George Young

Wie ich gerade gelesen habe, ist George Young vor ein paar Tagen mit 70 Jahren gestorben. Er hat uns mit den Easybeats eines der schönsten Wochentagslieder* - "Friday on my mind" - beschert.

Seine jüngeren Brüder, Malcolm und Angus Young, haben auch Musik gemacht. Wäre mal interesant zu forschen, was aus denen geworden ist.**  

*Meine zweite Wahl wäre wohl MoDiMiDoFrSaSo von den Einstürzenden Neubauten. 
** Ach nöö.

Montag, 23. Oktober 2017

Armagideon Time

Mal wieder ein bisschen zu den Briten. Ich muss sagen, dass es derzeit nicht sonderlich hilfreich für das Wohlbefinden ist, sich eingehender mit der britischen Politik zu beschäftigen, insbesondere wenn man - wie ich - an enttäuschter Liebe zum UK leidet. Als ich mich vor knapp zwanzig Jahren für meinen ersten Job in Berlin beworben habe, unterhielt ich mich mit meinem zukünftigen Chef, der - wie ich - ein Jahr als Student im UK verbracht hatte. Wir waren uns einig, dass man, wenn Deutschland wieder auf schlechte Wege käme, immer einen sicheren Hafen im UK hätte. Tja.


Wo stehen wir? Die Briten haben Ende März mit ihrer Art. 50 Notifikation praktisch jeden Hebel aus der Hand gegeben, den sie in dem Prozess hatten. Bis zu der Notifikation konnten sie den Zeitplan bestimmen, jetzt läuft die Zweijahres-Frist, und sie läuft gegen die Briten.

Der Brexit war anfangs sicher auch so geplant, dass er der Anfang einer euroskeptischen Austrittswelle sein sollte, Brexit, Frexit, Nexit... Danach hätte die EU - nach Vorstellung der Initiatoren - als reiner intergouvermentaler Handelsblock neu geschaffen werden können. Das hat so unmittelbar nicht geklappt, nicht zuletzt, weil sich die Briten als abschreckend unfähig erwiesen haben, hier ein Vorbild zu sein. Man muss abwarten, wie und ob die EU die mittelbaren Folgen übersteht.

Nun hätten die Briten ihr Votum in einer Weise umsetzen können, die formal zu einem Austritt aus der EU führt, die aber die wirtschaftlichen Folgen abfedert. Das hätte erfordert, dass
die Briten  dem Beispiel Norwegens, Liechtensteins und Islands folgen und über die EFTA Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums bleiben (eine in vielerlei Hinsicht unbefriedigende Situation, die aber die Zusammenarbeit in Innen- und Justizpolitik, die gemeinsame Agrarpolitik und Fischereipolitik beendet hätte). Diese Möglichkeit, die auch die einzige Variante wäre, in der man einen einigermaßen geordneten Übergang schaffen könnte, hat T. May durch verschiedene rote Linien in der Verhandlung aber explizit ausgeschlossen. Was die Briten eigentlich wollen, wissen sie gerade nicht mal selbst - jede Entscheidung für eines der Modelle der künftigen Zusammenarbeit würde die Konservativen in einen selbstzerstörerischen Streit stürzen. Man nimmt deswegen fassungslos zur Kenntnis, dass die Frage, welches Modell der Zusammenarbeit mit der EU gewählt werden sollte, im britischen Kabinett noch gar nicht besprochen wurde - man müsste sonst Rücktritte befürchten.

Die Verhandlungen laufen derweil nicht gut. Während nach dem Referendum noch gesagt wurde, es würden die schnellsten Verhandlungen überhaupt, da die EU auf die Briten angewiesen sei und deswegen allen Wünschen nachgeben werde, stellt man jetzt fest, dass dem doch nicht so ist. Nun ist die Mehrheitsmeinung, dass die EU erpresserische Verhandlungsmethoden nutze und dass die EU offenbar gar nicht an Verhandlungen interessiert sei (im Gegensatz zu den fairen und vernünftigen Briten, die immerhin Europa in den letzten 100 Jahren zwei Mal gerettet haben).

Eine wachsende Strömung der Politiker im UK plädiert deswegen für "No deal". D.h., man bricht die Verhandlungen ab, kommt zu keiner Übereinkunft und ist dann ab Ende März 2019 von allen europäischen Fesseln befreit, zahlt vor allem keinen Pfennig mehr. Das ist eine wahnsinnige Idee, die katastrophale wirtschaftliche Auswirkungen hätte. Weite Teile des öffentlichen Lebens kämen zum Erliegen (ich fange erst gar nicht damit an, was das im Einzelnen bedeutete). Aber, wie gesagt,  im UK ist das gerade eine Idee, die eine große Anhängerschaft hat. Die Briten könnten sich damit trösten, dass sie nicht nur ihre eigene Wirtschaft schädigen würden, sondern auch der EU (wenn auch lang nicht in dem Maße wie den Briten) schaden könnten.

Dieser selbstmörderische Zug der britischen Politik wird m.E. in Deutschland gar nicht so richtig wahrgenommen, weil man sich eben nicht vorstellen kann, dass irgendjemand im Ernst eine solch schädliche Politik verfolgen könnte. Aber es ist so. Bleibt die Frage, warum? Zum einen spielt hier sicher eine britische Selbstüberschätzung mit, die immer noch in imperialen Träumen hängt. Aber kann das zu einer kompletten ökonomischen Verblödung einer eigentlich wirtschaftsfreundlichen Partei führen? Mir drängt sich immer mehr der Gedanke auf, dass hier Leute am Werk sind, die sowohl den Briten als auch der EU maximalen Schaden zufügen wollen. Unter den Beratern der britischen Regierung findet sich z.B. ein Think-Tank, der einen Disaster Kapitalismus vertritt. D.h., für Leute arbeitet, die in Krisenregionen billige Assets kaufen, um sie später mit Gewinn verkaufen zu können. Von den kommendem Tumult könnten sicher einige profitieren. Wenn sich das weiter so entwickelt, lässt sich das Ganze aber nur noch mit Verschwörungstheorien erklären. Wenn man sich ein paar Verbindungen einiger der Protagonisten ansieht, drängen sich verschiedene Dinge auf.

Man darf nicht annehmen, dass die Briten (mehrheitlich) zur Vernunft kommen. Wenn das alles schief geht, sind die bloody foreigners schuld, die EU-Diktatoren und natürlich Merkel, die sozialistische Nazidiktatorin, die nach Auffassung vieler Briten für alles verantwortlich ist, was passiert und was nicht passiert. Wenn die Briten aufgrund des wirtschaftlichen Niedergangs in einen Kompromiß gezwungen werden, wird das das Land zerreißen.

Das alles nimmt kein gutes Ende mehr. Die Briten werden in die Geschichte eingehen als das Volk, das das eigene Haus anzündete, weil dann vielleicht auch das Haus des Nachbars zu brennen beginnen könnte.

(Ich habe auf Links oder Quellen verzichtet, liefere bei Interesse gerne nach. Wer meint, das sei alles übertrieben: leider nicht.)


Samstag, 21. Oktober 2017

Die Ente, die eigentlich eine Maus war

Die Donaldisten haben ein nettes Buch herausgegeben, eine Sammlung von Donald Duck-Geschichten, die im englischen Mickey Mouse Weekly in den Jahren 1937-1940 veröffentlicht wurden und von dem britischen Zeichner William Ward gezeichnet wurden.

Die Geschichten sind schon deswegen interessant, weil die amerikanischen Micky Maus-Comics zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich als Zeitungscomics stattfanden. Es gab zum einen den täglichen Micky Maus-Abenteuerstrip, der seit den frühen 30ern von Floyd Gottfredson gezeichnet wurde, und den täglichen Donald-Strip, der vor allem von Al Taliaferro gezeichnet wurde. Während die Micky-Geschichten sich teilweise über halbe Jahre hinstreckten, waren die Donald-Geschichten kurze Gag-Strips, die meist nur aus wenigen Panels bestanden. Ausführlicheres Donald-Material gab es damals nur in den zahlreichen Kurzfilmen. Das Entenhausener Universum, mit den ganzen Nebenfiguren, wurde in den Comics erst in den Vierzigern durch Carl Barks entworfen.

In dem britischen Mickey Mouse Weekly wollte man aber nun eigenes Donald-Material, zusammenhängende Geschichten, mit jeweils einer Seite pro Woche. Woran orientierte sich nun William Ward? Wenig überraschend nahm er die Donald-Kurzfilme als Inspiration. Die erste Geschichte heißt Donald und Donna, die weibliche Hauptfigur Donna tauchte 1937 in dem Kurzfilm "Don Donald" auf. (Daisy hatte, soweit ich das sehe, erst 1940 ihren ersten Auftritt in dem sehr schönen Film "Ein Tänzchen mit Daisy".) Die Geschichte beginnt sehr britisch, Donald bringt Donna als Geschenk Räucherhering (Kippers) mit, sie ist nicht begeistert, also verspricht er ihr, Diamanten zu besorgen. Das hört ein Ganove, es folgt eine Verfolgungsjagd, verschiedene Entführungen, Schatzsuchen auf afrikanischen Inseln, auf knapp 14 Seiten. Den Ganoven Squinch hat sich Ward aus den Micky-Comics von Gottfredson geborgt, er taucht zum ersten Mal 10.9.1934 in der Geschichte "Bobo, der Elefant" auf. Auch die Darstellung der "Wilden" auf den afrikanischen Inseln ist leider nicht weniger von rassistischen Stereotypen geprägt als die in den amerikanischen Comics der Zeit.


Ward ließ Donna nach der ersten Geschichte fallen, Donalds Begleiter wird nun ein Matrose Mac (der eine britische Neuschöpfung ist). Die Geschichten bleiben slapstickartig, allerdings bleibt die Notwendigkeit, längere Erzählungen zu etablieren. Ward bleibt bei den Abenteuergeschichten, mit leichten Detektivanteilen. Interessant ist, wie sich das auf Donalds Persönlichkeit auswirkt. In den Kurzfilmen ist Donald ein jähzorniger Pechvogel, der im Kampf mit sich und der Umwelt ist. Dies findet sich auch in den Strips von Al Taliaferro. Carl Barks hat später Donald in ein festes soziales Gefüge aus Neffen, Onkeln, Freundinnen und Rivalen gestellt, das die Folie zu seinen wütenden Kleinbürgereskapaden darstellte. Für die Abenteuergeschichten war Dagobert Ducks Geldgier immer der Ansporn. Barks Geschichten waren auch immer gut durchkomponiert, mit einem Plot, der sich folgerichtig von Anfang bis Ende entwickelte. Ganz anders die langen Zeitungscomics von Gottfredson, bei denen man sich vor allem am Anfang und dann in den Vierzigern fragen musste, ob die Autoren sich am Ende eigentlich noch daran erinnerten, wie das Ganze begonnen hatte.

Ward orientierte sich bei seinen Geschichten klar an den Zeitungscomics. Wichtig war ein Cliffhanger am Ende jeder Seite, ausreichend Spektakel, weniger eine klar durchkomponierte Struktur. Wenn man sich die Asterix oder Spirou und Fantasio- Geschichten ansieht, die auch ursprünglich wöchentlich mit einer Seite veröffentlicht wurden, merkt man einen deutlichen Unterschied.

Der Donald des Mickey Mouse Weekly unterscheidet sich nur wenig von dem Micky Maus der frühen Zeitungscomics. Eine etwas alberne Hauptfigur, die interessante Abenteuer besteht. Die Nebenfigur Mac bleibt einigermaßen blaß, ähnlich wie Mickys erster Kumpan, Horaz Pferdehalfter (Goofy kam erst später als Nebenfigur als Micky immer erwachsener und vernünftiger wurde). Für Donaldisten ist das natürlich enttäuschend, da die vernünftige und langweilige Maus immer das Feindbild bleibt.

1938 schickt Ward Donald und Mac nach England, in der Geschichte "The Mystery of Merlyn Towers". Hier lässt sich schön sehen, wie Ward sich an Gottfredsons Material orientiert, aber ganz neue Dinge schafft. In dem englischen Schloss scheint es zu spuken, Donald und Mac stellen aber bald fest, dass hinter dem Spuk Gangster stecken, die es auf wertvolle Gemälde abgesehen haben. Eine Spukgeschichte hat auch Gottfredson zwei Jahre vorher mit dem "Haus der sieben Geister" geliefert (eine der schönsten klassischen Micky-Geschichten, vor allem, weil hier Micky, Goofy und Donald als Detektive vereint sind). Auch hier sind die Geister in Wirklichkeit Gangster, allerdings Schmuggler.

Wenn man sich ein paar Panels ansieht, gewinnt man den Eindruck, dass Ward die Gottfredson-Vorlage genau begutachtet hat.




(Interessant ist, dass Donald mit einem Kamin, aus dem er gerade herausgeklettert ist, abstürzt, der dann aber doch - wie im Gottfredson Vorbild - wie ein Regen-Fallrohr befestigt ist.)

Die Ward'schen Donald-Geschichten enden dann auch 1940 mit einer freien Nacherzählung einer Gottfredson Geschichte - aus der "Wolkeninsel" wird "Dr. Einmugs Sklave". (Ein Scherz, den ich auch erst Jahrzehnte später verstanden habe. Der Wissenschaftler bei Gottfredson und Ward heißt "Einmug". Der Witz erschließt sich nur, wenn man weiß, dass die Briten und Amerikaner der Auffassung sind, dass ein Bierkrug in Deutschland "Stein" heißt. Aus dem "Stein" wird im Namen also die "Mug" (Teetasse)).


Es gäbe noch genügend Aspekte der Geschichten von Ward, die man auf Einflüsse und Vorbilder untersuchen könnte. Vielleicht ein andermal. Allerdings muss man darauf hinweisen, dass Ward vor allem gegen Schluß eine fantastische Welt entworfen hat, die im sonstigen Disney-Universum keine Entsprechung hat. 




(Bildnachweis: Alle Copyright Walt Disney; Bilder von Donald von William Ward, Donaldist Sonderheft Extra, Bilder von Micky, aus Fantagrafics, Floyd Gottfredson Mickey Mouse).  

Hinweis: Eine Einführung zu Floyd Gottfredson findet man  in diesem Beitrag, zu seinen Comics im Zweiten Weltkrieg hier, zu seiner Figur Gamma hier, zu einem Vergleich seiner Zeitungscomics und der Nachzeichnungen für die Nachkriegscomichefte hier.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Eine Schachtel voll Regen

Die Grateful Dead hatten sich Ende der Sechziger schon einen Ruf als psychedelische Band erarbeitet, mit LPs und Konzerten, die aus Endlosimprovisationen bestanden. 1970 gingen sie allerdings ins Studio für zwei Alben, die in eine ganz andere Richtung gehen sollten. Als erstes wurde "Workingman's Dead" veröffentlicht, danach "American Beauty". Die Aufnahmen waren stark von David Crosby beeinflusst, damals ein Nachbar von Dead-Gitarristen Jerry Garcia. Ähnlich wie die Byrds in "Sweetheart of the Rodeo" versuchten sich die Dead daran, die Redneck-Countrymusik für die Hippies zu retten (die Grateful Dead kamen ursprünglich auch aus dem Folk-Umfeld, so dass das musikalisch gar keine so große Umstellung war, kulturell allerdings schon). Robert Hunter, der Texter der Dead, berichtet, dass er zu dem Lied Cumberland Blues von einem Minenarbeiter angesprochen wurde, dass er nicht wissen wolle, was sich der ursprüngliche Komponist dieses Liedes denken würde, wenn er sein Werk von den Grateful Dead gespielt höre. Dem Mann war nicht klar, dass es sich um eine Originalkomposition der Band handelte.

Das Ergebnis enthielt schön instrumentierte Bluegrass- und Country-Lieder, mit Chorgesang, ohne Gitarren- oder sonstige Soli.  Das erste Lied der American Beauty, Box of Rain, ist eines meiner absoluten Lieblingslieder.

Wenn man über die Band liest, merkt man schnell, dass es sich nicht unbedingt um einfache oder angenehme Zeitgenossen handelte. Die Musik ist allerdings schon einzigartig.

Freitag, 29. September 2017

Ich ging im Netze so für mich hin und nichts zu suchen war mein Sinn

Gräßliche Funde der letzten Wochen. An eurer Stelle würde ich hier nicht weiterlesen.

Peter Parsons und sein Brexit-Song. Ich war so fasziniert, dass ich es mir zweimal ansehen musste. Wahrscheinlich vermittelt der Song tatsächlich das Brexit-Feeling: einem alten Sack im Union Jack-Anzug mit Fähnchen auf dem Hut zuhören wie er erzählt, dass alles prima wird.

(Auf einmal tauchen in meiner Empfehlungsliste eine ganze Reihe von Brexit-Songs auf; die hebe ich mir aber mal für schlechte Zeiten auf. Man darf die ganzen Knüller nicht auf einmal konsumieren.)


Ganz anders, aber auch schlimm: Der Heavy-Metal Bauer. Zwar eine nicht allzu gute Parodie, aber ich musste trotzdem lachen. "Meine Kühe muhen, wenn sie kacken." Natürlich, was sonst. Tractorrrrrr!

(Wenn man sich das ansieht, kann man seine Empfehlungsliste vollkommen vergessen. Allerdings gibt es auch noch Perlen, wie z.B. den Death Metal Hahn.)

Samstag, 23. September 2017

Ein Achtziger-Revival, das niemand braucht

Ich habe mir schon häufig gedacht, dass - trotz aller Dinge, die die Zukunft bringen mag - unseren Kindern wenigstens das Leben in nuklearer Bedrohung erspart bleibt, die wir in den Achtzigern ständig präsent hatten.

Tja.

Derzeit fühle ich mich ein bisschen in frühere Zeiten versetzt, das Entsetzen vor dem nunmehr Möglichen, die Ohnmacht angesichts des Geschehens. Grund genug, sich einmal wieder ein bisschen einschlägige Musik der Achtziger anzuhören.

Das irrtümliche Auslösen des Atomkriegs war ja sogar ein gängiges Sujet in Mainstream-Liedern, verwiesen sei nur auf Men at work mit It's a mistake und Genesis mit Land of confusion. Meine musikalischen Interessen lagen anderswo.

Die Schweden Ebba Grön haben mit Tyna bort 1982 ein Lied aufgenommen, das mir immer in diesem Zusammenhang einfällt, weil die ersten Zeilen übersetzt lauten "große Männer spielen mit Leben". Ein schönes, düsteres und ruhiges Lied.




Die schwäbischen Rocker von Schwoißfuaß haben den damaligen Wahnsinn mit "Dr hoiße Droaht" wunderbar zusammengefasst. Die letzten vier Zeilen des Lieds fassen für mich immer die Ohnmacht des Einzelnen angesichts dieses Geschehens gut zusammen.




Gestern habe ich mir auch die Anarchopunks Crass wieder angehört, die mir die letzten paar Mal beim Anhören wie Boten aus längst vergangenen Zeiten vorkamen. Das Lied "Bumhooler" von 1982 beginnt mit den Zeilen "If they drop a bomb on us, we fucking deserve it, We know we got it coming, we fucking deserve it". Das kommt mir dann schon wieder sehr gegenwärtig vor.





Donnerstag, 14. September 2017

RIP Grant Hart

Grant Hart, der frühere Schlagzeuger von Hüsker Dü, der später mit anderen Bands und Solo unterwegs war, ist mit 56 Jahren an Krebs gestorben. Grant Hart und Hüsker Dü haben mich die letzten 35 Jahre musikalisch begleitet, auch hier auf dem Blog findet sich so einiges über ihn.
Hüsker Dü lösten sich 1987 im Streit auf, sie waren nie über einen engen Kreis hinaus bekannt, aber einflussreich; die Alternative-Musik-Szene der 90er hätte ohne sie ganz anders ausgesehen. Profitiert hat Grant Hart davon nicht.

Wenigstens scheinen sich die beiden Hüsker Dü-Frontmänner Grant Hart und Bob Mould vor seinem Tod noch versöhnt zu haben.

Anbei die akustische Version eines Liedes von seiner ersten Solo-LP "Intolerance". Das Lied werde ich mir wohl auch noch die nächsten 25 Jahre anhören können, ohne seiner überdrüssig zu werden.

Mittwoch, 13. September 2017

Ein Cognac-getränkter Clown und ein Aufgeblasenen Dandy (Die Briten wieder...)

Hier war es jetzt lange Zeit ruhig in Bezug auf Brexit-Nachrichten. Das liegt zum einen daran, dass die allgemeine deutsche Berichterstattung m.E. inzwischen recht akzeptabel ist. Zum anderen ist das ganze Thema ein furchtbares Elend. Ich verbringe immer noch genügend Zeit mit der britischen Innenpolitik, man fühlt sich aber wie ein Gaffer bei einem Auto-Unfall.

Die Verhandlungen über den Ausstieg laufen gerade nicht gut, die Briten hatten den einen Verhandlungsvorteil, dass sie den Zeitpunkt des Ausstiegs bestimmen konnten. Diesen Vorteil haben sie - unvorbereitet und unnötig - mit ihrer Art. 50 Erklärung aus der Hand gegeben. Nun sind sie am 29.3.2019, 23 Uhr Ortszeit, in jedem Fall draußen, die Uhr tickt und die Zeit läuft gegen sie. Ich mag gar nicht damit anfangen, was für Probleme sich daraus ergeben, nur ein Hinweis: Die Briten wollen aus dem Gemeinsamen Markt und aus der Zollunion heraus, das heißt, dass sie ihre eigene Zollverwaltung stark ausbauen müssen. So wäre es z.B. auch ganz gut zu wissen, welche Zölle in Bezug auf die EU gelten sollen (ggf. müsste jemand ja jetzt mal die IT programmieren...).
Aber kein Mensch weiß, was am 30.3.2019 gelten soll. Das bedeutet Chaos. Da die britische Wirtschaft vollkommen in die EU integriert war, gibt es dieses Chaos überall, bei jedem grenzüberschreitenden Sachverhalt.

Die Briten ziehen daraus jetzt aber nicht den Schluß, dass man vielleicht noch ein bisschen Zeit bräuchte oder dass man jetzt versuchen müsste, einen Kompromiss zu finden. Es gibt eine breite Strömung, die leider auch Gehör in Regierungskreisen hat, die der Auffassung ist, man müsse gar nicht verhandeln, sondern könne auch einfach vom Tisch aufstehen. Schließlich hätte auch 1972 - vor der EU - alles funktioniert, das werde jetzt nicht anders sein. Intern wird dies mit - man kann es kaum anders sagen - Propagandaartikeln begleitet, nach denen allein die EU aufgrund ihres unverschämten Verhaltens Schuld am Scheitern trage. Die Sun war so freundlich, einen ihrer Artikel auf deutsch zur Verfügung zu stellen, hier hat man einen guten Einblick in die Denkweise (inzwischen gibt es eine korrigierte Fassung, die erste Fassung hat dankenswerter Weise Jon Worth gesichert). Sollte man durchaus lesen. Nach meiner Einschätzung denkt so zwar nicht die Mehrheit, aber ein sehr großer Teil der Briten. Die Briten sind auch von der Idee besessen, dass der Brexit auch auf dem Kontinent ein bestimmendes Thema ist. Das fehlende Echo erklären sie sich damit, dass Merkel verzweifelt versucht, das Thema in Deutschland zu unterdrücken (Merkel ist ja ohnehin für die Brexiters eine Projektionsfläche für alles mögliche).

Flankiert wird das Ganze von Ratschlägen, dass die Leute vom Kontinent eben nicht rational und fair verhandeln könnten, wie es die Briten tun. Wie jemand auf die Idee kommen kann, dass es einen EU-weiten Verhandlungsstil gebe! Der Ratschlag ist, man müsse einfach die Verhandlungen abbrechen, dann kämen die Europäer schon angewinselt. Ich habe ja in dem Entwürfe-Ordner noch einen Beitrag mit Ratschlägen zur Verhandlung mit Wahnsinnigen liegen, aber da ich keinem Leser wünsche, dass er in solche Verlegenheit kommt, bleibt der besser bei den Entwürfen. (Die Position der EU ist auch nicht über alle Zweifel erhaben, aber der Dilettantismus und die Arroganz der Briten schmerzt schon ziemlich.)

Wenn es zu dem Verhandlungs-Aus kommt, werden auch wir darunter finanziell leiden müssen. Die Nachrichten aus dem UK, die das übertreffen werden, was wir vor drei Jahren aus Griechenland gehört haben, können uns dann auch nicht trösten. Es ist schade, dass eine eigentlich so vernünftige Nation nun in selbstverschuldetes Chaos taumelt. Aber selbst, wenn den Briten irgendwann klar wird, dass das ganze keine gute Idee ist: Ein Zurück wird es nicht mehr geben.

(Wie kann man so traurige Sachen musikalisch untermalen? Mir fallen hier nur die Meister des masochistischen Doppeldenks ein:)

Freitag, 8. September 2017

Große Eier, echter Bayer

Meine Streifzüge durch die Schellackplatten-Archive bei Archive.org sind ja nicht sonderlich beliebt, was für einen so klickorientierten Blog wie diesen natürlich ein Problem darstellt. Aber es hilft ja nicht, jetzt wird es noch ein bisschen schlimmer, wir können uns nämlich den Wahnsinnigen der Schellack-Interpreten widmen.

Vor ein paar Jahren habe ich mal Lieder von Exilgriechen in Chicago vorgestellt, die griechische Volksmusik mit Banjo aufgenommen haben, ähnliches gibt es auch von anderen amerikanischen Einwanderergruppen. Die deutschstämmigen Einwanderer bemühten sich redlich, allen Klischees gerecht zu werden, was das Lied von dem "Schnitzelbank" beweist. Von der Struktur her ist es ein Lied, bei dem jeweils die Reimworte des letzten Verses wiederholt werden, so wie bei "Drunt in der grünen Au". Da ich hier ja auch noch selbst etwas bei jedem Post lerne, habe ich festgestellt, dass "Schnitzelbank" eine Art des Bänkelsanges ist, die wohl in der Schweiz (und in den USA) noch populär ist.  Offenbar kannten die deutschen Einwanderer diese Tradition auch. Wer das Lied anhört, kriegt auch eine Idee, woher die Anregung für das Lied der Schlümpfe kam. 1935 muss ein gutes Jahr für den Schnitzelbank in den USA ewesen sein, denn wir finden gleich zwei Versionen dieses Liedes, mit leicht abweichendem Text.

The Gaiety Trio Schnitzelbank . Das Gaiety Trio schafft es "gute Butter" und "Schwiegermutter" zu reimen, des Weiteren "gutes Bier" und "alter Stier". Und natürlich "große Eier" und "echter Bayer", "schöne Frau" und "fette Sau". Man muss es selbst gehört haben (bzw. eigentlich sollte man es vermeiden, sich das anzuhören).

Etwas anders dagegen Ivan Frank's Hofbrau Band aus dem gleichen Jahr. Hier reimt sich "kreuz und quer" auf "Schießgewehr", "Wagenrad" auf "krumm und grad", "großes Glas" auf "Ochsenblas", "Langemann" auf "Tannenbaum", und einige Wörter, die ich beim besten Willen nicht identifizieren kann. Ich habe mir das gerade zum wiederholten Male angehört, um den Text zu dechiffrieren, sagen wir mal so, die Katzen haben schnell den Raum verlassen.

In etwas vertrautere Bereiche kommen wir dann in den 50er Jahren mit den Weidler Brothers und der Schnitzelbank Polka. Gesungen wird jetzt auf Englisch mit deutschem Akzent. "Oh de Schnitzelbank-Polka makes them happy". Irgendetwas mit Bier und Brezn und Peanuts und Sauerkraut und schon passt es. Die Folklore gefällig gemacht, die Sänger als lustige Deppen präsentiert. Deprimierend. 

Donnerstag, 7. September 2017

Die goldenen Latschen

Weiter geht es mit dem Schellack-Streifzug. Goldene Latschen sind nicht nur in bayerischen spätbarocken Kirchen zu finden, es gibt auch Lieder über sie. Das folgende Lied kennt (wenn auch nicht in dieser Version) jeder, der schon einmal die klassische Verfilmung vom kleinen Lord Fauntleroy gesehen hat. Wer jetzt schon einmal vor dem Weihnachtsfernsehen dieses furchtbar schmalzige Gefühl bekommen will, kann sich das Liedchen aus den 50er  20er Jahren anhören. (Ich finde es aber auch abgesehen davon recht nett, Archive ordnet es unter Hillbilly ein, das mag ich ja ohnehin gerne.)

(Ich hatte hier zuerst den Link zu einer eher seelenlosen Version aus den 50ern, die Version von 1927 ist auf jeden Fall netter.)
Kanahwa Singers - Golden Slippers


Mittwoch, 6. September 2017

Ich pflücke Tomaten

Es geht weiter mit dem Streifzug durch die Schellackplattensammlung bei Archive.org. Allerdings noch nicht mit den Wahnsinnigen (keine Angst, die kommen auch noch), sondern mit einem ganz netten Lied von 1940. Ein schöner Blues, der mich natürlich thematisch anspricht. Wahrscheinlich bedeutet Tomatenpflücken hier wieder ganz was anderes, wie schon die Marmeladensemmel. Der Sänger teilt ja irgendwann auch mit, dass er eine ganz dicke Pflanze habe.

Egal, ich will mich nicht beklagen, so viele Lieder für den Tomatenfreund gibt es nun auch nicht.

Brownie McGhee  - Picking my tomatoes.

Montag, 4. September 2017

Herr Schulz kommt zurück (mit Päng! Päng! Päng!)

Es gibt die schöne Seite von Archive.org, wo man alle möglichen kostenlosen Bücher, Comichefte, Musikstücke im Web findet. Macht Spaß dort zu stöbern, auch wenn die verschiedenen Sammlungen, die dort angelegt sind, von sehr unterschiedlicher Qualität sind.

Es gibt z.B. eine große Sammlung von 30.000 Schellackplatten, die man sich jeweils als Datei herunterladen kann, das meiste Kram aus Vorkriegszeiten. Ich habe ja eine gewisse Schwäche für die Musik der Dreißiger und Vierziger, konnte mir da schon manche interessante Abende gestalten, indem ich mich durch die Lieder durchgehört habe. Ein nettes Lied von 1927 ist "Schultz is back again (with Boom! Boom! Boom!)" von den Four Aristocrats. Es geht um den Bandleader einer deutschen Band, der offensichtlich in den USA sein Comeback plant. Der Text macht dabei so jeden Sauerkraut- und Kartoffel-Witz, den man sich vorstellen kann, versorgt uns auch mit ein paar Fetzen Deutsch. Ein wirklich vergnügliches Lied, das Fans der Comedian Harmonists gut gefallen sollte (auch wenn es nicht a capella ist). Ich habe es gestern mehrmals anstelle des TV-Duells gehört, das war in jedem Fall die weisere Entscheidung.

(In loser Folge werde ich ein paar der wahnsinnigeren Lieder aus dieser Sammlung vorstellen.)

Sonntag, 20. August 2017

Lieder über Stuhlgang & Krankheiten

Vielleicht nicht die Partyhit-Kategorie, aber ich finde es schon bezeichnend, dass man hier mehr Ergebnisse bekommt, als bei der Punk & Gemüse-Suche. Und dazu noch gute Sachen.

Anlass für diese kurze Exkursion ist, dass mir Youtube, aus Gründen, die ich auch nicht weiß, ein Lied von Warren Zevon, den ich bislang vom Namen kannte und ignoriert hatte, vorgeschlagen hat.


Das ist ein grandioses Lied über das Älterwerden, warum hat mir bisher niemand gesagt, dass Zevon so gut ist? Tausend Internetseiten und niemand macht sich die Mühe mich zu informieren. Schöne Scheiße. Und zu allem Überfluss muss ich für diese Entdeckung auch noch Youtube/Google, diesen Verbrechern, dankbar sein.

Zu dem etwas älteren Beitrag dieser Kategorie, die fantastischen Familie Hesselbach mit ihrem Hit "Blut im Stuhl". Eine zu Unrecht unterschätzte Band. Wenn sie nicht in Tübingen, sondern in Düsseldorf gewesen wären, hätten sie's mit den Fehlfarben aufgenommen.


Samstag, 19. August 2017

Punk und Gemüse: Geschichte eines Scheiterns

Bei der Blogverlosung im Hauptblog hatte ich angeboten, eine Mix-CD "Die besten Punksongs über Gemüse" aufzunehmen. Das habe ich gemacht, weil ich eh nicht dachte, dass irgendjemand daran Interesse hätte. Zum anderen dachte ich, dass es da ja irgendetwas geben müsste.

Bei beiden Fragen lag ich falsch.

Es gibt also Leute, die wünschen sich eine solche Mix-CD. Und es gibt kaum Punksongs über Gemüse. Aus dem Stand kenne ich ein Lied von Spiel 77 auf einer Jahrzehnte alten Cassette, in dem erklärt wird, dass man keinen Rotkohl mag. Nirgendwo zu finden. Meine Band hatte mal ein Lied, das "(Meine Oma hat) Rote Rüben" hieß, aber da ging es überhaupt nicht um Rote Rüben.

Frau Kirschblüte war der Meinung, dass ich mir die Sache etwas zu leicht mache und gab mir ein paar Vorschläge.


Dieses Lied beginnt mit den zutreffenden Worten: " Die Seegurke ist ein fantastisches Tier." Es hat also mit Gemüse nichts zu tun. So einfach darf man es sich nicht machen.

Ernster muss man schon folgendes nehmen:

Der alte Deutschpunktrick: Langsam und schlecht anzufangen und so zu tun, als würde man jetzt ein langsames Lied spielen, dann 1-2-3-4 und irgendein Geknüppel. Textprobe: Ich liebe dieses Grüngewächs, das besser ist als Gruppensex. Ja, nun. Ein Lied macht noch kein Mixtape, ich möchte ergänzen: Gott sei Dank.
 
Frau Kirschblüte weist jetzt noch auf Eisenpimmel hin.


Allerdings habe ich das Gefühl, dass es bei "Ich habe eine große Gurke" gar nicht um Gemüse geht. Ich habe mir das Lied jetzt bis "Wech mit dem Messer, bitte nich schälen" angehört. Das genügt.

Des Weiteren wurde noch der Kaiser Ketchup erwähnt. Ketchup ist aber kein Gemüse. Daneben noch ein Hinweis auf ein Kraftwerk-Lied. Das ist doch kein Punk nich.  Frau Kirschblüte weist dann noch zurecht darauf hin, dass es eine Dead Kennedys-LP gibt, die "Fresh fruits for rotting vegetables" heißt, aber auf der geht es nicht so richtig um Gemüse.

Es gibt ein Video, in dem ein Punkdrummer mit einer Gurke anstelle von Drumsticks spielt, ein Video, auf denen Geräusche mit Gemüse und 9-Volt-Batterien erzeugt werden, alles nicht das richtige für Mixtapes. Es gibt eine ganz nette Band, die Heavy Vegetable heißt, aber die Lieder gehen gar nicht um Gemüse (sind aber nett, zugegebenerweise).  Auch nett: Eine Girlpunk-Gruppe, die Cucumber heißt (in Augsburg gab's auch mal eine Band, die The Cucumbers hießen). Die Cucumber singt aber über Bad Cop, Bad Cop, das ist eigentlich auch nicht thematisch passend. Charlie and the Horlicks mit Cucumber Love von 1985 wären eher passend, aber auch da geht es nicht um die Verwendung von Gemüse, die mir so vorschwebt.

Das ultimative Lied über Gemüse ist dann eben von einer Band, die von Punk nicht weiter entfernt sein könnte: von den Beach Boys. Auf der Aufnahme hört man auch Paul McCartney, wie er in eine Möhre beißt. Ich finde das Lied fantastisch, insbesondere die Zeile, dass man den Beach Boys einen Brief schreiben soll, in dem man ihnen sein Lieblingsgemüse mitteilen soll.



Schließlich muss man aber sagen, dass es doch noch ein Lied gibt, das die Vorgabe Punk und Gemüse erfüllt. Neil Young, auf der nervigen Transformer-LP beschwert sich über seine Kartoffeln:


Für ein Mixtape wäre das aber immer noch zuwenig.


Dienstag, 15. August 2017

RIP Fred Smith

Über Twitter wurde mir zugetragen, dass Fred Smith gestorben sei. Eine kurze Suche im Web zeigt, dass das wohl stimmt. Smith war in den Achtziger Jahren der Gitarrist der Band Beefeater. Die Band, die inzwischen wohl nur noch wenigen bekannt ist, war Teil der Szene in Washington DC mit Minor Threat, Scream, Bad Brains. Beefeater spielten einen sehr energiegeladenen Hardcore-Punk, der allerdings vor keinen Genre-Grenzen Halt machte. Der Bass war oft sehr funkig, Fred Smith Gitarre eher metallisch, darüber der manische Gesang von Tomas Squip, dem Sänger.

Die Band war wohl fünf bis zehn Jahre zu früh mit ihrer Mischung, gerade die letzte LP "House burning down" hat die letzten dreißig Jahre aber sehr gut überstanden und klingt an vielen Stellen noch frischer als manches, was man heutzutage hört.

Im Gedenken an Fred Smith, dem es in den letzten Jahren wohl nicht mehr gut ging, ein für die Band eher untypisches Lied von der ersten LP "Plays for lover", ein ruhiges Folklied gesungen und gespielt von Fred, das beschreibt, wie es einem ergeht, wenn man mit Skinhead-Frauen Pogo tanzt.




Ergänzung: Ein Bericht über Fred Smith und seinen Tod kann man hier finden

Samstag, 12. August 2017

Der rosafarbene Flamingo

Am Urlaubsort gab es am Strand des Sees ein großes Aufblastier, einen rosafarbenen Flamingo, mit dem man auf den See fahren konnte. Als ich ihn sah, hatte ich ein Lied im Kopf, das ich dreißig Jahre nicht mehr gehört hatte. White Cross hieß die Band, Ami-Hardcore, die erste LP "What's going on" (wahrscheinlich keine Marvin-Gaye-Referenz) von 1983 war nur knapp 17 Minuten lang. Ziemlich heftige Musik, wie die frühen Hüsker Dü, nur dass es von White Cross (soweit ich weiß) kein Spätwerk gibt.

Das letzte Lied war aber etwas anders, durchaus ein Ohrwurm. Im Internet findet sich der Text nicht mehr, wenn ich mich recht erinnere, geht es um einen alten Mann, dessen Flamingo gestorben ist. "It was a pink, pink, pink flamingo". Das Ding hätte ein Partyhit werden können, wenn es nicht auf der obskuren Platte der obskuren amerikanischen Band geblieben wäre. Dank Youtube kann man es jetzt wieder sehen. Die Version ist von 2010, die alten Männer machen eine Reunion, kann man sich aber gut anhören.


Dienstag, 11. Juli 2017

Die Autoren

Dieser Blog ist ja nicht gerade dafür bekannt, irgendwelche kontemporären Entwicklungen nachzuzeichnen, sondern suhlt sich ja in der Vergangenheit.

J.J. hat mich aber letzthin auf einen Youtube-Künstler aufmerksam gemacht, der feine Webserien macht. Der Mann hat als Künstlernamen DeChangeman und macht so viele Dinge, dass ich nicht den richtigen Überblick darüber habe. Eine Webserie, Die Autoren, ist allerdings eine schöne Mediensatire, mit kleinem Budget, aber hohem Anspruch realisiert. Die Stückchen sind 5-8 Minuten lang und sehr witzig. Ausgangssituation ist immer, dass ein Regisseur und Autor versuchen, einem Redakteur des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens eine Idee zu verkaufen. Wenn Ihr Euch das jetzt ansieht, stehen die Chancen gut, dass Ihr Euch gut amüsiert und gleichzeitig entertainmentmäßig wieder komplett uptodate seid.

Interessant ist das Konzept von DeChangeman. Die Serien haben auf Youtube gar nicht so viele Zugriffe, was auch damit zu tun hat, dass hier nicht der Geschmack der 13-15jährigen bedient wird. (Man vergleiche die 28.000 Zugriffe, die die erste Folge der "Autoren" hat, mit den 5,4 Mio., die das (zugegebenerweise auch witzige) "Fidget-Spinner - der Film"-Video von Julien Bam hat). DeChangeman macht wohl allen möglichen Medienkram hauptberuflich und verwirklicht mit den Webserien seine Spaßprojekte. Er finanziert sich daneben noch mit Patreon, was ich ja ohnehin für eine interessante Möglichkeit halte.

Die Komiker und Comedians, die etwas jünger sind als ich, wie z.B. Joko und Claas oder Böhmermann, kann ich mir grundsätzlich nicht ansehen. Mit zwanzig Jahren Abstand kommt offenbar wieder etwas, was ich ok finde (und wo ich eine Vorliebe mit JJ teilen kann). Auf Youtube gibt es da inzwischen einiges zu entdecken. Was will man mehr. 

Dienstag, 4. Juli 2017

Raccoo'n'Roll

Aufgrund merkwürdiger Vorkommnisse im Hauptblog muss ich mich mit Waschbären beschäftigen. Der Zweitblog hier liegt seit Wochen brach, also eine Gelegenheit, uns mit dem Waschbären in der modernen Musik zu beschäftigen (seid Ihr auch so aufgeregt?).

Bislang kannte ich zwei Waschbären-Lieder, und ich dachte, es kann ja nicht so schwer sein, noch mehr zu finden. Weit gefehlt. Wenn man Waschbären-Liedgut sucht, muss man sich in dunkle Tiefen begeben.

Das erste Waschbär-Lied, das ich kenne, ist hier schon vorgestellt worden. Mischa mit "Ich und Rocky Waschbär", eine furchtbare Frank-Farian-Komposition. Das kam früher immer im SWF-Wunschkonzert. Über die Zeile "Und ein netter Polizist hat uns beide dann nach Hause gebracht" könnte ich mich jedes Mal aufregen. Aber so weit kommt man beim Hören eigentlich meistens nicht.

Das zweite Waschbären-Lied ist "Rocky Raccoon" vom Weißen Album der Beatles. Paul McCartney versucht, eine Redneck Country-Geschichte zu erzählen. Ich habe das Stück auch ab und zu gespielt, das letzte Mal (vor etwa 30 Jahren) sind auf dem Campingplatz mehrere Finnen vor Lachen umgefallen, weil ich weder die Akkorde im betrunkenen Zustand hinkriegte, noch überzeugend das genuschelte Intro brachte. Was soll's. Auch in diesem Lied kann ich mich über eine Zeile furchtbar aufregen. Rocky ist auf der Suche nach seiner Frau, die so eingeführt wird: "Her name was Magill, she called herself Lil, and everyone knew her as Nancy". WTF? Das ist typische McCartney-Zeilenschinder- und Schlamperei. Aber was will man von jemand erwarten, der das erste Lied, das von ihm aufgenommen wurde, mit den Zeilen "She was just seventeen/ Well, you know what I mean" beginnt? Nicht viel, nicht viel.

Die traurige Nachricht ist, dass die sonstige Waschbären-Musik eher noch schlimmer ist. Wenn man auf Youtube sucht, findet man ohnehin nur unmusikalische Waschbären-Videos, wo diese Untiere irgendwelche Untaten begehen.

Von zweifelhaften Geschmack ist zum Beispiel dieser Waschbären-Song, in dem musikalisch schlecht und inhaltlich zweifelhaft deutlich gemacht werden soll, dass Waschbären "little assholes" sind und auch hinter 9/11 steckten. (Eine deutsche Variante: hier). Schlimm sind die deutschen Kinderlieder zu Waschbären über irgendwelche Viecher, die sich dann doch nicht waschen wollen. Irgendwie anrührend sind die Whiskey Raccoons, ein Ehepaar, das im Wohnzimmer Adele-Lieder nachspielt. Anhören muss man sich das trotzdem nicht (oh Gott, jetzt habe ich in den Whiskey Raccoons-Channel reingesehen, ich bin jetzt schon bei den 4NonBlondes-Covern, holt mich vom Computer weg).
 

Freitag, 16. Juni 2017

Wüstenfluss

In den frühen 80er Jahren wurden in den USA die Grundlagen dafür geschaffen, dass aus der Punkbewegung eine umfassende alternative Musikkultur über die verschiedensten Genres hinaus entstand. Wegweisend war das Black-Flag-Plattenlabel SST, das kurz vor dem Zusammenbruch eine wundersame Mischung aus Punk, Hardcore, Jazz und Folk verbreitete. Das Label-Motto war "Corporate Rock sucks", was man vielleicht mit "Großkonzern Rock ist Scheiße" übersetzen könnte. Bands wie Hüsker Dü und Minutemen legten den Grundstein für das, was in den 90er Jahren sich als Alternative Rock etablieren konnte.

Ein weiteres Genre wurde damals von den Industriefesseln befreit, nämlich der Hard Rock. Wer hier ab und zu mitgelesen hat, weiß, dass ich kein Freund von Hard Rock und Heavy Metal bin, deswegen hat mich das damals auch nicht sonderlich begeistert. Die Bands, die Mitte der 80er Hard Rock aber neu entdeckt haben (hier sind vor allem auch viele Bands aus Washington DC zu nennen), waren aber wahrscheinlich der Auslöser für Grunge, New Metal und was es sonst noch für Furchtbarkeiten gab.

Eine wenig bekannte, aber durchaus einflußreiche Band war SWA, getragen vor allem vom Sänger Merrill Ward und dem Bassisten Chuck Dukowski (der früher bei Black Flag gespielt hatte). Ward war eher ein Hard Rock-Shouter, die Lieder der Band waren deutlich kontrollierter als die üblichen Hardcore-Stücke. Im Nachhinein ist es schwer zu erkennen, wie revolutionär die Band war, weil man inzwischen eben Tausende von Epigonen gehört hat. Mitte der 80er konnte man so etwas keinem Metal-Fan vorspielen, das war nicht so, wie Metal oder Hard Rock zu sein hatte.

Die SWA-Platten bekommt man inzwischen, wenn überhaupt, nur noch auf Ebay. Die erste LP hatte den schönen Titel "SWA is your future if you have one". Die letzte Platte XCIII (es gab später noch einmal eine, ohne Ward, die aber kaum hörbar ist) wurde mit Gitarristin Sylvia Juncosa aufgenommen und enthielt das wohl bekannteste Lied, Arroyo. Zu diesem Lied nahm die Band (mit Ward als Regisseur) ein relativ aufwendiges Video auf. Das Stück handelt vom Arroyo, dem Wüstenbach, der wohl die Frauen symbolisieren soll, über den Text mag ich hier lieber nichts schreiben. Das ganze Video hat eine merkwürdige 80er-Jahre-Porno-Ästhetik, man kann Merrill Ward zusehen, wie er so langsam halb verdurstend durch die Wüste geht, Sylvia Juncosa taucht als mystische Indianerin, Chuck Dukowski als Cowboy mit schlechten Zähnen auf. In einer Deliriumsszene denkt Ward, er knutsche leicht bekleidete Frauen ab, in Wirklichkeit umarmt er aber einen Kaktus.

Das Lied ist allerdings nicht ohne Reiz, wenn man sich einmal dafür entscheidet, wie ernst man das Video nehmen will. Der Refrain bleibt einem nachhaltig im Kopf hängen. Und bei der Recherche habe ich festgestellt, dass Merrill Ward inzwischen Videos von der Violinstunde seines Sohnes auf Youtube einstellt.

Freitag, 9. Juni 2017

Meine Lieblings-LP

Der Wahlpankower Eddie Argos schreibt ja nicht nur Bücher und Comics und macht Musik, sondern malt auch Bilder, die mir sehr gut gefallen. Derzeit gibt es eine Aktion, bei der Eddie die Cover der Lieblings-LPs der Besteller malt. Während er malt, hört er die LP (Einzelheiten und ein paar weitere Beispiele gibt es hier).  An so einer Aktion kann ich natürlich nicht vorbei. Mitzumachen setzt dann natürlich erst einmal voraus, dass man sich darüber klar wird, was eigentlich die eigene Lieblings-LP ist.

Nach längerem Überlegen war das bei mir "Miami" von Gun Club; eine Platte, die ich mir mehrmals kaufen musste, weil ich sie buchstäblich kaputt gespielt habe. Hier ist Eddies Interpretation des Covers:



Mit dem Bild bekommt man auch eine Kurzrezension der LP, die ich - mit freundlicher Erlaubnis - hier mitteilen will. Eddie meint, die Gun Club klängen wie eine verzweifelte Version der Replacements bzw. wie ein paar Motherfucker aus Kansas, aber trotzdem so melodisch.
Im Einzelnen:

I can't believe I've only just discovered The Gun Club. They "tickle my bones" - lo fi rock passionate, more than just a hint of Americana. They sound like a distraught Replacements, it's still intense rock and roll but they definitely don't sound a s if the are having as much fun as that band. I love that album make the Gun Club sound like a Kansas bunch of motherfuckers, whilst they also sound so tuneful. "Calling up thunder", for example, is so melodic. It's always good to hear John Hardy, too. I already love the Billy Childish  + Roy Harvey versions, now I can add this to the collection. I loved this album. I played it just enough to whet my appetite before I had to move on to the next painting. Once this project is over, I can't wait to go back & explore the Gun Club more. Thanks for introducing me to your favourite album. I'm fairly sure I've a few more listens to it becoming one of my favourites too. 

(Wenn ich es mir recht überlege, wäre She's like heroin to me eigentlich das ideale Lied, das Art Brut covern könnten.)

Freitag, 2. Juni 2017

Die Rückkehr des politischen Liedes

Die Musik soll ja in schlechten Zeiten besser sein, an ein paar Stellen habe ich hier ja schon musikalische Reaktionen auf Trump aufgeführt. Im UK führt gerade ein Lied die Download-Hitparade an, das unmittelbar die Parlamentswahlen dort adressiert.

Man könnte jetzt viel darüber schreiben, zu welchen Zeiten die subtilen politischen Lieder die besseren waren, und zu welchen die direkten. Das hier ist direkte politische Polemik, funktioniert aber sehr gut (ein Ohrwurm ist es außerdem).


Donnerstag, 25. Mai 2017

Es kommt nicht darauf an, was du tust, es kommt darauf an, wie du es tust

Viel zu wenig Ella Fitzgerald hier; Black Coffee hatten wir einmal, das müsste man eigentlich mindestens einmal wöchentlich hören. Für die Ohrwurm-Woche haben wir dann noch das folgende Lied:

"That's what gets results...."

Sonntag, 21. Mai 2017

Sex Sex Sex

Der Sommer beginnt und der Berliner und die Berlinerin wirft die Kleider von sich. Dank eines Mixtapes, das ich vor knapp dreißig Jahren von Michali bekommen habe, habe ich automatisch Hans-a-Plast im Ohr, wenn es etwas wärmer wird. Das Lied lässt einen ratlos zurück, ich kann aber garantieren, dass es euch auch durch den Kopf gehen wird, wenn ihr es euch einmal angehört habt. "Deutschland errötet",

Hans-a-plast waren ohnehin eine prima Band. (Mir glaubt ja wieder keiner was, aber hört euch doch mal mehr Hans-a-Plast an, das ist unglaublich gut.)


Donnerstag, 18. Mai 2017

Zeig mir, wie man lebt

Grunge habe ich nie gemocht, Metal hat mich nie interessiert, und trotzdem hat dieses Lied vor über 10 Jahren dazu geführt, dass sich mein erloschenes Interesse für kontemporäre Musik wieder entwickelt hat.

R.I.P. Chris Cornell.


Über den Titel und den Schluss des Videos denkt man jetzt besser nicht nach...

Sonntag, 14. Mai 2017

Vor dreißig Jahren



Bad Brains in der Theaterfabrik, so weit ich mich erinnere, das erste Konzert, zu dem ich selbst gefahren bin, 90 Minuten nach München hin. So etwas wie die Bad Brains hatte ich zuvor noch nie gehört, diese metallische Aggressivität gemischt mit Reggae- und Funkanleihen. Bei den schnellen Liedern musste man aufpassen, dass man nicht zerdrückt wurde, bei den entspannteren Nummern war es verträglicher. Ich kann mich hier vor allem an "She's calling you" erinnern.

Mitten in der Nacht bin ich dann von München mit pfeifenden Ohren zurückgefahren, am vernebelten Ammersee vorbei. Am nächsten Tag wieder in die Schule, aber die Welt sah anders aus.

(Damals war mir nicht klar, wie verpeilt die Bad Brains eigentlich waren, mit der nächsten (eigentlichen schönen) LP sind sie ja dann komplett in das Reich des religiösen Irrsinns abgedriftet.)

Samstag, 13. Mai 2017

Tanz Bauchtanz für mich

Noch einmal Roza Eskenazi, über die ich ja vor ein paar Monaten wieder gestolpert bin. Ein schönes Lied im Smyrna-Stil (ich habe keine Ahnung, von wann es ist, die Instrumentierung scheint mir aber eher auf eine Vorkriegsaufnahme hinzudeuten). Es geht um den griechischen Bauchtanz, den Tsifteteli. Ich würde vorschlagen, wir trinken jetzt alle mal einen Liter Demestica oder Imiglykos und tanzen dann mal mit (das war kein Vorschlag, sondern ein Befehl, Kinners).


Die größte Lüge

1983 gab es wahrscheinlich noch keine Casting-Shows und Deppenwettbewerbe im Fernsehen, aber Hüsker Dü haben auf ihrer Doppel-LP "Zen Arcade" alles Nötige dazu gesagt. Die Zeilen aus "The biggest lie" - Du glaubst, du hast es an die Spitze geschafft, weil die Leute deinen Namen kennen - aber es ist immer noch das Gleiche. Zurück in die Heimatstadt, zurück zu deinem alten Beruf, zurück zu deinem Freundin - gehen mir regelmäßig durch den Kopf.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Jah War

Ich lese ja eigentlich seit einem Jahr die verschiedenen britischen Blätter und bin einiges gewohnt. Im UK herrscht jetzt gerade Wahlkampf und Theresa May hat eine Rede gehalten, in der sie "Brüssel" beschuldigt, den britischen Wahlkampf zu beeinflussen, um die britische Position in den Brexit-Verhandlungen zu schwächen (man muss gar nicht versuchen, irgendeinen Sinn darin zu finden, am ehesten trifft es vielleicht dieses Stückchen hier). Gestern ging es mir zum ersten Mal so, dass ich die Kommentierungen in der rechten (= Mainstream) britischen Presse dazu nicht lesen konnte, weil mir wirklich körperlich schlecht davon wurde.

Ich habe keine Ahnung, wie es geschehen konnte, dass dieses wundervolle pragmatische Volk dem nahezu vollständigen kollektiven Wahnsinn verfiel. Ich weiß, welche Ängste die EU-Ausländer im UK gerade ausstehen müssen, ich wünsche niemand eine solche Situation, in der man nicht weiß, ob man in zwei Jahren noch erwünscht ist und unter welchen Bedingungen man bleiben kann. Die Verhandlungen haben noch nicht einmal angefangen und wir haben schon die ersten Kriegsdrohungen auf Zeitungstiteln. Das wird alles nicht schön.

Ergänzt: Eine gute Zusammenfassung des Stands der Dinge im UK findet man wie immer bei Robert Rotifer.


Sonntag, 30. April 2017

Peppone, Moloch und Ben Racken im Kvu

Die Magdeburger Beatbox-Punker von Peppone kamen nach Berlin, also machte ich mich auch auf den Weg. Leider kam Torsten von der Bördebehörde nicht mit, wäre eine nette Gelegenheit für ein Treffen gewesen.

Das Konzert fand im Kvu in der Storkower Straße statt; kannte ich vorher noch nicht, aber es gibt ja immer noch die Faustregeln aus den alten Zeiten: Wenn man in der Nähe ist, einfach gucken, wo sich die merkwürdigen Leute treffen. Genauso auch in der Storkower Straße, im Gewerbegebiet eine verranzte Location, vor der schon genügend Leute warten. Auch ich stelle mich dazu, am Einlass gibt es die Auskunft, dass es noch ein bisschen dauert. Vor der Tür ein Merkblatt über das richtige Verhalten bei den Abendveranstaltungen, um Belästigungen zu vermeiden; offenbar bin ich nicht mehr auf dem Stand der Hinweise für Alternativkonzerte. Als es dann losgeht, will man beim Einlass die Kamera meines Handys abkleben. Eine kurze Nachfrage, ob hier denn wirklich das Konzert sei, ergibt, dass ich 15 Minuten für einen Körpererfahrungs- und SM-Workshop angestanden habe. Ich werde zwei Häuser weiter geschickt und gehe an den fassungslosen Türstehern so würdevoll wie möglich weiter. Ich tröste mich damit, dass mir der Irrtum wahrscheinlich auch so irgendwann im Laufe des Abends aufgefallen wäre.

(In der Umgebung hätte es ja auch noch ein paar andere Alternativen gegeben:)

Im Kvu angekommen höre ich mir den Soundcheck von Moloch an. Atmosphäre eines Jugendzentrums der 80er Jahre, Eintritt als Spende, 5-8 Euro, es wird geraucht, es gibt Sofas. Auf dem Sofa treffe ich ein Berliner Urgestein, das verzweifelt versucht, meinen Beruf zu erraten. "Ey, du bist Bulle, wa?" - "Nein, warum denn?" (Zeigt auf meinen Bauch) "Aber vom Finanzamt, wa?" "Nein." "Jetzt weiß ick: Inkasso." (Wahrscheinlich ist es ein Fehler, Cordhosen zum Punkkonzert anzuziehen.) Mit ein paar Bier wird das alles geklärt. Auch das Bier erinnert an Jugendzentren der 80er: Die Halbe für 1,80.

Moloch spielen und gefallen mir überraschend gut. Alles ziemlich heftig, aber jenseits der üblichen Punkklischees. Gute Band.

Danach Peppone. Ich habe hier ja schon genug von der Band geschwärmt. Live auch extrem gut und sympathisch. Leider ein eher kurzes Set, aber alle Hits dabei, "Das Urteil", inzwischen mein Lieblingslied der neuen LP,

"Das Schweigen", "Herr Ober","Die Raupe" und natürlich "Raketenrucksack". Hat Spaß gemacht, konnte man auch schön dazu herumhopsen. Die letzten Lieder spielen die Peppones auch mit richtigem Schlagzeuger, der Gitarrist von Ben Racken setzt sich an die Drums. Interessanterweise fehlt einem  aber auch bei den Liedern mit Beatbox nichts.

Danach Ben Racken, da es aber schon nach 12 ist, mache ich mich auf den Heimweg. Auf dem Weg zur S-Bahn treffe ich G. aus Burundi, der auch bei dem Konzert war. Ich erfahre, dass er die Band von seiner Zeit in Magdeburg kennt und gut findet. Wir haben fast den gleichen Heimweg und verabreden uns für das Pankower Trommelfest im Juli.

Samstag, 22. April 2017

Vögel

Über die merkwürdigen Münchner Punkbands der frühen 80er habe ich ja schon geschrieben. A+P hatten früh eine LP, auf der neben dem üblichen Punkkram auch noch ein paar sehr seltsame Lieder waren. Dazu gehört sicherlich auch das folgende, Vögel. Ich hatte vom Text immer nur noch eine Zeile in Erinnerung, der ist aber insgesamt sehr schräg. Zumindest der Refrain "Grizmek hat nen Knall" ist nur für Kinder der 80er verständlich.

Dienstag, 18. April 2017

Playing tricks

Ein weiterer Beitrag zur Archivpflege. 1989 hatte ich begonnen mit einem Vierspurgerät in meinem Zimmer aufzunehmen; bald zogen wir zu Pobsl in den Keller um, wo wir merkwürdigen Folk fabrizierten. Später spielten wir ein paar dieser Lieder dann auch mit Band, "Playing tricks" war eher nicht dabei, weil sich dieses nervöse Gitarrengehämmer schlecht mit Band umsetzen ließ. Ich mag das Lied aber immer noch, vor allem wegen der schönen Blues harp, die Pobsl spielte.

(Keine Ahnung, warum ich mich im Text damals so aufregte.)

Die Erinnerung dunkelgrau

So hieß das Bäckar-Tape, das wir 1989 herausbrachten. Waren ein paar schöne Lieder dabei, z.B. der Konzert-Evergreen "Ratten" (Punkrock ist, wenn man das Intro auch nach 10 Jahren noch nicht fehlerfrei spielen kann). Für das Video habe ich ein bisschen in den Archiven nach Bildchen gekramt.

Und das Stück "I'm alone", mehr Hüsker Dü wurde es bei uns nicht mehr. Unser damaliges Konzept war es, Lagerfeuerlieder mit verzerrten Gitarren zu spielen.

Sonntag, 16. April 2017

Vor dreiunddreißig Jahren

Auch wenn ich hier drei Tage verspätet bin, habe ich's natürlich nicht vergessen: am 14.4.1984 wurde die Band "Die Bäckar" gegründet. Anderswo habe ich schon einmal über diesen Tag geschrieben.

Zur Feier des Tages ein Stück aus dem 1989er Tape "Die Erinnerung dunkelgrau". "Winter" habe ich immer gern gemocht, der Refrain bleibt einem schon im Gedächtnis. Es gibt auch Gründe, warum ich das Lied lieber erst im Frühling hier einstelle.
Nur von musikhistorischem Interesse für Erforscher des Allgäuer low-budget Punks der späten 80er oder tatsächlich noch etwas, das man sich anhören kann? Diese Beurteilung kann ich euch nicht abnehmen. Ich werde hier auf jeden Fall in der nächsten Zeit noch ein bisschen mehr von den noch vorhandenen Aufnahmen einstellen,

Dienstag, 4. April 2017

Donnerwetter, verdammte Scheiße, ein Whisky

Nachdem hier vor ein paar Tagen suchtmittelverherrlichende Musik aus dem Griechenland der Dreißiger Jahre das Thema war, heute einmal etwas zu suchtmittelverherrlichenden Musik der Bundesrepublik der frühen Siebziger.

Heino hatte damit einen großen Hit. Bevor ich auf das Lied eingehe (und die merkwürdige Überschrift des Beitrags erläutert), muss ich ein paar peinliche Enthüllungen zu Heino machen: Als Kind durfte ich Samstags immer Hitparade sehen und Anfang der Siebziger waren die Interpreten der Sendung immer in großen Bildern in der Kulisse angekündigt. Ich weiß, dass ich mich immer gefreut habe, wenn da auch Heino zu sehen war. Wahrscheinlich ist Heino mit "Die schwarze Barbara" das früheste Fernseherlebnis, an das ich mich erinnern kann (noch in schwarz-weiß). Es macht es wahrscheinlich nicht besser, dass Heino in der amerikanischen Alternative-Szene der Achtziger ein paar Fans hatte, ich erinnere mich an ein Interview mit Jello Biafra zu dem Thema und Beck war, glaube ich, auch Heino-Fan.

"Karamba, Karacho, ein Whisky" ist ein Lied, bei dem ich sofort das Bild eines der damals beliebten vom Heimwerker ausgestatteten Partykeller vor Augen habe. Der Text spricht die Sehnsucht nach Exotik an, exotische Spirituosen waren damals sowieso ein großes Schlagerthema. Nach meiner Erinnerung trank man damals aber eher Sachen, bei denen nicht der Rausch, sondern das Erblinden die größte Gefahr war, ausländischer Schnaps war eher ein absolutes Luxusgut (wenn's Whisky gab, war's dann wohl eher Racke Rauchzart, heimischer Sprit/Whisky-Verschnitt). Der Titel des Lieds zeigt auch ein bisschen das Problem der bundesdeutschen Lust an Exotik: Caramba soll eigentlich eine euphemistische Umschreibung für Carajo sein, Carajo aber bedeutet wörtlich soviel wie Penis. Die Übersetzung von "Karamba, Karacho ein Whisky" im Post-Titel ist also nicht an den Haaren herbeigezogen, es könnte sogar wörtlich "Pullermann, Penis, ein Whisky" heißen. Damit könnte man ja eigentlich ganz gut leben. (Da ich überhaupt keine Ahnung von Spanisch habe, musste ich lange überlegen, wo ich denn die Analyse dieses Heino-Titels zum ersten Mal gelesen habe. Dank Interwebs kam ich drauf: Herr Hennig hat dazu in der Berliner Zeitung mal geschrieben.)

Dann also mal mit Karacho zu neuen Taten! (Das Lied konnte ich mir allerdings nicht mehr bis zum Ende anhören. Als Vierjähriger war ich noch belastbarer.)


Samstag, 1. April 2017

Ouzo, Morphium und Haschisch



"Ouzo, Morphium und Haschisch - ich trinke, um zu vergessen" singt Roza Eskenazi in diesem Lied. Das sollte bei dieser Mischung gelingen. Das Lied ist tatsächlich 1935 bei Odeon regulär veröffentlicht worden. Für die Musik gab es offensichtlich ein Publikum.

Ansonsten ist hier im Blog ja eher von den alten Männern des griechischen Rembetiko die Rede, der große Markos ist für mich ein beständiger Tröster wie es ansonsten nur John, Jeffrey Lee oder Glenn sind. In den dreißiger Jahren gab es in Griechenland aber auch genügend Frauen, die bemerkenswerte Musik gemacht haben (die wunderbare Sotiria Bellou, von der hier schon die Rede war, und Stella Haskil, deren Mondlose Nacht ein Klassiker ist, waren eher in der Nachkriegszeit aktiv). Anfang der Zwanziger Jahre endete der törichte Versuch der Griechen, Konstantinopel zurückzuerobern mit einer verheerenden griechischen Niederlage, in deren Folge eine Million griechisch-orthodoxer Menschen aus der Türkei flüchten mussten. Die Flüchtlinge siedelten sich vor allem in den Großstädten an. Die orientalisch geprägte Musik der Flüchtlinge (nach dem griechischen Namen der Stadt Izmir, aus der viele kamen, oft Smyrna-Stil genannt) mischte sich bald mit der Musik der Rembetes-Subkultur. Anders als bei den Rembetes spielten hier oft professionelle und geübte Musiker, allerdings fand sich hier der gleiche Realismus und Pessimismus, der auch die frühere Rembetika-Musik so atemberaubend machen. Die dreißiger Jahre waren die Zeit der Sängerinnen, allen voran Rita Abatzi (von der man hier schon das schöne Lied "Schlag alles zusammen für mich" hören kann. Der Text endet, schon fast existenzialistisch mit den Zeilen "ich kann schon im nächsten Moment tot sein"). Während bei den Rembetes der vertrackte 9/8-Takt des Zembekiko, der den einsamen Tanz eines Mannes begleitete, vorherrschte, gab es beim Smyrna-Stil häufiger einen Verweis auf den Tsifteteli, eine Art griechischen Bauchtanz. Wie das Eingangslied beweist, gab es auch ansonsten wenig Tabus in der Musik, das schien aber dem großstädtischen Bürgertum in Griechenland in den Dreißigern gut zu gefallen, die Cafés, in denen Roza Eskenazi oder Rita Abatzi sangen, waren gut besucht.

Roza Eskenazi ist in vielerlei Hinsicht eine faszinierende Frau, auf Youtube findet man Videos, wie sie noch mit 80 Jahren zu ihrer Musik tanzt. Wie ihr Name schon andeutet, war sie Jüdin; die Rembetika-Musik Smyrna-Style hat auch einiges mit der Klezmer-Musik gemeinsam. Es gibt einen interessanten Dokumentarfilm über sie, "Mein süßer Kanarienvogel" (in dem die Musik auch von zwei Musikerinnen aus Griechenland und der Türkei sowie einem Musiker aus Israel nachgespielt wird, was den eigentlich übernationalen Charakter dieser Musik schön unterstreicht). An Dramatik stand ihr Leben kaum dem der berühmten Bluessängerinnen nach.

Donnerstag, 30. März 2017

Mutter Erde

Heute vor 21 Jahren ist Jeffrey Lee Pierce im Alter von 36 Jahren gestorben. Seine Band Gun Club hat mir viele musikalische Welten erschlossen, die ich ansonsten nicht entdeckt hätte. In der Zeit, in der ich in unserem Jugendzentrum aufgelegt habe, gab es keinen Tag, an dem nicht auch "Mother of Earth" gelaufen wäre. In einer Punk-Kneipe country-angehauchte Musik laufen zu lassen, war eigentlich mutig. Von ein paar Gästen weiß ich, dass sie nach ein paar Durchgängen dann auch die Platte gekauft haben.

Mother of Earth ist ein gutes Lied für Todestage, zeitlos schön.

(Gerade sehe ich, dass ich das vor zwei Jahren schon einmal, noch ein bisschen ausführlicher geschrieben habe. Macht nichts. Und genauso wie ich das Lied im JZ dauernd laufen habe lassen, kommt es halt hier immer wieder. Bis alle die Miami-LP gekauft haben.)


Mittwoch, 29. März 2017

Bevor Ihr uns verlasst...

Wenn die Briten wenigstens so charmant Schluss gemacht hätten wie Nikki Sudden in diesem schönen Lied.

Das wird alles nicht schön in den nächsten zwei Jahren.

(Nikkis elfter Todestag liegt gerade drei Tage zurück; Grund genug an ihn zu denken.)

Montag, 27. März 2017

"Herr Wanzl, wie haben Sie das gemacht?" (2)

(Fortsetzung des Interviews mit Franz-Xaver Wanzl.)

HN: Wie kamen Sie denn zu dem "Bestie vom Schindeldorfer Forst"-Projekt? Wurde über solche Horror-Sujets nicht eher die Nase gerümpft bei alternativen Filmemachern?

FX: Das stimmt nicht ganz. Sie dürfen nicht vergessen, dass auch Geißendörfer 1970 mit "Jonathan" einen Vampirfilm gedreht hat - und sogar einen recht heftigen. Unsere Motivation war aber noch etwas anders: Wir hatten bei dem Schraubenziehermann-Projekt gesehen, dass man mit solchen Genres tatsächlich Geldgeber erschließen kann. Deswegen hatten wir sogar eine recht plakative Horrorstory geplant - natürlich mit einem sehr systemkritischen Subtext. Aber für die Geldgeber haben wir erst mal von Blut und Busen erzählt.

HN: Blut und Busen?

FX: Na, Sie wissen schon. Das hat auch geklappt, wir haben einen guten Vorschuss bekommen, die Geldgeber freuten sich auf die Beteiligung des Fernsehballets und wir hatten den festen Vorsatz, nicht noch einmal die gleichen Fehler zu machen wie beim Schraubenziehermann. Also begannen Bonetti und ich gleich mit der Planung. Ein Bekannter von Bonetti hatte ein Waldstück in der Nähe von Schindeldorf, dort brachten wir unsere Schauspieler hin. Bonetti hatte eine lose Skizze gemacht, über einen Wahnsinnigen, der junge Leute im Wald mit einer Motorsäge angreift - das hatte sich so ergeben, weil der Bekannte ohnehin Holz machen musste, da war die Requisite schon einfacher.

HN: Das hört sich aber genauso an wie Texas Chainsaw Massacre?

FX: Natürlich hört es sich genauso an, aber verstehen Sie nicht? Wir waren drei Jahre früher. Ich ärgere mich heute noch, dass Tobe Hopper die Idee einfach abgreifen konnte, aber uns waren ja dann die Hände gebunden.

HN: Was ist denn passiert?

FX: Bonetti hatte die Idee, die Schauspieler die Geschichte improvisieren zu lassen, das würde dann auch zu echteren Reaktionen führen. Es kann auch damit zu tun gehabt haben, dass sein Drehbuchentwurf noch äußerst rudimentär war. Und ehrlich gesagt, waren die meisten Beteiligten noch nicht einmal Schauspieler, sondern irgendwelche jungen Leute aus umliegenden Wirtshäusern.  Als Katalysator hatten wir vorgesehen, dass wir den Beteiligten LSD in den Kräutertee schütten - die Grateful Dead haben das ja auch immer gemacht. Am ersten Tag ging das auch hervorragend, leider war das Filmmaterial unbrauchbar, weil auch der Kameramann zuviel hatte. Am zweiten Tag geriet die Geschichte etwas aus dem Ruder und im Nachhinein muss ich sagen, es wäre besser gewesen, wenn man keine funktionstüchtige Motorsäge mitgenommen hätte. Die Staatsanwaltschaft ließ sich dann noch überzeugen, dass es sich um Unfälle bei der Waldarbeit gehandelt habe, das Filmmaterial haben sie allerdings beschlagnahmt. Bei der Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach liegen noch Filmrollen in der Asservatenkammer, da könnte man so ein Ding wie diesen einen Waldhexen-Film...

HN: Blair Witch Project?

FX: ...ja genau, da könnte man so ein Ding ohne Weiteres zusammen schneiden. Wir waren unserer Zeit voraus. Aber abgesehen davon, dass ich seit dieser Zeit nur noch neun Finger habe, die Schadensregulierung hat mich einiges an Geld gekostet. Wir haben dann auch noch mit dem Förster Ärger bekommen. Es war klar, dass dieses Projekt beendet war.

HN: Und was war mit den Geldgebern?

FX: Für die haben wir mal wieder eine Vorspannsequenz gebastelt, lahmes Zeug, die guten Aufnahmen waren ja beim Staatsanwalt. Allerdings genügte die Vorlage des Vorspanns, um den Vorschuss nicht zurückzahlen zu müssen. Die Filmrolle habe ich immer noch:

HN: Von wem war die Musik?

FX: Das waren Leute vom Orchester Bad Kreuznach, die dann einen sehr guten Job gemacht haben. Am Anfang dachten wir aber, dass das nie etwas wird. Wir haben denen erklärt, was wir etwa wollen und die kamen nur mit so etwas wie "In den Hallen des Bergkönigs" an. Bonetti hatte dann die Idee, es auch dort mit etwas LSD zu versuchen, und für das Titelstück war das genau das Richtige.

HN: Gibt es noch mehr von der Filmmusik?

FX: Nein, das Stück war zwar gut, aber danach waren die alle nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu spielen. Bonetti hat wohl die Dosierung nicht ganz im Griff gehabt. Zwei haben danach vollständig aufgehört mit dem Orchester. Das war für mich auch noch eine teure Geschichte.

HN: War das das Ende der Zusammenarbeit mit Bonetti?

FX: Unser Verhältnis war schon etwas belastet, vor allem, weil er der Auffassung war, dass wir eigentlich einen wunderbaren Film hätten und es nicht seine Schuld sei, wenn die Polizei auf dem Material sitze. "Mensch FX," hat er immer gesagt, "wenn du nicht so eine Wurst wärst, dann würdest du dir den Film eben aus der Asservatenkammer klauen. Wir haben doch noch die Kettensäge!" Das stimmte natürlich nicht, die Säge war ja auch in der Asservatenkammer. Ich war dann eine Zeitlang nicht mehr in Bad Kreuznach, sondern habe bei "Mosaik" ein paar innovative neue Dinge entwickelt. Aber nach ein paar Monaten rief er an und erzählte mir von "Eike". Und ich dachte: Das muss der Durchbruch sein.

(Wird ggf. fortgesetzt.)